hybrides Arbeiten

Vor der Pandemie galt für Arbeitnehmende die Anwesenheitspflicht. Während der Pandemie wurden alle ins Homeoffice geschickt. Und jetzt?

Jetzt scheint die Pandemie überstanden zu sein. Die Homeofficepflicht wurde wieder abgeschafft und langsam aber sicher kehren die Mitarbeitenden in ihre Büros zurück. Aber ist das „New Normal“ das „Old Normal“? Laut der StepStone-Umfrage „Arbeiten in der Corona-Krise“ wollen nur 11 Prozent der Arbeitgebenden die gesamte Belegschaft ins Büro zurückholen und 6 Prozent wollen alle Mitarbeitenden im Homeoffice lassen. Die meisten Unternehmen arbeiten an Konzepten, die ihren Mitarbeitenden ein hybrides Arbeiten ermöglichen. Ein Win-Win für Arbeitgebende, wie Arbeitnehmende. 

Die Pandemie als Katalysator

Schon vor der Pandemie gab es Mitarbeitende, die immer mal wieder im Homeoffice gearbeitet haben. Laut einer Bitcom Studie aus dem Jahr 2019 erlaubten damals knapp 40 Prozent der Unternehmen ihren Angestellten im Homeoffice zu arbeiten. In aller Regel aber nur in Ausnahmefällen oder nur einen Tag pro Woche. Die Vorbehalte gegenüber dem Arbeiten im Homeoffice waren groß. Bedenken wie „Homeoffice ist nicht für alle Mitarbeitenden möglich und niemand solle ungleich behandelt werden“ oder „Homeoffice senkt die Produktivität und Innovationskraft“ waren an der Tagesordnung. 

Dann kam Corona und mit Corona der Lockdown. 

Quasi über Nacht mussten die Unternehmen ihren Mitarbeitenden das Arbeiten im Homeoffice ermöglichen. So auch die Steuerkanzlei Wedding und Partner in Frankfurt. Die Tendenz zum Arbeiten im Homeoffice war bei Wedding und Partner bereits gegeben. Schon vor der Pandemie war das Unternehmen digital gut aufgestellt. „Die Infrastruktur für das Arbeiten im Homeoffice war vorhanden. Die Umstellung, die der Lockdown mit sich brachte, daher nicht schwierig“, so Johannes Wedding, Gründer und Inhaber von Wedding und Partner. Dennoch hat Corona die Entwicklung hin zum hybriden Arbeiten auch bei Wedding und Partner beschleunigt. Während die Geschäftsleitung vor der Pandemie noch zusätzliche Büroräume angemietet hatte, um für zukünftige Mitarbeitende ausreichend Platz zu haben, wird jetzt über ein ganz neues Modell nachgedacht. Ähnlich den Modellen bei großen Unternehmen wie TUI, DZ Bank und SAP. 

Das „new normal“ ist hybrid

Bei der DZ Bank in Frankfurt gilt seit Mitte diesen Jahres die Betriebsvereinbarung „Mobiles Arbeiten“. Die neue Vereinbarung erlaubt größtmögliche Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsorts, da sie keine Quoten vorgibt. Auf einer Art Musteretage wird das „new normal“ bereits getestet. Die Etage ist so eingerichtet, dass sie vielseitig genutzt werden kann. Für Gruppenbesprechungen, als Lounge, als klassischer Schreibarbeitsplatz oder aber auch als Rückzugsort für einzelne Mitarbeitende. Wer hier arbeiten möchte, muss sich morgens einen Schreibtisch suchen und diesen abends wieder so verlassen, wie er/sie ihn vorgefunden hat. Jeder Arbeitsplatz ist ausgestattet mit einer beweglichen Kamera und Mikrofonen und garantiert so den problemlosen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice. Die Nachfrage ist groß.

Ein ähnliches Modell fährt auch TUI. Hier gibt es ebenfalls das Konzept des „Clean Desk“. Für die insgesamt 3000 Mitarbeitenden am Standort Hannover gibt es nur noch 1.700 Arbeitsplätze. Wer im Büro arbeiten möchte, muss sich einen Platz „mieten“. 

