Mutter mit Kind beim Einkauf

Die Drogeriemarktkette dm gestaltet die Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiterinnen familienbewusst und gehört daher verdient zu den beliebtesten Arbeitgebern.

Werden Hochschulabsolventinnen und Absolventen nach Wunscharbeitgebern befragt, dann fallen ihnen zuerst Autobauer, Unternehmensberatungen oder IT-Unternehmen ein. Der Einzelhandel hat es bei ihnen eher schwer. Dabei schätzen die dort angestellten Fach- und Führungskräfte die Attraktivität ihrer Arbeitgeber hoch ein, auch in punkto Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Am besten schneidet in der Umfrage der Lebensmittelzeitung 2012 zur Arbeitgeberattraktivität im Handel die Drogeriemarktkette dm ab. Der Karlsruher Konzern landete in der Gesamtbewertung auf Platz eins. Beim Thema Vereinbarkeit belegt er den ersten Rang gemeinsam mit Konkurrent Rossman. Wie schafft dm das in einer Branche, die in der Öffentlichkeit vor allem wegen langer Öffnungszeiten immer wieder als familienfeindlich gegeißelt wird?

Familie als Kunde

Als Kunde hat Familie bei dm einen hohen Stellenwert. Schließlich besteht ein Großteil des Sortiments aus Babynahrung, Pflegeprodukte, Windeln, Fläschchen, Schnuller, Kinderkleidung und Spielsachen. Neben bekannten Markenartikeln vertreibt dm Produkte der Eigenmarken Babylove oder Alana. Christian Bodi, Geschäftsführer Logistik, spricht im Geschäftsbericht 2010/11 von einer „stürmischen Entwicklung im Sortimentsbereich Baby und Kind“. Allein beim Kundenbindungsprogramm dm-babybonus haben sich seit 2004 über 1,5 Millionen Familien angemeldet. Gleichzeitig investiert dm in eine familienfreundliche Gestaltung der Filialen. Neben Wickelkommoden mit kostenlosen Windeln und Feuchttüchern der Hausmarke gibt es an vielen Standorten Spielsachen und Spielgeräte, die den Einkauf mit Kindern erleichtern.

Dezentrale Strukturen

schwangere Mitarbeiterin Pauline FabryBei 85 Prozent weiblichen Angestellten und einem Durchschnittsalter von 35 Jahren ist Familie laut Christian Harms, Arbeitsdirektor bei dm, ganz automatisch auch ein großes Mitarbeiterthema. „Das Thema berührt bei uns alle Bereiche“, erklärt er. Dabei gehe es weniger darum, in der Zentrale Regeln zu finden bzw. familienfreundliche Maßnahmen zu stricken, die dann auf alle Bereiche und Filialen anzuwenden sind, sondern: „Vereinbarungen werden immer dort getroffen, wo die Betroffenen sind. Die Zentrale in Karlsruhe kann nicht entscheiden, ob ein Kollege in Hamburg in Elternzeit geht“, erklärt Harms. „Daher wird Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. privatem Leben bei uns jeden Tag, in jeder Form, in den vielen kleinen Arbeitsgruppen gelebt“. Es gibt daher nur wenige klare Anweisungen und verbindliche Vereinbarungen, die von der Zentrale vorgegeben werden und die für alle Filialen gültig sind. Ausgenommen davon ist vor allem der Umgang mit Geld an den Kassen.

Familienfreundlichkeit und anthroposophische Gesinnung

Auf die Frage, ob dies im Alltag auch wirklich funktioniert oder ob es nicht eher einem Wegschauen gleichkommt, meint Arbeitsdirektor Harms: „Wir haben die Erkenntnis und das Zutrauen, dass Menschen per se interessiert sind, sich gestalterisch einzubringen. Wer alles kontrolliert, kann es gleich selbst machen. Ohne das Zutrauen in die Leistung des anderen würde Arbeitsteilung gar nicht funktionieren.“ Das klingt ganz nach Firmengründer Götz Werner. Der Anthroposoph und Visionär, der in 35 Jahren ein Drogeriegeschäft zu einem Konzern mit weit über 35.000 Mitarbeiter ausbaute und seit einigen Jahren vor allem durch sein Werben für ein bedingungsloses Grundeinkommen von sich reden macht, sieht in Mitarbeitern „Kreativposten mit Mitarbeiter-Einkommen“ und keine Lohnempfänger oder gar Kostenfaktoren.

