Uta Gärtner

Uta Gärtner ist Diplom-Pädagogin und Projektmanagerin des Berliner Job-Coaching für Alleinerziehende. Wir haben Sie interviewt.

Sie sind von Beginn an Projektmanagerin des Berliner Job-Coachings für Alleinerziehende. Was genau leistet Ihr Projekt?

Ziel unseres Projektes ist es, Alleinerziehende im Rahmen eines zielgerichteten 12-wöchigen modularen Trainingsprogramms und begleitenden Coaching zur Entwicklung ihrer Berufsperspektiven und beruflichen Neuorientierung erfolgreich zu begleiten und zu unterstützen. Wir bieten den Teilnehmenden ein sogenanntes „Baukastensystem“ mit aufeinander abgestimmten inhaltlichen Modulen an, welche die unterschiedlichen Bedarfe und Voraussetzungen der Alleinerziehenden berücksichtigen. Im Rahmen der verschiedenen Module erkennen die Teilnehmenden ihre Stärken, Kompetenzen, Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten, sie bearbeiten diese gemeinsam mit den Coaches und erarbeiten folgend individuelle Handlungskompetenzen und berufliche Perspektiven. Das heißt, es geht bei uns im Projekt um eine Standortbestimmung und einen Realitätscheck von Wunsch und Wirklichkeit – das beinhaltet die Analyse der persönlichen Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten, über die Wünsche der Familie bis hin zu den Möglichkeiten sowie Anforderungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Das Coaching dient dabei dem Erreichen von selbstgewollten, realistischen Zielen und dem Aufzeigen von Lösungen, die für die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden relevant sind und zum Erfolg führen. Am Ende des Job-Coaching steht ein klar formuliertes Ziel, den eigenen beruflichen Weg erfolgreich umzusetzen. Ziel der Projektteilnahme ist eine langfristige Aufnahme einer nachhaltig gesicherten Beschäftigung oder einer betrieblichen bzw. schulischen Ausbildung, Fort- oder Weiterbildung oder Umschulung mit einer langfristig finanziellen Sicherheit. Wenn Teilnehmende es möchten, begleiten wir sie im Rahmen eines begleitenden Einzel-Coaching auch während ihres Berufs- oder Ausbildungseinstiegs, um die ersten Monate des beruflichen Weges erfolgreich zu bewältigen.

Welche Inhalte werden im 12-wöchigen Trainingsprogramm vermittelt?

Das modulare Trainingsprogramm bietet in der ersten Phase eine Kompetenzbilanzierung an: Hier entwickeln die Teilnehmenden gemeinsam mit unseren erfahrenden Dozierenden und Coaches Kompetenzen und Stärken sowie stärken ihre Potentiale. Dazu gehören eine Analyse der persönlichen Ausgangssituation und des familiären Umfelds, Erkennen der persönlichen Voraussetzungen, Selbst- und Fremdeinschätzung, Alltags- und Familienstrukturierung, Zeit- und Selbstmanagement, Gesundheits- und Stressmanagement. Danach geht es um die Stärkung des Selbstvertrauens, den sicheren Umgang mit der Elternzeit und das Entdecken und Erkennen der eigenen beruflichen und persönlichen Wünsche und Fähigkeiten.
Nach der Kompetenzbilanzierung bieten wir das jeweilige 8-wöchige Modul zur Berufsorientierung oder zum Bewerbungstraining an.
In der Phase der Berufsorientierung werden die beruflichen Ziele konkretisiert. Dazu gehören die Entwicklung künftiger beruflicher Perspektiven, Vorstellen von verschiedenen Berufsfeldern, Rahmenbedingungen des beruflichen Alltags, Abgleich der beruflichen Ziele mit der Arbeitsmarktrealität und den persönlichen und fachlichen Hemmnissen sowie eine Analyse von Möglichkeiten zur Ausbildung, Fort- und Weiterbildung oder Umschulung. Unser Modul zur Berufsorientierung richtete sich vor allem an Teilnehmende, die in ihrem „alten“ Beruf nicht mehr arbeiten können, da die Rahmenbedingungen (z. B. Arbeitszeiten) nicht mehr stimmen. Oder an Teilnehmende, die ihre beruflichen Kenntnisse auffrischen bzw. erweitern oder neue Tätigkeitsfelder erschließen möchten sowie an Teilnehmende, die noch keinen Berufs-abschluss haben und nach einem Ausbildungsplatz suchen.
In der Phase des Bewerbungstrainings werden die Teilnehmenden für die Herausforderungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes fit gemacht. Dieses Modul richtet sich an Teilnehmende, die sich aktiv auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt bewerben.

