Christina Mundlos

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Soziologin Christina Mundlos mit dem Thema "Mütter". Ihr aktuelles Buch widmet sich den Müttern am Arbeitsplatz. 

Könnten Sie uns ganz zu Beginn die Begriffe „Diskriminierung“ und „Mobbing“ etwas genauer erläutern?

Und wie äußert sich „Sexismus“? Letztlich greifen alle drei Probleme ineinander. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts findet statt, weil die Täter sexistische Einstellungen haben. Sexismus bedeutet: Sie bewerten die Frauen aufgrund ihres Geschlechts bzw. ihrer Schwanger-/Mutterschaft und zwar negativ. Daraufhin versuchen sie die Frauen loszuwerden und es kommt zur Benachteiligung. Diese Benachteiligung stellt eine Diskriminierung dar. Wenn die Diskriminierungen nun wöchentlich für einen längeren Zeitraum stattfinden, dann sprechen wir von Mobbing.

Was sind typische Situationen, denen Schwangere und Mütter ausgesetzt sind?

Frauen werden oft gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen oder eingestellt, weil sie schwanger werden könnten, weil sie schwanger sind oder weil sie bereits Kinder haben. Haben Schwangere und Mütter einen Arbeitsplatz, dann erleben sie oft, dass man sie loswerden will und der Arbeitgeber ihnen die Vereinbarung von Beruf und Familie nicht etwa vereinfacht sondern sogar noch so gut wie möglich erschwert.

Oft findet insbesondere die Diskriminierung subtil statt.Wie erkennt die Mutter, ob sie diskriminiert wird?

Manchmal bemerken sie es, weil spitze Bemerkungen gegenüber Schwangeren und Müttern, kranken Kindern oder Teilzeitbeschäftigten generell oder auf sie persönlich bezogen geäußert werden. Häufig kann man die Diskriminierung nur erahnen, z.B. wenn ein Kollege besser bezahlt wird, kinderlose Beschäftigte oder Männer bevorzugt befördert werden oder man trotz Top-Qualifikation nach der Geburt des Kindes nur noch Absagen auf seine Bewerbungen erhält. Hilfreich kann hier sein, selber nachzuforschen und unangenehme Fragen zu stellen. Wenn man „Glück“ hat, wird dann die Diskriminierung sogar mehr oder minder zugegeben. Viele haben da einfach noch gar kein richtiges Unrechtsbewußtsein. Bisweilen ist es aber schwierig so etwas nachzuweisen.

Sind es in erster Linie Männer, die noch das traditionelle Familienmodell leben, die Mütter diskriminieren? Worauf ist das zurückzuführen?

Die sind es auch, aber nicht nur. Mütter werden leider auch von anderen Frauen und Müttern diskriminiert. Die traditionellen Männer sehen häufig nicht, dass der Verlust qualifizierter Frauen ihrem Unternehmen schadet statt nützt. Ihr eigenes veraltetes und frauenfeindliches Frauenbild verstellt ihnen da die klare Sicht. Wenn Frauen andere Frauen diskriminieren steckt oft die Denkweise dahinter: Ich musste meinen Kinderwunsch opfern, um Karriere zu machen, weshalb sollen die es jetzt besser haben. Oder aber auch: Ich muss selbst ständig beweisen, dass mein „Mutter-Sein“ meine Arbeit nicht negativ beeinträchtigt, wenn ich jetzt andere Mütter nicht so diskriminiere wie meine männlichen Kollegen, dann werden sie mich vielleicht auch bald loswerden wollen.

Werden Mütter in Unternehmen mit einer familienbewussten Firmenkultur weniger diskriminiert? 

Wenn diese familienbewusste Firmenkultur nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, dann werden Mütter dort häufig tatsächlich nicht als vermeintlicher Ballast angesehen sondern als qualifizierte Mitarbeiterinnen, um die man sich auch bemühen muss. In diesem Fall ist tatsächlich davon auszugehen, dass man Mütter nicht so oft versucht loszuwerden wie in anderen Unternehmen. Aber letztlich hängt es auch oft von der jeweiligen Person, der jeweiligen Führungskraft ab, mit der man es zu tun hat. Auch in familienfreundlichen Betrieben lebt nicht jede Führungskraft einen erfolgs- und mitarbeiterorientierten Führungsstil.

