New Work ist kein Homeoffice

Der Begriff „New Work“ wird seit einigen Jahren gehyped. Wer im „war for talents“ vorne dabei sein will, muss nach dem New Work Prinzip arbeiten.

Die Überzeugung, dass Homeoffice mit New Work gleichzusetzen ist, ist unter den Unternehmensvertretenden Deutschlands weit verbreitet. Das Institut for New Work and Coaching (INWOC) erhebt jährlich das New Work-Barometer. In diesem Barometer werden unter anderem verschiedene Verständnisse von New Work vorgestellt. Sie reichen vom ursprünglichen Konzept von Frithjof Bergmann bis hin zur Annahme, dass es sich bei New Work um Homeoffice und Arbeitszeitflexibilisierung handelt.

2022 beteiligten sich 581 Unternehmensvertretenden an der Befragung. Das Ergebnis: In Deutschland scheinen deutlich mehr Unternehmen New Work mit Arbeitsplatz- und Arbeitszeitautonomie zu assoziieren als mit Bergmann.

 

New Work ist die Arbeit, die ein Mensch wirklich will.

Aber was genau ist jetzt New Work? Der amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann bezeichnete damit in den 1980er Jahren einen Wandel der Arbeitswelt, der kapitalistische Arbeitsmodelle gewissermaßen ins Gegenteil umkehrt. Statt die Arbeit als Mittel zum Zweck zu sehen, rücken jetzt der Mensch und seine Bedürfnisse in den Vordergrund. „New Work fragt, wie Arbeit gestaltet werden kann, so dass sie Mitarbeiter*innen Freiheit, Sinnhaftigkeit und Verantwortungserleben sowie Entwicklungsmöglichkeiten bietet.“, weiß Johanna Fink, Trainerin für Teilzeit-Führungskräfte und Expertin für New Work. „New Work geht aber noch weiter. Denn die New Work Bewegung versucht darüber hinaus noch Antworten auf die Fragen zu finden, wie Verantwortung so in Organisationen verteilt werden kann, dass sich Mitarbeiter*innen empowert, aber nicht überfordert fühlen? Wie Arbeitsräume gestaltet sein müssen, damit verschiedene Arbeitsformen optimal unterstützt werden? Wie Technologie so eingesetzt werden kann, dass sie orts- und zeitabhängiges Arbeiten optimal unterstützt?“

 

Die „Big Four“

Das Zukunftsinstitut hat für die kommenden Jahre vier New Work Megatrends identifiziert, auf die sich Unternehmen werden einstellen müssen. Die Corona Krise hat zwar bereits als Katalysator für einige davon fungiert. Dass während der Pandemie alle Mitarbeitenden ins Homeoffice geschickt wurden, die im Homeoffice arbeiten können, hat der Digitalisierung einen enormen Schub verliehen. Die Digitalisierung hat Arbeitsstrukturen gefördert, die von Work-Life-Blending, Kollaboration und Remote Work geprägt sind. Die Kultur in den Unternehmen ist agiler und adaptiver geworden. Die Krise hat aber noch mehr bewirkt. Mehr denn je, sehen die Mitarbeitenden sich als Problemlösende für gesellschaftliche Zukunftsaufgaben.

 

Purpose – Die Fragen nach dem Sinn

Zukunftsaufgaben zu lösen, gibt der Arbeit einen Sinn und die Mitarbeitenden wollen heute mehr denn je einen Sinn in dem sehen, was sie arbeiten. 

Dass insbesondere der „purpose“, also die Frage nach dem Sinn, immer wichtiger wird, hat 2020 eine Gallup Umfrage ergeben. Lediglich 20 Prozent der Europäer*innen sind mit dem Herzen bei ihrer Arbeit. Die meisten von ihnen Politiker*innen, Pfarrer*innen und Ärzt*innen. Berufe, denen allgemein eine gewisse Sinnhaftigkeit nachsagt wird. Eine Arbeitnehmerstudie des dänischen Unternehmens Peakon kam zu dem Ergebnis, dass 23 Prozent der Angestellten unmotiviert ins Büro gehen. Besonders lustlos: die Deutschen. Sie haben nicht den Eindruck, sich im Job selbst verwirklichen zu können. Mit Auswirkungen auf die Gesundheit aber auch auf die Wirtschaft. Laut Peakon kosten unmotivierte Mitarbeitende einem Unternehmen mit 10.000 Angestellten jährlich 48 Millionen Euro. Denn nicht nur liegt die Zahl der Krankentage bei unmotivierten Mitarbeitenden bis zu 75 Prozent höher. Auch die Bereitschaft, das Unternehmen zu verlassen, ist sehr hoch. "Arbeitnehmer wollen sich selbst verwirklichen. Sie wollen das Gefühl haben, in einem Unternehmen mit nachhaltigen Strukturen zu arbeiten", sagt Martin Daniel, der die Studie für Peakon mitbetreut hat. "Darum geht es - nicht um das nächste Bürofahrrad oder die Yoga-Stunde.“

New Work bietet für diese Sinnfrage den optimalen Nährboden. Denn mit New Work können Mitarbeitende ihre persönlichen Potentiale und Neigungen entfalten. Da in Zukunft immer mehr monotone und repetitive Arbeiten von Maschinen erledigt werden, rücken urmenschliche Fähigkeiten wie Kreativität und Empathie, die von Maschinen nicht geleistet werden können, wieder vermehrt in den Fokus. 

