Nadine Seitner

„Vieles kann man nicht im Voraus planen. Ich habe gelernt, mir erst dann einen Kopf zu machen, wenn es so weit ist“, sagt Nadine Seitner.

Frauenpower in der Zahnarztpraxis

Kurz nachdem die 36-Jährige ihre eigene Zahnarztpraxis eröffnete, wurde sie zum zweiten Mal schwanger. Sie musste einige Hürden nehmen, bis ihr Betrieb wieder routiniert lief.

Als Nadine Seitner im Januar 2010 ihre eigene Praxis eröffnete, wusste sie, dass dies ein gewisses Risiko birgt. „Ich hatte viele lange Gespräche mit meinem Mann. Eine Einbehandlerpraxis ist ein großes finanzielles Risiko. Aber wir waren uns einig, dass ich es versuchen sollte.“ In den ersten Jahren lief alles glatt. Während Nadine in Vollzeit in ihrer Praxis tätig war, war ihr Sohn aus erster Ehe bestens versorgt. „Wir hatten eine tolle Tagesmutter. Außerdem haben mein erster Mann und ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Wenn der Kleine mal krank war und Markus, mein jetziger Mann, nicht frei nehmen konnte und auch meine Eltern nicht, hat auch er mal aufgepasst.“

Heute ist Aaron auf einer Ganztagsschule. Während der Schulferien und wenn er krank ist, wird er weiterhin von seinem liebevollen Netzwerk – den zwei Elternpaaren und den Großeltern – versorgt. In Notfällen geht er mit Mama in die Praxis, aber nur wenn er nicht ansteckend krank ist: „Dafür habe ich in meinem Bürozimmer ein bequemes Sofa zum Kuscheln. Dort darf er sich dann auf meinem Laptop Filme anschauen und meine Angestellten freuen sich, wenn sie ihn bemuttern können“, erzählt Nadine.

RISIKO FAKTOR NOTDIENST

Die große Herausforderung kam, als Nadine erneut schwanger wurde. Angestellte Zahnärztinnen müssen aufgrund der Ansteckungsgefahr ab Bekanntgabe der Schwangerschaft freigestellt werden. Selbstständige Zahnärztinnen dürfen auf eigenes Risiko weiterarbeiten. Zwar gibt es für solche Fälle Interimskolleginnen oder -kollegen, die für eine begrenzte Zeit die Praxis übernehmen. Nadine hatte sich aber dazu entschieden, mit reduzierter Stundenzahl weiterzuarbeiten und eine Kollegin fest einzustellen. Ein erstes, sehr positives Vorstellungsgespräch hatte gerade stattgefunden, als ihre Frauenärztin ihr verkündete, dass eine Fehlgeburt drohe. „Ich sollte die nächsten Tage liegen. Meine Nerven lagen blank. Zu allem Überfluss war ich an dem darauf folgenden Wochenende auch noch für den Notdienst eingeteilt“, erinnert sie sich. Ein Anruf bei der Bezirkszahnärztekammer Rheinhessen (BZKR), zuständig für die Einteilung der Notdienste, brachte keine Unterstützung. Obwohl Nadine ein Attest ihrer Frauenärztin vorgelegt hatte, hat die Kammer sich nicht um einen Ersatz für ihren Notdienst gekümmert, sondern sie selbst musste alles organisieren. Auf Nachfrage der LOB- Redaktion hieß es dazu: „Prinzipiell baut die Kammer auch bei kurzfristigen Vertretungen aus Erfahrung auf die kollegiale Absprache, um unpopuläre Zwangsmaßnahmen für Zahnärzte und Zahnärztinnen zu vermeiden.“ Des Weiteren verweist sie auf die „Stellenbörse“ auf der Homepage der BZKR, in der auch nach Tauschpartnern bzw. Vertretern gesucht werden kann und teilt mit, dass in akuten Fällen der Kreisgruppenobmann unterstützend mitwirkt.

Mit Unterstützung der Arzthelferin und sechs Stunden später war das Problem „Notdienst“ gelöst. Aber auch der Regelbetrieb musste aufrechterhalten werden. „Ich habe die Bewerberin, die sich eigentlich noch andere Stellen anschauen wollte, angerufen und angefleht, bei mir anzufangen. Es hat geklappt! Gleich am darauffolgenden Montag hat sie angefangen und ich habe, nach fünf Tagen im Bett, mit zweimal vier Stunden weitergearbeitet.“ Diese Arbeitsteilung haben die beiden bis zwei Tage vor der Geburt der kleinen Tochter beibehalten.

Schwangerschaft ist keine Krankheit

Dennoch wollte und will Nadine die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. In einem ersten Brief an die Bezirkszahnärztekammer Rheinhessen fordert sie ein Umdenken, denn der Zahnarztberuf wird immer weiblicher. Das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) in Köln geht davon aus, dass es 2017 in Deutschland mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte geben wird. Ein Drittel der Einzelpraxen wird von Frauen betrieben. Viele von ihnen sind in einem Alter, in dem die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist. Nadine möchte erreichen, dass Schwangere einfacher vom Notdienst befreit werden können und die Vertretungssuche von der Kammer übernommen wird.

Laut Berufsordnung für Zahnärzte in Rheinland-Pfalz „können Zahnärzte von der Teilnahme am Notdienst ganz, teilweise oder vorübergehend befreit werden, wenn einer der in § 14 Abs. 2 der Berufsordnung aufgeführten Gründe vorliegt“, wozu auch eine Schwangerschaft zählt. Über einen Antrag auf diese Freistellung entscheidet der Vorstand der BZKR. Die Berufsordnung der BZRK sieht aber, laut Dr. Klaus Bernauer, Vorsitzender des BZRK, eine Schwangerschaft nicht allein und von vornherein als Befreiungsgrund vor. Begründung: „Um geschlechtsspezifische diskriminierende Vorschriften zu vermeiden, sind in der Berufsordnung der LZK RLP und in der Notdienst-Ordnung der BZKR weder für Zahnärzte noch für Zahnärztinnen Sonderregelungen vorgesehen.“

Markus in Elternzeit

Trotz aller Hürden hat der Praxisalltag mit der neuen Kollegin so gut funktioniert, dass Nadine nach der Geburt ihrer Tochter noch einen Monat länger zuhause geblieben ist. Danach arbeitete sie zunächst zweieinhalb Tage die Woche in der Praxis. Mittlerweile hat sie ihr Pensum auf dreieinhalb Arbeitstage erhöht, Markus ist derzeit in Elternzeit gegangen. Nadines Glück: Die Kleine ist pflegeleicht. Sie schläft viel und sowohl ihre Angestellten als auch Patienten spielen mit. „Wenn die Kleine Hunger hat, ist es schon mal vorgekommen, dass ich einen Patienten sitzengelassen habe und zum Stillen gegangen bin. All meine Patientinnen und Patienten hatten aber immer größtes Verständnis. Vielleicht auch, weil ich mich nie dafür entschuldigt, sondern es wie selbstverständlich gemacht habe.“ Wenn Markus‘ Elternzeit im April endet, geht Emilia zu einer Tagesmutter. „Alles, was dann passiert, lassen wir auf uns zukommen. Bisher hat es ja auch immer geklappt und ich bin gut im Organisieren“, schließt Nadine unser Interview.

Nadine Seitner (36), Zahnärztin Markus (35), Ingenieur zwei Kinder: Aaron (7), Emilia (10 Monate)