Und wie sieht es mit Mobbing aus? Wo sind Schwangere und Mütter diesem besonders ausgesetzt?

Zum Mobbing kommt es bei besonders dreisten Arbeitgebern, die merken, dass sie rechtlich keine Handhabe gegen die Frauen haben. Oft versuchen sie dann, diese rauszuekeln. Nach dem Motto: „Wenn wir ihnen nicht kündigen können, drangsalieren wir sie so lange bis sie freiwillig gehen.“

In wie weit sind „die Mütter“ selbst daran schuld, dass sie diskriminiert werden?

Zunächst einmal sind Menschen, die Opfer von Diskriminierung werden, nicht schuld an etwas. Sie sind die Leidtragenden. Man kann ein Stück weit versuchen, sich abzusichern oder präventiv Diskriminierungen zu verhindern. In einer idealen Welt sollte das aber überhaupt nicht nötig sein. Wenn 76% einer Gruppe von Menschen (in diesem Fall die Frauen) von Diskriminierung am Arbeitsplatz betroffen sind, dann haben diejenigen damit aufzuhören, die mit ihrer sexistischen und menschenfeindlichen Weltanschauung konsequent und permanent andere Menschen benachteiligen, diese Rechtsverstöße auch noch meist „ökonomische Firmenpolitik“ schimpfen während sie damit eigentlich der Firma, den Frauen und der Volkswirtschaft als Ganzes immens schaden. Von einer individuellen Schuld der Opfer kann keine Rede sein solange die statistischen Zahlen ein strukturelles und kulturelles Problem derart offensichtlich machen.

Immer mehr Väter wollen auch Familie und Beruf vereinbaren. Zukünftig werden also hoffentlich auch Väter mehr und mehr wegen der Kinder mal ausfallen. Sei es, weil sie Elternzeit nehmen oder weil sie bei einem kranken Kind zuhause bleiben. Wird das einen Einfluss auf den Umgang mit Müttern haben?

Es steckt eine Menge Veränderungs-Potential in den aktiven Vätern. Wenn Väter sich mutig an die Seite der bislang diskriminierten Mütter stellen – auch auf die mögliche Gefahr hin selbst diskriminiert zu werden – dann müsste man davon ausgehen, dass die Diskriminierung von Müttern abnimmt. Da die Diskriminierungen von Müttern aber nicht wirklich einer (ökonomischen) Logik folgen, zögere ich dabei, diesen Effekt zu überschätzen.

Wie sieht es mit Diskriminierung, Mobbing und Seximus in der Wissenschaft aus? Soweit ich weiß, können Sie hier aus Erfahrung berichten.

Benachteiligungen von Frauen in der Wissenschaft sind kein neues Thema. Es ist bekannt, dass die wissenschaftlichen Strukturen noch viel zu patriarchal und verkrustet sind. Prekäre und familienunfreundliche Arbeitsverhältnisse sind hier noch weit verbreitet und erhöhen die Gefahr, dass Mütter benachteiligt und auch ausgebeutet werden. Mein Fall war so besonders aufsehenerregend, weil ich von einer Gleichstellungskommission bei der Bewerbung als Gleichstellungsbeauftragte diskriminiert wurde. Diese Personen kennen des AGG in- und auswendig und haben ihre Positionen eigentlich, um derartiges zu verhindern und zu bekämpfen.

Welche Konsequenzen haben Sie persönlich aus dieser Diskriminierung gezogen?

Ich habe mich nochmal intensiver mit dem AGG beschäftigt, mich bei anderen Müttern umgehört und dann begonnen das Buch „Mütter unerwünscht“ zu schreiben. Außerdem gab es für mich ein Happy End: ich bin inzwischen Gleichstellungsbeauftragte bei einem anderen Arbeitgeber. Diesem habe ich sogar im Vorstellungsgespräch von meinem Buch zu Diskriminierungen in Bewerbungsverfahren und am Arbeitsplatz berichtet und bin damit auf großen Anklang gestoßen.

