Kleine Fische ganz groß

Wer denkt, familienbewusste Personalpolitik sei nur etwas für die Großen, der irrt.

Viele kleine und mittlere Unternehmen bieten Beschäftigten mit Familie ein attraktives Arbeitsumfeld. Jedes zweite von der Hertie Stiftung berufundfamilie zertifizierte Unternehmen zählt zum Mittelstand. Eins von zehn zertifizierten Unternehmen hat lediglich hundert oder noch weniger Beschäftigte.

„Wenn ihr groß wachsen wollt, dann gestaltet das Arbeitsumfeld so, wie ihr selbst arbeiten wollt. Daher haben mein Geschäftspartner und ich es so gestrickt, wie wir selbst gerne arbeiten möchten.“ Dies haben ihm seine Seniorpartner bei der Unternehmensgründung vor 13 Jahren als wichtigsten Rat mit auf den Weg gegeben, erzählt Karsten Foth. Foth ist Geschäftsführer von hhp Berlin, dem mittlerweile größten Ingenieurbüro für Brandschutz in Deutschland. Michaela Harlander, Geschäftsführerin des Münchener Spezialisten für IT-Sicherheit genua, sieht in der familienbewussten Personalpolitik eine gesellschaftliche, ethische und betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. „Familie begleitet so ziemlich jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter während der Erwerbstätigkeit. Egal, ob es sich um die eigenen Kinder handelt, um erkrankte Lebenspartner oder um die pflegebedürftigen Eltern – fast jeder von uns ist irgendwann mit der Fragestellung konfrontiert, wie man eine aufwändige familiäre Situation und die Erwerbsarbeit unter einen Hut bringt. Eine so relevante Einflussgröße nicht zu beachten, halte ich für fahrlässig. Denn wenn es für Mitarbeiter schwierig wird, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, leiden in der Regel beide Bereiche, also auch der Beruf.“

Zwei Geschäftsführer und doch zwei völlig verschiedene Herangehensweisen. Was sie eint, ist die Tatsache, dass sie ihre eigene Überzeugung zum Leitbild erhoben und ihr Unternehmen von Anfang an daran ausgerichtet haben. Eine familienbewusste Unternehmenskultur musste nicht erst etabliert werden. Sie war von Anfang an da. Zudem wurde die Entscheidung für ein familienbewusstes Umfeld von der Spitze weg getroffen und Mitarbeiter passend rekrutiert.

Flache bis gar keine Hierarchien und kurze Entscheidungswege sind auch in anderen mittelständischen Unternehmen klare Vorteile. Auch ist der Weg vom erkannten Bedarf bis hin zur Umsetzung in der Regel kürzer. Andersherum gesehen, können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mittelständischer Unternehmen eher ihre Bedürfnisse direkt an die Geschäftsführung kommunizieren. Laut Unternehmensmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hören Geschäftsführer kleiner und mittelständischer Unternehmen offensichtlich sehr genau hin, was ihre Mitarbeiter brauchen. Fast jede zweite Geschäftsleitung eines Kleinunternehmens befragt die Mitarbeiter regelmäßig über ihre Bedürfnisse zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei Großunternehmen ist es nicht einmal jede dritte.

In der Bandbreite der Lösungen stehen die kleinen Betriebe den großen DAX-Konzernen ebenfalls kaum nach. Ihr Engagement reicht von flexiblen Arbeitsbedingungen, Rücksichtnahme bei der Urlaubsplanung über Kinderbetreuung, Elder Care, Hausaufgabenbetreuung und Ferienprogramme bis hin zu Familienfesten und Firmenveranstaltungen, zu denen auch die Mitarbeiter in Elternzeit eingeladen werden. Arbeitszeitflexibilisierung und Home Office sowie individuell vereinbarte Arbeitszeitmodelle sind in der Arbeitgeberlandschaft am weitesten verbreitet, egal wie groß die Unternehmen sind. Lediglich bei der Vertrauensarbeitszeit und der Infrastruktur gibt es Unterschiede. Rein quantitativ liegen die Großunternehmen deutlich vorn. In ihren Leistungskatalogen gibt es oft zahlreiche Infrastrukturangebote für die Kinderbetreuung, Angehörigenpflege und Familienservices, die bei den mittelständischen Unternehmen hingegen eher selten anzutreffen sind. Dafür überlässt es laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln fast die Hälfte der kleinen Unternehmen ihren Mitarbeitern, wie sie ihre Arbeitszeit legen, und nur circa 40 Prozent der Großunternehmen haben Vertrauensarbeitszeit eingeführt.

