Christine Buckenmaier gehört zur Sandwich-Generation. Der Generation zwischen 30 und 44 Jahren, die ihren Beruf mit Kindern und Pflege von Angehörigen vereinbaren müssen. 

Christine Buckenmaier ist Geschäftsführerin und arbeitet als solche Vollzeit. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Als ihre Mutter im November 2018 überraschend starb, ihre Tochter war gerade geboren, kam quasi über Nacht die Pflege der 96-jährigen Oma und des nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmten, parkinsonkranken Vaters noch dazu. Seitdem sind ihre „Tage einfach zu kurz“, wie sie selbst sagt. Ihre To-Do Listen sind so lang, dass sie nie fertig abgearbeitet sind und zu allem Überfluss kommt immer noch mal etwas Unvorhergesehenes dazu: Wie die Ziegel, die beim Sturm vom Dach ihres Vaters Haus gefallen sind. Oder der Wasserschaden, der erst entdeckt wurde, als das Wasser schon über eine Woche unbemerkt aus dem Hahn lief.

So wie Christine geht es immer mehr Menschen der so genannten Sandwich Generation. Der Generation zwischen dem 30. und 44. Lebensjahr, die sich erst relativ spät für Kinder entschieden hat und deren Eltern schon alt und zum Teil pflegebedürftig sind. Ende 2019 gab es in Deutschland 4,1 Millionen Pflegebedürftige. Tendenz steigend. 80 Prozent davon werden zu Hause gepflegt. 2,33 Millionen davon von Angehörigen. Eine davon – Christine.

Plötzlich pflegend

Der plötzliche Tod ihrer Mutter hat sie selbst, aber auch den Rest der Familie, völlig aus der Bahn geworfen. Sie war nach der Geburt der Tochter sofort wieder in den Job eingestiegen. Ihr Mann in Elternzeit. Um die Beerdigung, aber auch die Pflege ihres Vaters und der Oma zu organisieren ist Christine für zwei Wochen mit Mann und Kind in die 150 Kilometer entfernte Gemeinde zu ihrem Vater gezogen. „Damit beide versorgt sind, haben wir uns für eine 24-Stunden Pflegekraft entschieden“, berichtet Christine. „Wir haben einige Angebote eingeholt, aber so kurz vor Weihnachten war es echt schwer, jemanden zu finden. Hinzu kam, dass die erste Pflegekraft eine Vollkatastrophe war.“ 

Johannes Winklmair ist Fachbereichsleiter der Pflegeberatung bei famPLUS. Er weiß: „Wer einen Pflegefall in der Familie hat, steht am Anfang immer vor riesigen Herausforderungen. Alles muss organisiert und finanziert werden. Anträge müssen gestellt und Termine vereinbart werden. Hinzu kommt, dass das Thema sehr emotional ist. Immerhin geht es um ein nahes Familienmitglied. Bei vielen kommt dann auch noch die räumliche Distanz zwischen Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen „on top“. Wir raten daher, das Thema präventiv anzugehen.“ Um den Druck rauszunehmen, rät Winklmair Fragen wie: Welche Beratungsstellen und Versorgungsmöglichkeiten gibt es vor Ort? Ist eine Vorsorgevollmacht vorhanden? Was wünscht der Angehörige? schon vorab zu klären, sowie eine Pflegeberatung zu nutzen.

