Alleinerziehend

Miriam Hoheisen ist Geschäftsführerin des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter. Ein Interview über Herausforderungen und Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden.

Frau Hoheisel, ich möchte mit einer Begriffsklärung starten. „Alleinerziehend“ - ist das nicht eine irreführende Bezeichnung?

Erziehung fußt auf Zeit und Zuwendung, es geht um das Vermitteln von Spielregeln für den menschlichen Umgang. Vieles davon lernen Kinder im alltäglichen Miteinander, durch das Ausloten von Grenzen. „Alleinerziehend“ spiegelt wider, dass Kinder meist bei einem Elternteil leben und aufwachsen.

Und bei diesem liegt die Hauptverantwortung für die Erziehung. Das schließt nicht aus, dass auch der getrennt lebende Elternteil seinen Teil zur Erziehung beiträgt. Wie auch Familie, Freunde und Freundinnen, sowie Menschen aus der Nachbarschaft, die mit in die Kinderbetreuung eingebunden sind. Alleinerziehende haben sich oftmals ein gutes soziales Netzwerk aufgebaut und fühlen sich nicht allein in der Erziehung. Wir als Verband sprechen von Einelternfamilien.

Die Zahl der allein Erziehenden steigt kontinuierlich. Hat sich dadurch das Bild der allein Erziehenden in den vergangenen Jahren geändert?

Seit den 70er Jahren hat sich die Zahl der Alleinerziehende verdoppelt und liegt mittlerweile bei 1,6 Millionen. Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Einelternfamilie, in Großstädten sogar fast jede vierte. Das Bild hat sich erweitert: Waren es in den 60er Jahren noch die ledigen Mütter, die misstrauisch als Abweichung von der gesellschaftlich-moralischen Norm beäugt wurden, sind heute sechs von zehn Alleinerziehenden aufgrund von Trennung und Scheidung in dieser Lebensform. In Ostdeutschland ist der Anteil lediger Alleinerziehender mit über 50 Prozent deutlich höher als im Westen. Alleinerziehen ist nicht länger eine defizitäre Lebensform, sondern eine von vielen möglichen und damit Ausdruck gesellschaftlicher Pluralisierung.

Hat sich auch die Einstellung gegenüber allein Erziehenden in der Gesellschaft geändert?

Alleinerziehende sind in ihrem Alltag immer noch mit Vorurteilen konfrontiert. Ich bekomme manchmal Geschichten zu hören, die mich wütend und traurig zugleich machen: Die handeln von Ablehnung bei der Wohnungssuche, Schwierigkeiten bei der Stellensuche, von Ausgrenzung oder vom Gefühl, allein gelassen zu sein. Dabei ist es enorm, was Alleinerziehende täglich leisten: Schließlich sind sie Familienernährerin, Erziehende und die eigene Hausfrau in einer Person! Alleinerziehende haben einen 24-Stunden-Job, nach dem Job fängt die zweite Schicht an.

Nur zehn Prozent der Alleinerziehenden sind Väter. Warum ist das noch immer so?

Nach Trennung und Scheidung ist vieles anders. Was bleibt, ist aber so gut wie immer die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Denn diese ist trotz Modernisierungsinseln fest in unseren Köpfen verankert: Wer ist in erster Linie für die Kinder verantwortlich und wer primär fürs Geldverdienen? Das ändert sich nicht schlagartig nach einer Trennung. Mütter können sich selten vorstellen, nicht mit ihrem Kind zusammenzuleben. Und wenn, müssen sie sich rechtfertigen, wie sie ihr Kind weggeben konnten. Vätern fällt es schwer, beruflich zurückzustecken, um alleinerziehend den Kindern gerecht zu werden.

Und das führt dann auch dazu, dass ein hoher Prozentsatz der allein erziehenden Mütter am finanziellen Limit lebt. Obwohl die meisten von ihnen berufstätig sind.

In der Tat, und das führt zu der skandalösen Zahl, dass die Armutsgefährdung von Kindern in Haushalten von Alleinerziehenden mit 37,5 Prozent fast dreimal so hoch ist wie insgesamt bei Personen in Haushalten mit Kindern (13 Prozent). Dabei sind fast 60 Prozent der Alleinerziehenden erwerbstätig, davon 44 % in Vollzeit. Alleinerziehende und ihre Kinder müssen überproportional oft von Transferleistungen leben. Ein Drittel dieser Alleinerziehenden sind AufstockerInnen, haben also ein so geringes Erwerbseinkommen, dass sie nicht davon leben können. Zudem wurden in den letzten Jahren Alleinerziehende im Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik vernachlässigt, sie wurden zu wenig und vor dem Hintergrund ihrer Lebensumstände nicht adäquat gefördert. Ausbleibender Kindesunterhalt ist neben dem Problem, Kinderbetreuung und Erwerb zu vereinbaren, eine weitere Ursache für die Armutslage allein erziehender Haushalte.

Welche Forderungen hat Ihr Verband diesbezüglich an die Politik?