Für Mütter und Väter, die neben der Familie ihrem Beruf nachgehen möchten, sind die Arbeitsbedingungen und auch das Betriebsklima entscheidend. Viele kleine und mittelständische Unternehmen sind in diesem Zusammenhang attraktive Arbeitgeber. Lesen Sie, wie unsere drei Beispielunternehmen ihre Mitarbeiter bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen.

Leben geht vor Arbeit - hhp Berlin

Das Thema Brandschutz kann für Zündstoff sorgen. Das weiß man spätestens seit dem Skandal um den Flughafen Berlin Brandenburg. hhp Berlin hat den Flughafen betreut, so wie viele andere Großbauprojekte in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt oder Stuttgart, von den Berliner Hauptbahnhöfen über die Allianz Arena in München bis zur MyZeil in der Frankfurter Innenstadt. Innerhalb von 13 Jahren wuchs das Unternehmen von acht auf 145 Mitarbeiter an. Mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Noch mehr vereinbaren Familie und Beruf. Über 80 Mitarbeiterkinder gibt es derzeit, und es wird nicht dabei bleiben. Viele Beschäftigte sind zwischen 25 und 30 Jahre alt und derzeit noch kinderlos. Karsten Foth blickt gelassen in die Zukunft. Dass Mitarbeiter neben dem Job auch Zeit für ihre Kinder oder ihr Hobby haben möchten, ist für ihn selbstverständlich. „Wir glauben fest daran, dass das Leben vor der Arbeit kommt und nicht andersherum“, erklärt er seinen Standpunkt. „Unsere Mitarbeiter wissen um ihre Aufgaben und schauen bestmöglich, diese zu lösen. Ebenso können sie ihre Arbeit bestmöglich in ihr Leben integrieren. Das lassen wir zu.“ Eigene Kitaplätze gibt es bei hhp Berlin nicht. Wenn Karsten Foth seine Mitarbeiter fragt, was sie brauchen, führe die Antwort fast immer zu: Flexibilität, wenig Kontrollierbarkeit und viel Vertrauen. Praktisch umgesetzt heißt das: Jeder kann nach eigenem Gutdünken Termine eintragen und sich die Arbeitszeit einteilen. Von wo aus die Arbeit erledigt wird, liegt ebenso im Ermessen eines jeden Einzelnen. Ob jemand an einem Tag gar nicht ins Büro kommt, oder an einem anderen schon um 13 Uhr das Haus verlässt, stört niemanden. Wenn jemand für drei Monate die Arbeitszeit um 50 Prozent runterfahren möchte, um die Einschulung der Enkelkinder zu begleiten, so ist das grundsätzlich möglich. Ebenso wird die halbjährige Auszeit der Kollegin realisiert, die nach Neuseeland reisen möchte um damit eine Gelegenheit zu nutzen, die sich vielleicht nur dieses eine Mal in ihrem Leben bietet. Die einzige Grenze bei hhp Berlin ist, dass Kunden und Projekte nicht leiden. Termine und Aufgaben müssen von den Mitarbeitern koordiniert werden. Probleme gab es mit diesem System noch keine. Warum? „Die Mitarbeiter wollen, dass es funktioniert“, ist Karsten Foth überzeugt. „Das ist ihr Interesse.“ 


hhp Berlinhhp Berlin ist mit 150 Mitarbeitern das führende Ingenieurbüro für Brandschutz in Deutschland. Als solches ist es das Unternehmen gewohnt, sich täglich in einem Spannungsfeld zu bewegen. Sei es zwischen architektonischen und ästhetischen Ansprüchen oder gesetzlichen Vorgaben und knappen Budgets. Mit ihrem ergebnisorientierten Ansatz meistern sie auch den Spagat zwischen Familie und Beruf.