Traurig, aber etwas einfacher wurde es, als Ende Dezember 2018 die Oma verstarb und somit „nur“ noch ein Pflegefall zu versorgen war. Leider war die „Verschnaufpause“ aber nur von kurzer Dauer. Kurz nach dem Tod der Oma brach die Corona Pandemie über Deutschland herein. Da mittlerweile sowohl Christine als auch ihr Mann wieder Vollzeit arbeiten, war das Frühjahr 2020 nach Christines eigenen Worten „echt traumatisierend“: Der damalige Pflegedienstanbieter konnte nicht sicherstellen, dass Pflegepersonal über die Grenze kommt. Um so dramatischer, da die Pflegekräfte alle sechs bis zwölf Wochen wechseln. Hinzu kam, dass eine Pflegekraft nicht alle Aufgaben übernehmen kann. Trotz Ausgangsbeschränkungen musste Christine immer wieder zu ihrem Vater fahren, um sich um das Haus zu kümmern, ihn zum Arzt zu fahren oder den Großeinkauf zu erledigen. Ihr Motto: Man wächst mit seinen Aufgaben. Wenn etwas gehen muss, dann geht es irgendwie. Mittlerweile hat sich die Corona Situation zwar entspannt, aber Christine verbringt noch immer viel Zeit im Auto, da sie mit ihrer Familie in München wohnt, ihr Büro 40 Minuten Fahrtzeit von ihrem Zuhause liegt und das Haus ihres Vater noch mal 150 Kilometer weiter entfernt. Obwohl sie frei darüber entscheiden kann, ob sie im Homeoffice oder im Büro arbeitet, ist sie meistens vor Ort im Büro. „Der Kindergarten liegt auf halbem Weg ins Büro. Denn, auch wenn ich alles stehen und liegen lassen kann, um was für meine Tochter oder meinen Papa zu machen, muss ich meine Arbeit schaffen“, sagt sie. 

Politik unterstützt

Die Regierung hat erkannt, dass die Unterstützung im Haushalt ein wichtiger Faktor bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bzw. auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist. Wer eine Haushaltshilfe anstellt, kann bisher 20 Prozent oder maximal 4000 Euro jährlich von der Steuer absetzen. Künftig soll es für alle, die eine "familien- und alltagsunterstützende" Dienstleistung in Anspruch nehmen, eine Zulage oder einen Gutschein geben. Die neue Regierung plant dafür zusätzliche steuerfreie Arbeitgeberzuschüsse. Darüber hinaus soll das Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetze weiterentwickelt und pflegenden Angehörigen nicht nur mehr Zeitsouveränität geben, sondern auch Lohnersatzleistungen ähnlich dem Elterngeld ausgezahlt werden. Mit dem derzeitigen Pflegezeitgesetz haben Angehörige einen Anspruch auf Familienpflegezeit und somit einen Anspruch auf eine teilweise Freistellung für die Pflege naher Angehöriger. 

Christines Erfahrung mit der Umsetzung des Familienpflegezeitgesetzes ist leider nicht so gut: „Der Papierkram bringt mich oft zum Verzweifeln. Ich habe letztes Jahr Verhinderungspflege beantragt. In aller Regel pflegt jemand vor Ort oder lebt näher dran bzw. ist vielleicht schon im Ruhestand oder arbeitet nicht so viel wie wir. Unser Konstrukt ist somit nicht Standard. Auf dem Bescheid wurde ich dann an einen Berater verwiesen, der allerdings 0,0 Unterstützung war.“ Auch die Abrechnung mit der Krankenkasse bringt sie zuweilen unter Druck. Da ihr Vater privatversichert ist und Medikamentenrechnungen in Höhe von ca. 1.000 € pro Monat hat, muss alles immer rechtzeitig eingereicht werden, damit es auf dem Konto nicht zu knapp wird. Auch ist es oftmals schwierig Behandlungen zu organisieren. Sehr unterstützend ist allerdings die Hausärztin des Vaters. Mit ihr steht Christine im WhatsApp Kontakt: „Das hilft mir wirklich sehr. Wenn wir am Wochenende feststellen, dass etwas ist und sie vorbeikommen soll, schreibe ich ihr kurz und dann läuft das.“

Arbeitgebende müssen Verständnis haben und unterstützen

Aber auch der Arbeitgebende ist wichtig. Als Betroffene weiß Christine, wie wichtig. Deshalb haben alle Angestellten der Agentur ebenfalls alle Freiheiten bei der Gestaltung ihrer Arbeit. Jede und jeder Mitarbeitende kann frei darüber entscheiden wann und wo gearbeitet wird. Wichtig ist das Ergebnis. Noch viel wichtiger als das ist aber das Verständnis, das die Geschäftsführung den Mitarbeitenden entgegenbringt. Sei es, weil ein Kind krank ist und der oder die Betreffende nicht ins Büro kommen kann. Sei es, dass jemand einen plötzlichen Pflegefall in der Familie hat. „Sowohl ein krankes Kind als auch einen Pflegefall kann man nicht vorhersehen. Wir reagieren in jedem Fall mit dem größtmöglichen Verständnis und setzen alles daran, die Mitarbeitenden nicht noch mehr unter Stress zu setzen. In aller Regel ist beides für sich schon stressig genug.“ 