Warum liegt der Hauptfokus Ihres Projekts auf Alleinerziehende?

Der Anteil der Alleinerziehenden steigt, gleichzeitig sind sie besonders armutsgefährdet, wie die Bertelsmann-Studie „Alleinerziehende unter Druck“ (2016) deutlich aufzeigt.
Berlin ist die Stadt der Alleinerziehenden. Während im Bund jede fünfte Familie eine Ein-Eltern-Familie ist, ist es in Berlin jede dritte. Alleinerziehende sind dreifach benachteiligt. Sie sind - zu über 90% - Frauen, Mütter und als einzige Person für alles zuständig und verantwortlich: Förderung und Betreuung der Kinder, Alltagsorganisation und Haushalt sowie Einkommens-sicherung für alle Familienmitglieder. Für sie sind eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine familienorientierte Personalpolitik in Unternehmen existenziell. Sie sind einem deutlich höheren Armutsrisiko, ungesicherter Beschäftigung oder Erwerbslosigkeit ausgesetzt. Die Zahlen für Berlin sind hier erschreckend und seit Jahren konstant: Jede sechste Bedarfs-gemeinschaft bei den Berliner Jobcentern ist die einer Ein-Eltern-Familie. Fast die Hälfte aller Alleinerziehenden-Haushalte in Berlin beziehen Leistungen aus dem SGB II – die Frauen sind erwerbslos, arbeiten häufig auf Minijob-Basis, in Teilzeit oder sogar Vollzeit und sind doch noch auf ergänzende Leistungen der Jobcenter angewiesen.
Das Projekt „Berliner Job-Coaching für Alleinerziehende“ wird gefördert aus Mitteln der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung. Frau Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung betont, „dass es darum geht, Alleinerziehende dahingehend zu unterstützen, dass sie nicht abgehängt werden. Sei es finanziell, sozial, aber auch beruflich.“ Frau Kolat wünscht sich unser Berliner Modell deutschlandweit. „Nicht irgendeine Beschäftigung ist das Ziel, sondern eine Beschäftigung, die wirklich passt“, sagt sie. Und die deshalb auch nachhaltig ist. (vgl. Interview „Der Tagesspiegel“ vom 19.07.2016)
Hier setzt unser Projektangebot an und bietet Alleinerziehenden eine gezielte und spezifische Unterstützung, die zum einen das Familienmanagement und die individuellen Ressourcen sowie zum anderen die Entwicklung neuer persönlicher und beruflicher Ziele, Weiterbildung und die Aufnahme von „guter“ und auch existenzsichernder Erwerbsarbeit unterstützt.

Was sind Ihrer Meinung die größten Hindernisse für Alleinerziehende, die nach der Familienphase wieder arbeiten möchten?

Die größten Schwierigkeiten für eine Erwerbsaufnahme sehe ich, auch in unserem Projekt, in der Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele unserer Teilnehmenden sind für einen beruflichen Start bereit und möchten „loslegen“, aber die notwendigen Rahmenbedingungen passen häufig nicht. Die Hürden beim Einstieg sind bei sonst gleichen Voraussetzungen bei Alleinerziehenden deutlich höher als für Mütter in Paarfamilien: Weil Alleinerziehende in ihrer häuslichen Situation die Gesamtverantwortung für die Betreuung, Versorgung und Erziehung der Kind/er und für die Alltagsarbeit tragen, also auch höheren Anforderungen ausgesetzt sind. Alleinerziehende haben es nach wie vor bei der Job- bzw. Ausbildungssuche immer noch schwerer als Eltern aus Paarfamilien, weil Arbeitgeber befürchten, Alleinerziehende sind unflexibel, zeitlich eingeschränkt verfügbar und fallen vergleichsweise häufiger aus.
Geringe Berufserfahrungen mit langen Erwerbspausen aufgrund der Familienarbeit sowie die Abwertung der Abschlüsse nach langen Unterbrechungen sind ebenfalls Einstiegshindernisse für Alleinerziehende. Hinzu kommt eine relative Ortsgebundenheit, vor allem für Mütter mit Schulkindern, die folgend auch beruflich einschränkt und fehlende Kinderbetreuungs-möglichkeiten, vor allem außerhalb der Regelzeiten.