Ein Haus für Kinder

GenukidsIn Kirchheim bei München geht alles geordnet zu. Hier ist das Rathaus die Anlaufstelle für alle Anliegen der Bürger. Zusammen mit der Kirche bildet es das Zentrum. Etwas weiter draußen, im Industriegebiet, befindet sich das karminrot gestrichene Verwaltungsgebäude des IT-Unternehmens genua. Gleich im Erdgeschoss neben dem Haupteingang geht es zu den genukids, dem Kinderhaus des Spezialisten für IT-Sicherheit. Michaela Harlander, Gründerin und Geschäftsführerin von genua, hat das Kinderhaus 2009 in Kooperation mit der Gemeinde aufgebaut. Das war keine leichte Aufgabe. Von der Erfüllung der baulichen Vorgaben und des Brandschutzes bis hin zur Rekrutierung qualifizierter Erzieherinnen in Zeiten des Erziehermangels hat das Projekt viel Zeit und Energie gefressen. „Da muss man halt einmal durch“, erläutert Sabine Wahmhoff, die die Verwaltung des Kinderhauses organisiert. Sabine Wahmhoff ist als Assistentin der Geschäftsleitung die rechte Hand von Michaela Harlander. Dreißig bis vierzig Prozent ihrer Arbeitszeit widmet sie dem Projekt. Doch die Leitung des Hauses an einen externen Träger zu übertragen, das kam für Michaela Harlander nie in Betracht. Zu sehr liegt ihr das Kinderhaus am Herzen. Da genua selbst als Träger auftritt, kann das Unternehmen alle wichtigen Entscheidungen selbst treffen, angefangen beim Personal über den Bio-Caterer, der die eigene Küche täglich frisch mit Essen beliefert bis hin zu den Aktivitäten und zusätzlichen Services. Wie dem „Genubus“, der die Erst- und Zweitklässler täglich nach Schulschluss von der Schule abholt und in den Hort im Kinderhaus bringt.

GenukidsAktuell werden im Kinderhaus fünfzig Kinder im Alter von zehn Monaten bis acht Jahren betreut, Krippe, Kindergarten und Hort unter einem Dach. Zwanzig davon sind Mitarbeiterkinder. Die anderen Kinder kommen aus der Gemeinde oder Gastgemeinden. Die langen Öffnungszeiten von 7.30 Uhr bis 18 Uhr von Montag bis Freitag sind für alle berufstätigen Eltern praktisch. Außerdem ist man bei genukids flexibel. „Wenn jemand bis 16 Uhr gebucht hat, es aber nicht pünktlich zum Abholen schafft, dann genügt ein Anruf, und das Kind kann länger bleiben“, berichtet Sabine Wahmhoff. Flexibilität ist auch sonst ein Stichwort bei genua, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben geht. Von den 189 Mitarbeitern haben 120 die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten. Viele haben einen mobilen Zugang. „Auf alles, was im Privatleben passieren kann, wird versucht eine Lösung zu finden. Und wir finden sie immer“, lacht Sabine Wahmhoff. Sie selbst ist verwitwet und hat eine zwölfjährige Tochter, die sie alleine großzieht. Vor zweieinhalb Jahren ist sie aus der Konzernwelt ausgestiegen und zu genua gegangen. „Mir hat die soziale, menschliche Komponente in den Konzernen gefehlt. Es gab zu viele Hierarchien. Den Wechsel habe ich nie bereut.“


genua mbhDie genua mbh ist ein deutscher Spezialist für IT-Sicherheit. Seit 1992 beschäftigen sich das Unternehmen und seine 180 Mitarbeiter mit der Absicherung von Netzwerken und der Entwicklung hochwertiger Lösungen wie Firewall-Systeme und mobile Datensicherheit. Das Thema familienfreundliche Rahmenbedingungen ist bei der Geschäftsleitung direkt aufgehängt. Die Organisation und Führung des Kinderhauses genukids liegt im Bereich der Mitfirmengründerin Michaela Harlander.