Vorreiter auf diesem Gebiet sind auch große Konzerne wie SAP und die BASF. So gewährt SAP seinen Mitarbeitenden nicht erst seit der Corona Pandemie maximale Flexibilität. Schon seit Jahren können die Mitarbeitenden des Unternehmens die Vorzüge von Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsort genießen. Darüber hinaus hatte SAP schon im Jahr 2017 die Teilzeitfalle abgeschafft. Wer wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen Stunden reduzierte, kann seitdem problemlos wieder zum ursprünglichen Umfang zurückkehren. 

Auch die BASF ist aktiv geworden und bietet ihren Mitarbeitenden mit Pflegeaufgaben neben flexiblen Arbeitsmodellen auch verschiedene Freistellungsmöglichkeiten. Das Familienpflegezeitgesetz ergänzt die BASF durch eine betriebliche Vereinbarung, die es Beschäftigten ermöglicht, den gesetzlichen Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit von zwei Jahren auf bis zu sechs Jahre zu verlängern.

Pflege ist nicht planbar

In Christines Familie hatten alle gedacht, dass die Oma und der Vater vor der Mutter sterben würden. Alle sind sich darin einig, dass die Mutter sich an der Pflege kaputt gearbeitet hat. Ein Problem, das durchaus sehr häufig vorkommt. Die Ergebnisse einer Befragung im Rahmen des Projektes „Zielgruppenspezifische Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige“ (ZipA) ergab, dass diese häufig körperlich und emotional überfordert sind. Sie schämen sich für die Situation, ihre eigene Hilflosigkeit und trauern gleichzeitig. Sind gestresst und gleiten durch den hohen Arbeitsaufwand in die soziale Isolation. Bei vielen zeigten sich in der Selbsteinschätzung Anzeichen einer Depression. „Viele Menschen leiden unter dem ständigen Druck,“ weiß auch Winklmair.„Reicht die organisatorische Unterstützung nicht mehr, raten wir zum einen dazu, sich mit anderen pflegenden Angehörigen in Selbsthilfegruppen auszutauschen. Aber auch psychologische Hilfe durch beispielsweise ein EAP (Employee Assistance Program) kann helfen. Hier finden Mitarbeitende anonym schnelle psychologische Hilfe. Manchmal reicht es schon, einfach mal reden zu können.“

Gemeinsam geht es besser

Christine ist zum Glück nicht alleine. Sie hat noch eine Schwester, die näher beim Vater wohnt und alltägliche Aufgaben wie Einkäufe, Friseur oder Fußpflege übernimmt. Christine kümmert sich um alles schriftliche, finanzielle und dann die größeren Themen wie z.B. Augen-OP mit vier Arztterminen. Christine weiß aber: „Ohne meinen Mann, der immer für mich und meine ganze Familie da ist, würde es nicht gehen. Er hat nicht nur ein Jahr Elternzeit genommen, sondern auch jetzt teilen wir uns die Kinderbetreuung und alles was zu Hause anfällt. Er unterstützt mich aber auch mit meinem Vater. Ein Mal pro Monat fährt er mit und kümmert sich dort um alle schweren Arbeiten.“ Die Erfahrungen mit ihrem Vater und der Tochter haben Christine aber auch den Kreislauf des Lebens nochmal deutliche vor Augen geführt. „Es gab eine Phase, da waren beide motorisch und sprachlich gleichauf. Er entwickelt sich zurück, die Kleine weiter. Gerade fängt sie an, ihrem Opa beim Aufstehen, Gehen oder Essen zu helfen. Es ist wirklich goldig zu beobachten. So ist das Leben – ein Kreislauf.“ 

 

Bildnachweis: pexels/matthias-zomer