 

Die 4-Tage Woche 

Immer mehr Menschen legen Wert auf eine Work-Life Balance. Immer mehr Studien zeigen, dass Angestellte heute weniger Zeit im Unternehmen, aber mehr mit der Familie, Freunden oder mit Hobbys verbringen wollen. Das Statussymbol der Zukunft ist nicht mehr Geld sondern Zeit!

Erste Länder experimentieren mit der 4-Tage Woche. In Belgien wurde vor kurzem die Vier-Tage-Woche beschlossen. Allerdings bei gleichbleibender Arbeitszeit. Zukünftig können Arbeitnehmende ihre Arbeitszeit flexibel auf vier oder fünf Arbeitstage verteilen. Möglich macht das eine Verlängerung der täglichen Arbeitszeit. Auch in Großbritannien, Spanien und Island wird die 4-Tage-Woche getestet. Hier mit reduzierter Arbeitszeit, aber vollem Lohnausgleich. In Großbritannien wird der Versuch wissenschaftlich begleitet, um herauszufinden, wie sich die Reduzierung auf die Produktivität und das Wohlbefinden der Belegschaft auswirkt. Auch in Deutschland haben erste Unternehmen die 4-Tage Woche eingeführt. Darunter Start-Ups wie „Einhorn" aber auch kleine, traditionelle Unternehmen wie die Albrecht Bühler Baum und Garten GmbH.

Bereits 2018 testete die neuseeländische Fondsgesellschaft Perpetual Guardian für einige Monate die 4-Tage Woche. Alle 240 Mitarbeitenden reduzierten ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche – bei vollem Lohnausgleich. Begleitet wurde das Experiment von einem Forscherteam der Auckland University. Die Ergebnisse hätten nicht eindeutiger sein können: Obwohl die Mitarbeitenden weniger Zeit bei der Arbeit verbrachten, wuchs die Produktivität um 20 Prozent. Die Stresswerte der Beschäftigten reduzierten sich von 45 auf 38 Prozent. Unter anderem, weil Angestellte mit Familienaufgaben jetzt mehr Zeit für ihre Kinder oder zu pflegenden Angehörigen und den Haushalt hatten. Die Testphase ist bei Perpetual Guardian zum Standard geworden. 

 

Remote statt vor Ort

Das Büro hat ausgedient. In Zukunft werden viele nur noch für den informellen Austausch mit Kolleg*innen oder für Besprechungen ins Büro kommen. Die eigentlichen Arbeiten werden in konzentrierten Deep-Work-Phasen remote dort erledigt, wo man sich gerade aufhält. Das kann das Homeoffice sein, aber genau so gut auch das Café am Urlaubsort, der Küchentisch in der Ferienwohnung oder der Klapptisch im Van. In einer Arbeitswelt, in der es immer selbstverständlicher ist, dass man als Selbstständige*r, Freiberufler*in oder sich nur gelegentlich oder für einzelne Projekte anstellen lässt, werden immer mehr Menschen Arbeiten mit Reisen verbinden. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden halten wollen, werden sie loslassen müssen. Führungskräfte werden lernen müssen, remote und virtuell zu führen. 

Die Pandemie hat gezeigt, dass zahlreiche Aufgaben nicht zwingend im Unternehmen selbst erledigt werden müssen. Das hat dazu geführt, dass laut einer Mercer Studie bereits 70 Prozent der Unternehmen hybride Arbeitsmodelle einführen wollen. Mit positiven Effekten für das Unternehmen, denn nicht nur werden die Arbeitgebenden attraktiver für potentielle Angestellte vor Ort. Remote Work kann auch dem Fachkräftemangel entgegen wirken. Nicht für jede Aufgabe muss die/der Angestellte ständig präsent sein und somit können Fachkräfte auch im Ausland angestellt werden. 

 

Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance

Eng verknüpft mit Arbeiten im Homeoffice und Remote Arbeiten ist auch der vierte vom Zukunftsinstitut identifizierte Megatrend. Erwerbstätige Eltern, pflegende Angehörige – niemand will sich mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen. Die kommende Generation geht noch einen Schritt weiter: Sie will sich auch nicht mehr zwischen Beruf und Familie aufreiben müssen. Sie will sich nicht mehr auf die ewige Suche nach der Balance zwischen Beruf und Freizeit machen. Sie will beide Bereiche miteinander verschmelzen. Die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben verschwinden lassen, um so persönliche Bedürfnisse im Tagesverlauf besser berücksichtigen zu können. Dieses Work-Life-Blending schafft nicht nur Entspannung und so auch mehr Lebensqualität, sondern steigert zusätzlich noch die Freude an der Arbeit.

 

Die Krise als Chance

Was Unternehmen jetzt machen können, um mit New Work anzufangen oder mehr New Work zu ermöglichen, erklärte Gabriel Rath in einem Interview mit Nadja Arp vom Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Rostock. Unter anderem rät er Unternehmen, ihre Angestellten zum einen zu fragen, wie sie arbeiten möchten. Zum anderen aber auch, was sie in ihrem Handeln für die Kunden bremst. Darüber hinaus empfiehlt er, sich intensiv mit Führung auseinanderzusetzen und last but not least, das Menschenbild zu hinterfragen. Denn ein Learning aus der Krise ist, dass alle Menschen Stärken und Schwächen haben. 

Ein Learning sollte aber auch sein, dass die Krise der Anfang für etwas komplett neues sein kann. Die Zeit jetzt sollte genutzt werden, neue Dinge auszuprobieren, neue Ideen zu entwicklen.

 

Bildnachweis: Pexels – Ekaterina Bolovtsova