Volle Verantwortung bei reduzierter Arbeitszeit

Seit 2006 entwickelt die SIC! Software GmbH „Business Lösungen für Smartphones und Tablets“. Was so viel heißt wie mobile Shop-Lösungen, Produktkataloge und Präsentationen, wie zum Beispiel den Fenster-Konfigurator, den SIC! für den Fensterbauer Weru entwickelt hat. Nahezu alle 32 Angestellte sind IT-Fachleute: Software-Entwickler, Usability-Experten, Applikationsentwickler und Designer. Und in allen Bereichen gibt es Teilzeitkräfte, die gleichermaßen verantwortungsvolle Aufgaben ausüben wie die in Vollzeit beschäftigten Kollegen. Dafür wurde die SIC! von der Initiative „kmu4family“ ausgezeichnet, die kleine und mittelständische Unternehmen aus der IT-, Medien- und Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg dabei unterstützt, eine familienfreundliche Personalpolitik im Unternehmen einzuführen oder weiterzuentwickeln. „Bei uns war Teilzeit noch nie ein Kriterium“, erklärt Judith Kuhnle, Marketing Managerin bei SIC!. „Es zählt die fachliche Qualifikation und die Frage, ob wir die Person brauchen können. Der Rest ist regelbar.“ Auch von Weiterbildungsangeboten ist keine Teilzeitkraft ausgeschlossen nach dem Motto „Das lohnt sich nicht“. Wer Interesse an mehr Verantwortung hat, bekommt diese auch, unabhängig von der wöchentlichen Stundenzahl. Die einzige fixe Bedingung lautet: Wer ein Projekt betreut, muss volle Tage im Unternehmen arbeiten.

So wurde bei der SIC! die Design-Abteilung von einer Teilzeitkraft aufgebaut. Heute arbeiten zwei Teilzeitkräfte in der Abteilung, beide haben Familie. Eine andere Kollegin arbeitet drei Vormittage in der Woche in der Entwicklung. Wenn sie die Leitung für ein Projekt übernimmt, erhöht sich ihre wöchentliche Arbeitszeit in intensiven Phasen auf bis zu 75 Prozent. Dann ist sie fast jeden Tag im Büro und arbeitet auch abends von zuhause aus, wenn ihre beiden Kinder im Bett liegen. Für sie war der Job ein Glücksgriff, als sie nach sechs Jahren Babypause wieder einsteigen wollte. „Für medizinische Informatiker waren damals nur Vollzeitstellen ausgeschrieben. Bei der SIC! hatte ich mich aufgrund einer ausgeschriebenen Werksstudenten-Stelle beworben.“ Auch die Vertriebsassistentin arbeitet „nur“ vollzeitnahe 35 Stunden in der Woche. „Eigentlich sollte ich nach der elfmonatigen Elternzeit für eine 40-Stunden-Woche zurückkommen. Das ging aber nicht, weil die Kita schon um halb vier schließt“, erzählt Meike Minges. „Ein Problem war das nicht. Das mag daran liegen, dass beide Geschäftsführer selbst Kinder haben. Der kaufmännische Geschäftsführer hat fünf Kinder. Er hat alle Stationen durchgemacht.“ Den Chefs sei das gute Verhältnis zu den Mitarbeitern wichtig, außerdem wissen sie die Vorteile von Eltern zu schätzen, berichtet auch Judith Kuhnle. „Sie sind sehr sozial eingestellt und haben viel Verständnis, auch wenn zum Beispiel ein Kind krank ist und jemand zu Hause bleiben muss“, heißt es bei Meike Minges weiter. Im Gegenzug erledigt sie wichtige Kundentelefonate von zuhause aus, wenn ihre Tochter krank ist. Auch während der Elternzeit hat sie Kaltakquise vom heimischen Schreibtisch aus gemacht und die wichtigsten Kundenkontakte weiter gepflegt. Dafür wurde ihr zuhause das Telefon eingerichtet und eine Serveranbindung geschaffen, die sie jetzt ab und zu nutzt. 


SIC! Software GmbHDie SIC! Software GmbH aus Heilbronn entwickelt seit ihrer Gründung im Jahr 2006 moblie Softwarelösungen. Seit 2009 setzt das Softwarehaus auf familienfreundliche Maßnahmen in der Unternehmensführung. Das 32-köpfige Team profitiert von dem Mitarbeiter-Mix, der dadurch ermöglicht wird.


Bildnachweis: genau mbH; fotolia - fabioberti.it