Wir setzen uns für eine Kindergrundsicherung in Höhe von 500 Euro ein, um allen Kindern die gleiche Chance auf einen guten Start ins Leben zu geben und den Kreislauf von Armut, schlechteren Bildungschancen und wiederum schlechteren Chancen auf soziale Teilhabe zu durchbrechen! Wir fordern einen flächendeckenden Ausbau qualitativ hochwertiger ganztägiger und beitragsfreier Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, um hier die Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Wer berufstätig ist, muss davon leben können: Wir sind für einen flächendeckenden Mindestlohn und für das Abschaffen von Minijobs. Als VAMV setzten wir uns für ein Leitbild der eigenständigen Existenzsicherung ein, nach dem erwachsene Menschen in der Lage sind, unabhängig von anderen Personen ihre Existenz zu sichern. Das Familien-, Steuer- und Sozialrecht setzt widersprüchliche Anreize: Während der Ehe begünstigen Ehegattensplitting und Familien-Mitversicherung eine typische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, in denen die Person, die weniger verdient, auf Teilzeit reduziert oder ganz aus dem Beruf aussteigt. Das neue Unterhaltsrecht aus dem Jahr 2008 setzt dagegen den Anreiz für eine frühe und umfassende Erwerbstätigkeit beider Elternteile, denn nach Scheidung gilt für den betreuenden Elternteil ab dem dritten Geburtstag des Kindes eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit als angemessen. Wer allerdings tatsächlich beruflich zurückgesteckt hat, wird Schwierigkeiten haben, wieder im Beruf Fuß zu fassen. Solange eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Ehen und Partnerschaften strukturell begünstigt wird, solange Frauen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt benachteiligt und diskriminiert werden, solange werden nach Trennung und Scheidung Alleinerziehende und ihre Kinder die dadurch entstandenen Nachteile in Kauf nehmen müssen.

Haben es allein Erziehende am Arbeitsmarkt schwerer als Verheiratete?

Als Frauen und Mütter haben Alleinerziehende es am Arbeitsmarkt schwer, da eine mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ihren Lasten geht und die Benachteiligung von Frauen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt bei Alleinerziehenden offen zu Tage tritt. Nicht die Lebensform Alleinerziehend ist das Problem, sondern die schlechte Bezahlung in Berufen, in denen typischerweise Frauen arbeiten. Auch dass Teilzeit immer noch zur Karrierefalle wird, bekommen Frauen zu spüren. Leider berichten Alleinerziehende auch von Vorbehalten oder Benachteiligungen, auf die sie bei der Arbeitssuche stoßen.

Was bedeutet Familienfreundlichkeit von Unternehmen für Alleinerziehende?

Die Arbeitswelt muss noch familienfreundlicher werden, etwa durch flexible Arbeitszeiten oder Telearbeit. Statt (langer) Anwesenheit im Büro muss das Ergebnis zählen, das am Schluss rauskommt. Arbeitgeber, die ihre Beschäftigten mit Eltern-Kind-Arbeitszimmern Notfallbetreuungsangeboten oder Kinderferienprogramme unterstützen, gehen mit gutem Beispiel voran. Unternehmen haben vielfältige Möglichkeiten, den zeitlichen Bedürfnissen von Alleinerziehenden zu begegnen um im Gegenzug von deren Engagement und Kompetenzen zu profitieren.

Gibt es Forderungen, die Ihr Verband an die Wirtschaft stellt?

Auch hier braucht es ein Umdenken: Statt latent eine mangelnde Flexibilität und Belastbarkeit zu unterstellen, ist es wichtig sich zu verdeutlichen, dass gerade Alleinerziehende eine hohe Erwerbsorientierung haben. Sie sind deshalb sehr motiviert, verlässlich und zeigen viel Eigeninitiative. Das Organisieren des Familienalltags neben dem Beruf setzt ein hohes Maß an Organisationstalent und sozialen Kompetenzen voraus. Diese bringen allein erziehende Mütter und Väter mit in das Berufsleben ein, davon profitieren Arbeitgeber!

Was empfehlen Sie allein Erziehenden, die Beruf und die Kinder unter einen Hut bekommen müssen?

Nerven bewahren und immer einen Plan B haben. Alleinerziehende sind gut organisiert, Büro, Kinderbetreuung, Wege oder Freizeitaktivitäten der Kinder genau durchgetaktet. Aber die Unabwägbarkeiten des Alltags sind allein schwerer zu händeln als mit Partner/Partnerin in der Hinterhand: wenn der Termin auf der Arbeit dauert und dauert, aber der Kindergarten gleich zumacht. Wenn die Freundin, bei der das Kind während der Dienstreise übernachten sollte, kurzfristig krank geworden ist… Wichtig ist es, ein breites soziales Netzwerk zu pflegen, auf das Alleinziehende sich verlassen können, wenn‘s mal wieder brennt. Und langfristig zu planen: Die Ferien sind immer länger als der eigene Urlaub.

Unser Dossierthema heißt „Allein Erziehend - Doppelte Last oder alles nur halb so schlimm“. Wie sehen Sie das? Gibt es auch Vorteile, allein Erziehend zu sein?

Kinder allein groß zu ziehen, ist keine Last, sondern eine Leistung, vor der ich großen Respekt habe! Das Alleinerziehen stellt hohe Anforderungen und fordert den ganzen Einsatz und die ganze Persönlichkeit. Um so schöner ist es zu sehen, dass der Schritt weg von zerreibenden und konflikthaften Partnerschaften oft der Schritt zu mehr Zufriedenheit, Zuversicht und Freiheit war, zu einem Wachsen an Herausforderungen, zu neuer Stärke und dem Selbstbewusstsein, es auch allein zu schaffen!