Diese Reduktion an Arbeitsplätzen und somit auch an Arbeitsfläche ist ein Trend, wie die Unternehmensberatung PwC in einer Studie herausfand. 60 Prozent der deutschen Unternehmen planen ihre Büroflächen um durchschnittlich ein Fünftel zu reduzieren. Dass das auch für kleinere Unternehmen gilt und möglich ist, zeigt die Frankfurter Steuerkanzlei. Die Umorganisation der Arbeitsplätze wird auch hier dazu führen, dass Wedding und Partner sich flächenmäßig, im Verhältnis zur Anzahl der Mitarbeiter, verkleinert.

Drei Mitarbeitendentypen, zwei Arbeitsplatzmodelle

„Wir haben festgestellt, dass sich unsere Belegschaft in drei Gruppen unterteilt. Ein Drittel ist begeistert darüber, ausschließlich im Homeoffice zu arbeiten und erbringt die gleiche Leistung wie im Büro. Ein Drittel tut sich etwas schwerer und würde gerne nur zeitweise im Homeoffice arbeiten und das letzte Drittel braucht die klaren Strukturen, die nur durch ein Arbeiten im Büro gegeben sind,“ berichtet Wedding. Zukünftig wird es daher auf zwei Etagen zwei unterschiedliche Arbeitsplatzmodelle geben. Für die Gruppe, die sich schwer tut, im Homeoffice zuarbeiten, wird es auch zukünftig auf einer Etage die alt bewährten, festen Arbeitsplatz geben. Die andere Etage wird den Mitarbeitenden vorbehalten sein, die nur gelegentlich ins Büro kommen. Hier gibt es dann pro Mitarbeitendem nur noch 0,50 Arbeitsplätze. Auch hier wird die „Clean Desk“ Regel gelten.

Holger Hieronymus, Führungskraft bei Wedding und Partner, gehört zur Gruppe derer, die gerne im Homeoffice arbeiten. Als junger Vater genießt er die Freiheit, die ihm diese Art des Arbeitens ermöglicht. „Nicht immer und ständig im Büro anwesend sein zu müssen, erlaubt es mir, für meine gerade geborene Tochter da sein zu können. Eine Bindung aufzubauen und ihre Entwicklung zu begleiten. Eine Freiheit, die ich als großes Geschenk empfinde.“ Eine Freiheit, die er selbstverständlich auch seinen Teammitgliedern gewähren will. „Alles kann, nichts muss“ ist Hieronymus’ Devise. Allerdings stellt er auch fest, dass seine Mitarbeitenden gerne ins Büro kommen. „Meine Mitarbeitenden wollen zurückkommen und im Büro arbeiten,“ berichtet er. Der Austausch untereinander ist ein anderer, ob man sich nur virtuell oder in persona sieht.

Wo die Freiheit schon grenzenlos ist

Eine Erfahrung, die man so auch bei SAP gemacht hat. Die Mitarbeitenden von SAP hatten schon vor Corona viele Freiheiten, was das Arbeiten im Homeoffice betrifft. Nach Corona ist die Freiheit schon grenzenlos. Alle Mitarbeitenden können arbeiten wann und wo sie wollen – egal ob das „Wo“ Zuhause, auf Reisen oder im Büro ist. In einer Mitarbeitendenbefragung hatten sich 94 Prozent der Beschäftigten für einen zu „100 Prozent flexiblen und vertrauensbasierten Arbeitsplatz als Norm, nicht als Ausnahme“ ausgesprochen. Tatsächlich arbeiten bei SAP zur Zeit noch 90 Prozent der Angestellten im Homeoffice. 86 Prozent aller Beschäftigten wollen aber zukünftig eher hybrid arbeiten. Denn die Büros dienen, wie Cawa Younosi in einem Gespräch mit tagesschau.de äußerte, „als modernes Lagerfeuer - für den persönlichen Kontakt, für Karrieretipps und sonstigen Austausch.“ Eine Einschätzung, die auch Verena Pankoke, systemische Organisationsentwicklerin und Expertin für Arbeitskultur, teilt. „Wir haben in den zurückliegenden 1,5 Jahren erlebt, wie sehr uns die alltäglichen Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen fehlen. Wer hätte geglaubt, dass ihm oder ihr der Flurfunk fehlen würde?“ Sie empfiehlt daher Unternehmen, verbindliche Team-Tage und regelmäßige Firmen-Events zu etablieren.

 

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