Anne Spiegel

"Anne Spiegel ist nicht an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gescheitert. Anne Spiegel ist an ihren politischen Fehlentscheidungen gescheitert." Ein Kommentar.

Anne Spiegel hat Fehler gemacht. Das steht absolut außer Frage. Die Ankündigung der Katastrophe nicht ernst genommen zu haben, ist unverzeihlich. Lügen? Geht gar nicht. 

Was viele jetzt daraus machen, geht aber auch nicht! 

Vielerorts ist zu lesen, Anne Spiegel wäre an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gescheitert. Die Augsburger Allgemeine sah sich gar bemüßigt, eine Umfrage zu starten. Nicht nur wurde die Leserschaft befragt, ob sie den Rücktritt für falsch hielten. Nein, sie wurde auch zu ihrer Einschätzung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie befragt. Selbstverständlich ist es grundsätzlich gut, dass der Fall eine Diskussion über die (Un)Vereinbarkeit einer (politischen) Spitzenposition mit Familie lostritt. Je mehr wir darüber sprechen, um so besser werden hoffentlich die Bedingungen und desto mehr Frauen kommen in die Politik. Frauen werden in der Politik dringend benötigt! Auf allen Ebenen. Aber:

Anne Spiegel ist nicht an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gescheitert. Anne Spiegel ist an ihren politischen Fehlentscheidungen gescheitert.

Aber Anne Spiegel war nicht überfordert, weil sie ein politisches Amt inne hat und Mutter von vier kleinen Kinder ist. Seit der Geburt des ersten Kindes kümmert sich ihr Mann um die gemeinsamen Kinder. Mal ganz davon abgesehen, dass Anne Spiegel als Ministerin mit Sicherheit ausreichend Geld verdient, um in der privilegierten Lage zu sein, sich Unterstützung für die Familie einzukaufen. 

Sie ist an ihrem Umgang mit der Flutkatastrophe im Ahrtal gescheitert. Sie ist daran gescheitert, dass sie 10 Tage nach der Katastrophe mit über 100 Toten für vier Wochen in den Urlaub gefahren ist und nicht, wie von ihr behauptet, virtuell an Kabinettsitzungen teilgenommen hat. 

Niemand wäre auf die Idee gekommen, das Thema Vereinbarkeit zu diskutieren, wäre ein Politiker, der Vater von vier Kinder ist und eine kranke Frau zuhause hat, zurückgetreten. Beate Hausbichler von der österreichischen Zeitung „Der Standard“ fragt sich zurecht: „Was, wäre es ein Mann gewesen?“ Was wäre gewesen, wenn ein Politiker gesagt hätte, dass „es zu viel war“. Dass es für ihn eine schwierige Abwägung gewesen wäre, zwischen seiner Verantwortung als Minister und der Verantwortung als Vater von vier Kindern, die noch klein sind und nicht gut durch die Corona-Pandemie gekommen sind. 

Ihre Schlussfolgerung: Hätte ein Politiker das offen gestanden, hätten die Presse ihn als aktiven Vater gefeiert. Als einen modernen Vater. Ein Vater, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Als einen Ehemann, der eine Partnerschaft auf Augenhöhe will. Als einen Ehemann, der sich liebevoll um seine kranke Frau kümmert. Kurz gesagt, er wäre ein echter Familienvater. Dass es zu diesem Begriff im Deutschen keine Entsprechung für die Mütter gibt, spricht Bände.

Aber, Anne Spiegel ist eine PolitikerIN. Wenn sie als Frau ihren Urlaub mit der familiären Überlastung begründet, wird daraus geschlussfolgert, dass sie sich übernommen hat. Dass sie an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gescheitert ist. Dass sie, wie die FAZ schreibt, „machthungrig“ ist. 

Die Maßstäbe, an denen Politiker aktuell gemessen werden, ermöglichen keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sagt der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje in einem Interview zum Rücktritt Anne Spiegels gegenüber dem WDR. Frauen seien, wie er meint, davon besonders betroffen, da an sie höhere familiäre Erwartungen geknüpft würden als an Männer. Eine Aussage, die von Franziska Schutzbach in ihrem Buch „Wider die weibliche Verfügbarkeit. Die Erschöpfung der Frauen“ unterstützt wird. Sie schreibt: Frauen erfahren im Beruf oft eine Art Dilemma: Zeigen sie zu viel Gefühl, sind sie keine richtigen Führungspersönlichkeiten, zeigen sie zu wenig, sind sie keine richtige Frau. 