Was kann die Politik tun, um eine Entlastung für Alleinerziehende zu bewirken?

Meiner Meinung nach muss in vielen Bereichen angesetzt werden, vor allem um die materielle Situation von Alleinerziehenden und ihren Kindern zu verbessern, wie z. B. eine Änderung der steuerlichen Benachteiligung von Alleinerziehenden, Reformen im SGB-II, Kindergrundsicherung, Absicherung gegen Altersarmut sowie einer Anhebung des Mindestlohns. Darüber gibt es noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, um die Situation Alleinerziehender zu verbessern, z. B. im Rahmen spezifischer familienpolitischer Leistungen, flexibler bedarfsgerechter Angebote einer ergänzenden Kinderbetreuung außerhalb der der Kita- und Schulöffnungszeiten oder Krankheit, Gutscheine für Betreuung und haushaltsnahe Dienstleistungen für erwerbstätige Alleinerziehende sowie eine familienorientierte Personal- und Unternehmenspolitik (z. B. Arbeitszeiten, die an die besonderen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen der Alleinerziehenden angepasst sind).
Hervorzuheben ist hinsichtlich einer Entlastung für Alleinerziehende das längst überfällige Gesetz zum Unterhaltsvorschuss, welches ab Juli 2017 in Kraft trat, indem sich Bund und Länder auf gemeinsame Eckpunkte einigen konnten. Bisher wurde die Situation Alleinerziehender noch verschärft, wenn sie keinen oder nur unregelmäßig Unterhalt für das Kind vom anderen Elternteil bekommen haben. Die Folge: Die Kinder waren von Armut bedroht. Deshalb sprang bei ausbleibenden Unterhaltszahlungen der Staat mit einem Unterhaltsvorschuss ein. Das Gesetz zum neuen Unterhaltsvorschuss zahlt nun über das 12. Lebensjahr eines Kindes hinaus bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres Unterhalt. Bei Hartz-IV-Empfänger/innen wird der Unterhaltsvorschuss verrechnet. Trotz dieser Einschränkung verbessert der Ausbau des Unterhaltsvorschusses die Situation von alleinerziehenden Eltern erheblich und mit den neuen Regelungen wird ein Anreiz geschaffen, aus den Sozialleistungen zu kommen.
Gleichzeitig benötigen Alleinerziehende an ihre besondere Situation angepasste langfristig finanziell abgesicherte Beratungs- und Unterstützungsangebote, wie unser Projekt, welches sie bei ihrer beruflichen Perspektive erfolgreich unterstützt.

Was möchten Sie Alleinerziehenden mit auf den Weg geben, die sich (wieder) auf den Arbeits- bzw. Ausbildungsmarkt bewerben?

Stärke Dein Selbstbewusstsein! Ich will und ich kann – daran musst Du glauben!
Schaffe Dir Arbeit, die Spaß macht, sinnstiftend ist und Relevanz hat – und zwar für Dich und Dein Umfeld!
Setze Dich nicht unter Druck und starte Deine Berufstätigkeit ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber den/dem Kind/ern!
Formuliere Deine individuellen beruflichen und persönlichen Ziele und bleibe auch dran!
Finde Gleichgesinnte zum persönlichen Austausch! Pflege Dein soziales Netzwerk: Beziehe Freunde und Bekannte mit ein, die Dich ggf. in Notsituationen unterstützen bzw. Du sie!
Mach Dich vorab schlau und sammle vielfältige Informationen!
Bau Dir ein gut funktionierendes Zeit- und Selbstmanagement auf!
Lerne Deine Grenzen kennen: Nimm Dir regelmäßige Auszeiten, entwickle einen gesunden Workflow, setze Prioritäten, nimm Hilfe und Unterstützung an und lass sie auch zu!
Lass Dich nicht unterkriegen und verliere auf keinen Fall Deinen Humor!

Was ist das Besondere Ihres Projektes für Alleinerziehende?

