Generation Vereinbarkeit

Die Elterngeneration von heute will Beruf und Familie vereinbaren. Familienbewusstsein ist Trumpf.

In den letzten Jahren wurden diverse Studien rund um das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf erstellt. Alle kamen sie zu dem gleichen Ergebnis: Mitarbeitende wollen Benefits rund um Familie und Work-Life-Balance. Nicht mehr die finanziellen Vorteile sind ausschlaggebend für die Attraktivität eines Arbeitgebenden sondern dessen Familienbewusstsein. 

Familienbewusstsein ist Trumpf

Dass Familienbewusstsein auf Dauer den Dienstwagen schlagen würde, zeigt sich seit Jahren. Der Wunsch nach mehr Partnerschaftlichkeit ist zu einem zentralen Thema der jungen Generation geworden. Immer mehr Frauen sind erwerbstätig und immer mehr Männer wollen auch für ihre Familie da sein. Beide wollen beides. Die Generation „Vereinbarkeit“ sucht bewusst nach Unternehmen, die ihr hierbei entgegen kommen. Das zeigt eine Untersuchung aus dem Sommer 2021. Studierende der Wirtschafts- und Werbepsychologie der Universität München hatten ihre Kommiliton:innen befragt, welche Rolle die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben in ihrem Leben spiele. Das Ergebnis war eindeutig. Die befragten Studierenden wollen familienbewusste Arbeitgeber. Ebenfalls 2021 befragte das Forschungsinstitut Forsa im Auftrag das Väternetzwerk conpadres junge Berufstätige mit Kinderwunsch, wie sie sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorstellten. Wie Arbeitgebende aufgestellt sein müssten, um ihren Erwartungen gerecht zu werden. Auch diese Studie kam zu dem Ergebnis: Das Familienbewusstsein eines Arbeitgebenden steigert dessen Attraktivität bei sowohl Männern als auch Frauen. 

Aufholbedarf bei den Unternehmen

Wie groß der Aufholbedarf bei den Unternehmen ist, zeigen die Ergebnisse einer Studie von voiio und kununu. Während 46 Prozent der Mitarbeitenden sich Angebote für „Family & Work-Life-Balance“ wünschen, finden sich genau diese Angebote auf den weit abgeschlagenen hinteren Plätzen der Unternehmensangebote. Noch immer bieten Unternehmen eher eine Betriebliche  Altersvorsorge (50,6 %) sowie Snacks und Obst (26,7%) als Unterstützung für Kinder (17,1%). Mehr als die Hälfte der Unternehmen investiert weniger als fünf Prozent in familienunterstützende Zusatzleistungen.

Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Arbeitnehmenden noch die Wahrnehmung hat dass die meisten familienbewussten Angebote in den Unternehmen auf Frauen ausgerichtet sind. 2016 ergab eine Befragung durch das BMFSFJ, dass 83 Prozent der Väter sich in ihrem Vatersein vom Unternehmen nicht unterstützt fühlten. Ein Grund dafür, dass auch 2021 noch immer 48 Prozent der Väter weder Elternzeit noch Elterngeld in Anspruch nahmen. Laut der Allensbachstudie „Elternzeit, Elterngeld und Partnerschaftlichkeit“ aus dem Jahr 2021 befürchteten sie berufliche Nachteile. Auch die Prognosstudie „Neue Chancen für Vereinbarkeit“ hat das sichtbar gemacht. 42 Prozent der Väter sprachen während der Pandemiezeit mit ihren Arbeitgebenden über ihre Vereinbarkeitswünsche, denn auch sie mussten und wollten sich während dieser Zeit vermehrt in der Kinderbetreuung und Homeschooling engagieren. Mehr denn je erwarten die jungen Väter von ihren Arbeitgebenden ein glaubhaftes Familienbewusstsein und Vorgesetzte, die für das Thema offen sind. 

Maximale Flexibilität bindet Arbeitnehmende

Nicht erst seit der Corona Krise fordern junge Berufseinsteiger:innen flexiblere Arbeitszeiten und -orte. Allerdings hat die Krise dazu beigetragen, dass die Werte gestiegen sind.  Laut der Trendstudie „Zukunft Vereinbarkeit“ wünschen sich 82 Prozent der befragten zukünftigen Mütter und 78 Prozent der zukünftigen Väter die Möglichkeit, sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen zu dürfen. Eng gefolgt von dem Wunsch nach remote Arbeiten. 73 Prozent der befragten Frauen und 70 Prozent der Männer würden gerne (auch) im Homeoffice arbeiten können. 