Welche Folgen hat die Diskriminierung für betroffene Frauen?

Sie bekommen den Job nicht, sie verlieren den Job, sie bekommen die Gehaltserhöhung- oder Beförderung nicht, ihr Arbeitsverhältnis verschlechtert sich, sie bekommen ungünstigere Arbeitszeiten oder Fahrtwege. Und in der Folge haben sie oft mehr Stress, sind meist lebenslang finanziell schlechter gestellt, sie sind finanziell eher vom Partner abhängig, haben später weniger Rente und sind vielleicht von Altersarmut betroffen. Außerdem kann es psychische Auswirkungen haben und richtig krank machen.

Welche für die Gesellschaft?

Qualifizierte Frauen werden ausgetauscht durch weniger qualifizierte Beschäftigte, weil Leistung und Kompetenz nicht mehr der Maßstab sind. Die Qualität der Arbeit in den Unternehmen leidet darunter. Das verursacht Kosten. Es müssen viel öfter Stellen ausgeschrieben werden, was wiederum Kosten verursacht. Produkte und Dienstleistungen sind dadurch schlechter und teurer als sie sein müssten. Die Sozialkassen werden stärker beansprucht sei es durch das Arbeitslosengeld 1 und 2 oder durch die Krankenkassenbeiträge. Es gibt mehr psychische Krankheiten und damit mehr Gesundheitskosten. Würde man sich die Gesellschaft als Maschine vorstellen, wären die Diskriminierungen der Sand im Getriebe, der die Maschine nicht so gut laufen lässt und für einen höheren Verschleiß und mehr Reparaturkosten sorgt. Und in unserer Arbeitsgesellschaft steckt eine Menge Sand im Getriebe. Paradoxerweise wird von denjenigen, die andere diskriminieren, häufig so getan als wäre dieser Sand eigentlich Öl, welches die Maschine besser laufen lassen würde. Mich interessiert besonders wie diese Maschine laufen würde, wenn wir mal aufhören würden ständig Sand zwischen die Zahnräder zu werfen.

Studien zeigen, dass Frauen mit Kindern effektiver arbeiten als Frauen ohne Kinder und dass sie noch dazu über besonderes Organisationstalent verfügen. Warum lassen Unternehmen sich das entgehen?

Dahinter steckt eine frauen- und familienfeindliche Unternehmenskultur. Viele Vorgesetzte sind zu diesem Thema schlecht informiert und haben daher einen miserablen Führungsstil. Einige sind informiert, stecken aber in ihren eigenen negativen und sexistischen Glaubenssätzen fest und arbeiten schlicht nach dem Schema F, das sie einst von ihrem eigenen Mentor/Vorgesetzten gelernt haben. Dieser wiederum hat sich bereits an seinem Vorgesetzten orientiert und so weiter. Am Ende greifen Chefs im Jahr 2017 auf einen Führungsstil aus dem Kaiserreich zurück. Hier fehlt frischer Wind, Innovation und die Orientierung an modernen Erkenntnissen.

Was kann man als Frau aber auch als Gesellschaft gegen Diskriminierung, Mobbing und Sexismus machen?

Politisch und laut werden, auf die Straße gehen, Beschwerdestellen einschalten, Vorfälle publik machen und sich mit anderen Betroffenen zusammenschließen. Die Gesellschaft als Ganzes sollte sich bewusst machen, dass Mütter nicht Beschäftigte zweiter Klasse sind. Personalabteilungen und Führungskräfte müssten durchgängig und umfassend geschult werden zum Unconscious Bias (also den unbewussten Anteilen an ihren vermeintlich objektiven Personalentscheidungen), zum Thema Diskriminierungen und zu all den Studien, die belegen, dass Mütter oder auch Teilzeitkräfte sogar effektiver arbeiten und wie viele Kosten es verursacht, wenn wir das weiterhin ignorieren.