War es also ein Fehler, Gefühle zu zeigen? War es ein Fehler, die Bedürfnisse der Familie über die beruflichen Pflichten zu stellen? Nein, das war kein Fehler. Sie hat genau das gemacht, wofür so viele sich in den letzten Jahren stark machen. Sie hat Familie und Beruf auf die gleiche Ebene gestellt und für sie war zu diesem Zeitpunkt die Familie Prio eins und wie Teresa Bücker in ihrem Tweet am 11. April richtig sagte: „Ich möchte lieber von einer Person politisch vertreten werden, die weiß, wann Familie vorgeht, als einer, die sich im Job selbst dann für unverzichtbar hält. Gute Führung ist das eigene Team so aufzustellen, dass andere einspringen können, wenn man verhindert ist.“ 

Anne Spiegel hat viel Zuspruch für ihre sehr persönliche Rede erhalten und wahrscheinlich hätte sie wegen ihres Urlaubs auch nicht zurücktreten müssen, ABER …

  • Sie hätte die Warnung zur Katastrophe ernst nehmen müssen.
  • Sie hätte nicht lügen dürfen.
  • Sie hätte eine Stellvertretung organisieren müssen.
  • Sie hätte zumindest virtuell an den Kabinettssitzungen teilnehmen müssen. 
  • Ihr Presseteam hätte sie nicht in diesem aufgewühlten Zustand vor die Kameras treten lassen und die Rede hätte nicht live sein dürfen. 

Das sind einfach zu viele „hätte“. Aber keines dieser „hätte“ hat mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. 

Was mich freut, ist, dass nun alle über Vereinbarkeit sprechen. Was mich nicht freut, ist, dass diese ganze Diskussion mal wieder deutlich zeigt: Wir alle, oder zumindest ein Großteil von uns, hat noch immer traditionelle Rollenbilder im Kopf. Wenn wir Vereinbarkeit für alle wollen, müssen wir endlich aufhören, Männer und Frauen, Väter und Mütter mit zweierlei Maß zu messen. 

Ich persönlich bin gespannt, wann der erste Politiker öffentlich darüber spricht, dass es Zuhause gerade alles etwas viel ist. Denn, dass es zuhause gerade nicht etwas viel ist, glaube ich eh niemandem. Schon gar nicht, wenn eine Spitzenposition mit Familie vereinbart werden soll, die Partnerin oder der Partner krank ist und Corona alle in einer sehr lange andauernden Ausnahmesituation festhält. Da halte ich es wie Habeck und frage mich: „Muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in bestimmen Situationen wirklich immer erfüllt sein?“ Nein, muss sie nicht und kann sie auch gar nicht. 

Denn: „Was heißt eigentlich Vereinbarkeit einer Spitzenposition mit Familie?“ Die 24 Stunden eines Tages gleichmäßig auf Beruf und Familie verteilen? Im Durchschnitt gleich viel Zeit in den Beruf wie in die Familie investieren? Oder heißt es, Stand heute, nicht viel mehr, eine Spitzenposition bekleiden und auch eine Familie haben. Vielleicht schaffen wir es ja in Zukunft, auch Spitzenpositionen besser mit der Familie vereinbar zu machen. Durch Jobsharing. Durch eine andere Anspruchshaltung – derjenigen, die das Amt ausfüllen und derjenigen, die auf das Amt schauen. Wenn die Diskussion um Anne Spiegels Vereinbarkeitsprobleme hier eine Lösung bringt, ist der Auslöser zwar noch immer mehr als fraglich, aber sie hätte sich gelohnt. Für alle. 

 

Bildnachweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pressefoto_2_Anne_Spiegel_11-15_nahe.jpg#/media/Datei:Pressefoto_2_Anne_Spiegel_11-15_nahe.jpg