Ein Wunsch, dem Arbeitgebende entsprechen sollten, denn entgegen der landläufigen Meinung steigert dezentrales Arbeiten die Produktivität. Laut den Ökonominnen Paloma Lopez-Garcia und Bela Szörfi von der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Corona Pandemie nicht nur den Trend zur Digitalisierung beschleunigt. Gegenüber der Vor-Corona-Zeit ist damit ein Anstieg der Arbeitsproduktivität um etwa 2 Prozent einher gegangen,.

Unterstützung bei der Kinderbetreuung ein Muss

Obgleich die Politik in den vergangenen Jahren viel in den Ausbau der Kinderbetreuung investiert hat, fehlen aktuell noch immer 342.000 Plätze. Insbesondere in den größeren Städten, aber auch auf dem Land. Ein Grund, weshalb Eltern die Sicherstellung der Kinderbetreuung nicht mehr länger als ihre alleinige Aufgabe sehen. Gut die Hälfte aller in der conpadres Trendstudie Befragten – Männer wie Frauen – wünschen sich Unterstützung in allen Bereichen der Kinderbetreuung. Angefangen bei der Suche nach einem Kitaplatz bis hin zur Notfallbetreuung, einem relativ neuen Betreuungskonzept, welches innerhalb weniger Stunden eine Lösung anbietet, wenn das Kind zuhause betreut werden muss. „Während Corona ist die Nachfrage nach Notfallmamas logischerweise gesunken. Wir hatten aber einen deutlichen Anstieg bei den Anfragen aus Unternehmen. Immer mehr Unternehmen nutzen leerstehende Büros, um hier eine kurzfristige Betreuung für die Kinder der Mitarbeitenden anzubieten. Ähnlich unserem Angebot der Pop-up Kita,“ berichtet Angela Schmidt von den Notfallmamas. 

Wie wichtig Mitarbeitenden die Unterstützung bei der Kinderbetreuung ist, zeigt auch die voiio Studie „Benefits zwischen Wunsch und Realität – Was Mitarbeitende wirklich wollen“. 25. Prozent des Budgets für „Family & Work-Life-Balance“ würden die Befragten in die direkte Kinderbetreuung stecken und 41 Prozent in familienfreundliche Freizeitgestaltung. 

Fehlendes Familienbewusstsein führt zur Kündigung

In den USA kam es im vergangenen Jahr zur „Great Resignation“ –  einer immensen Kündigungswelle. Allein 2021 kündigten mehr als 45 Millionen Amerikaner:innen ihren Job. Noch ist diese Welle nicht nach Deutschland übergeschwappt. Aber erste Personalverantwortliche fragen sich schon jetzt, ob, wann und wenn ja, wie sich diese Welle hier zeigen wird. Auch in Deutschland sind immer mehr Mitarbeitende bereit, den Arbeitgebenden zu wechseln, zeigt das Ergebnis der conpadres Trendstudie „Zukunft Vereinbarkeit“: 59 Prozent der befragten Männer und Frauen, würden bei fehlenden Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf den Arbeitgebenden (eher) wechseln. Knapp ein Viertel würde definitiv wechseln und 37 Prozent würden es ernsthaft in Erwägung ziehen. Vor sechs Jahren sah das noch anders aus. Damals hätten laut einer Studie von A.T. Kearney lediglich 21 Prozent der Männer und xxxx aufgrund fehlender familienbewusster Angebote den Arbeitgebenden gewechselt. Die Zahl der wechselwilligen Männer hat sich somit mehr als verdoppelt und ihre Chancen auf einen neue Job stehen besser denn je. Immer mehr verändert sich der Arbeitsmarkt von einem Arbeitgebenden- hin zu einem Arbeitnehmendenmarkt. Gut qualifizierte Fachkräfte können sich heute ihre Arbeitgebenden aussuchen und dementsprechend Forderungen stellen. 

Wer als Arbeitgebender attraktiv sein will und seine Arbeitnehmenden an das eigene Unternehmen binden möchte, wird in den kommenden Jahren nicht umhin kommen, sich familienbewusst aufzustellen. Die gute Nachricht für die Unternehmen ist aber: Familienbewusstsein rechnet sich.  Familienbewusste Unternehmen haben unter anderem eine geringere Fluktuation und eine höhere Produktivität, so das Ergebnis der Studie „Neue Chancen für Vereinbarkeit! Wie Unternehmen und Familien der Corona-Krise erfolgreich begegnen.“

 

Bildnachweis: Pexels – Karolina Grabowska