Unser Projekt zeigt deutlich, dass Alleinerziehende keine homogene Gruppe sind: Unsere Teilnehmenden kommen aus fast alle sozialen Schichten, sie haben unterschiedliche Qualifikationen, Berufs- und Arbeitserfahrungen sowie individuelle und berufliche Ziele. Das Angebot unseres Projektes ist so vielfältig wie die Alleinerziehenden selbst. Gemeinsame Reflektion und Coaching – sowohl im Trainingsprogramm als auch in den ersten Monaten am neuen Arbeitsplatz – sind elementare Bestandteile unseres Projektes. Dieser ganzheitliche und prozessorientierte Ansatz ist schon einmalig.
Ein (Wieder-) Einstieg für Alleinerziehende ist nur dann erfolgreich, wenn geeignete Lösungen für die Organisation und Bewältigung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erarbeitet und auch erfolgreich umgesetzt werden. In unserem Projekt wird nicht nur die Person mit ihren Familienpflichten allein, sondern das „Gesamtsystem Familie“ gefordert und in den beruflichen Orientierungsprozess mit einbezogen. Erst wenn die Familie bei der beruflichen Perspektivplanung „mitgenommen“ wird, ist auch ein erfolgreicher Perspektivwechsel möglich.
Unser Projektangebot ist individuell, zeitintensiv und kostenfrei. Es ist freiwillig und keine Verordnung vom Amt. Wir arbeiten mit qualifizierten Fachdozierenden, Trainer/innen und Coaches der Erwachsenenbildung aus verschiedenen Fachbereichen der Wirtschaft zusammen. Unser Expert/innen-Team hilft den Alleinerziehenden, ihre Perspektive zu ändern: Dabei geht es in erster Linie ums Berufliche, aber auch um die soziale Stabilisierung der Alleinerziehenden. Wir unterstützen diese darin, ihren Alltag und das Familienleben besser zu strukturieren, Ressourcen freizusetzen sowie ein besseres Selbst- und Zeitmanagement zu entwickeln.

Inwieweit beeinflusst Ihre persönliche Erfahrung als Alleinerziehende Ihre Arbeit in einem Projekt für Alleinerziehende?

Ich habe vor 23 Jahren meinen Sohn geboren und war vorwiegend für die alleinige Erziehung und Betreuung meines Kindes verantwortlich, ohne jegliche Hilfe des Kindsvaters oder der Großeltern, die nicht in Berlin leben. Alleinerziehend ist das Leben anders! Ich bin vertraut mit den besonderen Herausforderungen und Problematiken, die Alleinerziehenden begegnen, wenn sie wieder arbeiten möchten. Ich kenne auch die Fragen und Gewissensbisse im Umgang mit den Erwartungen und Anforderungen bei der Gestaltung der Lebensbereiche Beruf und Familie „Was kann bzw. will ich mir und meinem Kind zumuten?“. Als Alleinerziehende, die in den letzten 20 Jahren vorwiegend in Vollzeit-Tätigkeiten beschäftigt war, bewältigte ich die alltäglichen Herausforderungen insgesamt ganz gut, auch wenn ich dabei oft an meine Belastungsgrenzen gestoßen bin. Aber die Rahmenbedingungen, unter denen ich als Alleinerziehende meinen Familienalltag allein bewältigen musste, waren häufig alles andere als gut.
Alleinerziehend zu sein, ist mittlerweile Normalität geworden und die rechtliche Situation Alleinerziehender hat sich verändert und teilweise auch verbessert. Trotzdem fehlt mir nach wie vor die notwendige gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung der Erziehungs- und Bildungsarbeit von Alleinerziehenden, denn Alleinerziehende leisten tagtäglich Beachtliches.
Als Projektmanagerin ist somit für mich die Arbeit mit und für Alleinerziehende eine Herzensangelegenheit. Mit meiner Arbeit in einem Projekt für Alleinerziehende bietet sich für mich die Möglichkeit, aktiv die berufliche und persönliche Lebenssituation von Alleinerziehenden positiv mitzugestalten und dabei erfolgreich mitzuwirken. Ich freue mich, den Alleinerziehenden, tagtäglich Mut zu machen, sie zu motivieren, ihnen mit meinen Erfahrungen als Alleinerziehende zur Seite zu stehen und ihnen gegenüber Wertschätzung und Anerkennung für ihre tägliche Arbeit und ihre Leistungen zu zeigen.

 

Über das Projekt: Das Berliner Job-Coaching begleitet Alleinerziehende und Frauen mit Familien- und Pflegeaufgaben beim (Wieder-) Einstieg ins Berufsleben mit einem modularen Trainingsprogramm und individuellen Einzelcoaching. Dabei bietet das Projekt eine ganzheitliche Beratung rund ums Thema Familie und Beruf und unterstützt beim Erkennen der eigenen Potentiale und beruflichen Ziele.

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