Flexibel Arbeitszeitkultur

Ein Beispiel, wie sich diese Grundhaltung auf die alltägliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie auswirkt, sind die Arbeitszeiten. Eine flexible Arbeitszeitkultur erleichtert den berufstätigen Müttern und Vätern bei dm den Alltag und die Karriereplanung. So gibt es in der Zentrale einen hohen Anteil an Tele-Arbeitsplätzen und zahlreiche Arbeitszeitmodelle. Die meisten Angestellten dort arbeiten Vertrauensarbeitszeit. „Ich habe durch die Vertrauensarbeitszeit die Möglichkeit, meine Arbeit innerhalb der Woche frei einzuteilen und kann zudem von zu Hause aus arbeiten“, erzählt Jeannine Hertes von ihren Erfahrungen. Hertes war bis zu ihrem Mutterschutz Bereichsverantwortliche bei dm. Im Mai 2011 kamen ihre Zwillinge zur Welt. Bis 2016 hat sie Elternzeit beantragt. Nach sieben Monaten stieg sie jedoch wieder in Teilzeit bei dm ein. Seit Januar 2012 arbeitet sie zehn Stunden in der Woche. Ihre Bereichsverantwortung ruht zwar während der Elternzeit, und sie ist jetzt als Sachbearbeiterin in einem anderen Bereich tätig. Durch dieses Arrangement kann sie jedoch beruflich am Ball bleiben, Geld verdienen und viel Zeit mit ihren Zwillingen verbringen. Zur Vertrauensarbeitszeit fügt Arbeitsdirektor Harms hinzu: „Es gibt schon eine Kernarbeitszeit zwischen neun und fünfzehn Uhr. Sie dient jedoch lediglich als grobe Orientierung. Wir haben keine klare Richtlinie für alle. Das wird alles abteilungsintern und individuell geregelt.“ Im Grunde teile jeder seine Arbeitszeit eigenverantwortlich ein. Man geht an einem Tag eher, an einem anderen kommt man dafür früher. Lediglich die Filialbetreuung und das Kundentelefon müssen von acht Uhr morgens bis zwanzig Uhr abends besetzt sein. Alles andere wird völlig flexibel gehandhabt, ohne Einschränkungen. Damit ist bei dm auch der Betriebsrat einverstanden. Es gibt keine Betriebsratsvereinbarungen, die etwa das Arbeiten zuhause oder das Schreiben von Emails ab einer bestimmten Uhrzeit untersagen. Alle trauen den Kollegen zu, eigenverantwortlich zu handeln und die notwendigen Grenzen zu ziehen. „Mir ist kein Fall bekannt, dass man einen Kollegen vor sich selbst schützen musste“, resümiert Harms.

Arbeitspläne selbst gestalten

dm IngolstadtAuch in den 1.213 Filialen in Deutschland haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr viel Freiraum bei der Arbeitszeitgestaltung. Sie planen ihre Arbeitszeit selbst. Das geschieht immer zwei Monate im Voraus für den Zeitraum von vier Wochen und funktioniert meist reibungslos. „Jeder bekommt sein Zuckerle“, erzählt Christine Paschke. Paschke ist verantwortlich für zwei dm-Märkte in Sinsheim. Sie hat 27 Mitarbeiterinnen, alles Frauen. Rund die Hälfte davon hat Kinder. Sie selbst hat eine neunjährige Tochter und ist acht Wochen nach der Geburt in Vollzeit wieder als Filialleiterin bei dm eingestiegen. Ihr Mann ist damals zuhause geblieben und hat das Kind versorgt. Die Arbeitszeitgestaltung in ihren Filialen fasst sie folgendermaßen zusammen: „Ich hänge die Arbeitspläne aus. Die Mitarbeiter tragen sich selbst ein. Anschließend schaue ich über die Pläne, ob der Bedarf der Filiale gedeckt ist. Wenn nicht, sprechen wir darüber. Da ich zwei Filialen vor Ort betreue, können wir auch von Filiale zu Filiale tauschen.“ Durch die langfristige Planung können alle ihre privaten Termine nach dem Dienstplan richten. Hinzu kommt, dass jeder andere Vorlieben hat. Die eine Mitarbeiterin arbeitet gerne früh, die andere lieber abends und am Wochenende. Das hängt bei vielen davon ab, wie sie die Betreuung der Kinder organisieren. Da der Tag in den dm-Märkten bereits um sechs Uhr mit der Anlieferung und dem Einräumen der Ware beginnt und lange nach dem Ladenschluss um 20 Uhr endet, kann über einen großen Zeitraum disponiert werden. So klappt die Einteilung oft ganz von selbst.

Damit bei der eigenverantwortlichen Zeiteinteilung auch kundenseitig alles klappt, arbeitet dm mit spezieller Software. „IT-gestützt wird von einem Rechner ein Bedarfsplan ausgearbeitet. Anhand der zu erledigenden Aufgaben und der prognostizierten Anzahl von Kunden, können die Teams abschätzen, wie viele Mitarbeiter zu welcher Uhrzeit gebraucht werden“, erklärt Harms. Die Filialverantwortliche Christine Paschke ist mir der Einteilung der Arbeitszeit durch ihre Mitarbeiter sehr zufrieden: „Schwierig wird es manchmal nur in den Ferienzeiten. Denn wir haben viele Mütter und auch viele Azubis, die an die Schulferien gebunden sind. Aber wir unterstützen uns gegenseitig. Alle wissen, dass es ohne den anderen nicht geht. Und für die Familie haben alle Verständnis, weil die meisten Kollegen die Situationen ja selber kennen.“


Kurzporträt

1973 eröffnete Firmengründer Götz Werden den ersten dm-Markt in Karlsruhe. Heute ist dm europaweit in elf Ländern mit über 2.600 Märkten vertreten. Allein in Deutschland gibt es rund 1.300 Filialen. Mit mehr als sechs Milliarden Umsatz ist dm derzeit Branchenprimus.

Die Mitarbeiterzahl beträgt derzeit rund 40.000. Mehr als 26.000 Menschen arbeiten in den dm-Märkten in Deutschland, in den Verteilzentren und in der Karlsruher Unternehmenszentrale. 85 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Das Durchschnittsalter beträgt 35 Jahre.

Rund 2.000 Mitarbeiter arbeiten in der Zentrale in Karlsruhe u.a. in den Bereichen Sortimentsgestaltung, Einkauf, Controlling, IT, Marketing, Personal. In den beiden Verteilzentren im badischen Waghäusel und in Weilerswist bei Köln sind ca. 1950 Mitarbeiter beschäftigt.
Mehr Informationen unter: www.dm-drogeriemarkt.de

Bildnachweis: dm Markt