40 Wochen oder so

Thomas Bindernagel hat die Schwangerschaft seiner Frau in einem Buch festgehalten. Dabei hat er sich auch Gedanken über Selbständigkeit, Politik und den Mutterschutz gemacht.

In der Zeitung liest man in regelmäßigen Abständen immer wieder davon, wie die Politik dazu aufgefordert wird, das Kinderkriegen auch für Frauen mit florierender Karriere attraktiver zu machen. Oft sind marginale Kindergelderhöhungen oder ein paar mehr Kitas die einzige Folge. Dabei kommt es darauf gar nicht unbedingt an. Vielmehr scheint es so, als würde die ganze Sache komplizierter, je mehr man für sich selbst sorgen möchte und je mehr Steuern man einzahlt. Isabelle scheint grundsätzlich in der wohl ungeeignetsten Lage zu sein, um in diesem Land ein Kind zu bekommen. Doch der Reihe nach.

Solange man ganz normal angestellt ist, läuft die Sache halbwegs normal ab. Man arbeitet so lange man muss oder kann, lässt sich gegebenenfalls krankschreiben und geht dann in den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz, der fließend in das Elterngeld übergeht. Viel schlechter stehen Frauen allerdings da, wenn sie selbständig und privat krankenversichert sind. Dann gibt es nämlich keine Krankschreibung, kein Berufsverbot und keinen Mutterschutz. Dann heißt es: Arbeite bis kurz vor der Entbindung oder steuere auf die Pleite zu. Entgegen landläufiger Meinung ist ja nun nicht jede Selbständige reich oder hat einen reichen Partner, der das ausgleichen könnte. Viele tragen Kreditlasten aus den Anfangszeiten ihres Gewerbes oder reinvestieren Gewinne lieber, als sie ausschütten zu lassen. Da kann so etwas Unerwartetes wie, sagen wir, eine Symphysenlockerung, sich fatal aufs Konto auswirken.

Isabelle führt zum Zeitpunkt der Schwangerschaft ein kleines, aber ganz passabel laufendes Unternehmen, das aber nur solange funktioniert, wie sie daran arbeiten kann. Die schwangerschaftsbedingten Beschwerden streuen nun aber immer mehr Sand ins Getriebe der Firma, was sich am Umsatz bemerkbar macht. Nun ist Isabelle beileibe kein Mensch, der wehleidig ist oder dem alles andere egal wird, wenn ein Babybauch wächst. Sie fühlt sich mehr und mehr verantwortlich für die Misere, obwohl die unvorhersehbaren Beschwerden ihr keine Wahl lassen, als maximal mit dem Laptop auf dem Schoß zu arbeiten. Selbständigkeiten sind mehr als reiner Broterwerb. Sie bedeuten den Menschen dahinter etwas. Diese bauen sie auf, pflegen sie und leiden mit, wenn es ihnen schlecht geht. Sich nicht mehr um sein Geschäft kümmern zu können und keinerlei Möglichkeiten zu haben, einen Ausfall zu kompensieren und stattdessen seine Reserven aufzuzehren – das ist es, was wirklich stört und manche erfolgreiche Frau vom Kinderkriegen abhält.

Ich lege mich zu Isabelle ins Bett und schaue auf ihren Laptop. Zahlen und Daten. Eine firmeneigene Software. Böhmische Dörfer. Ich habe in den letzten Tagen versucht, ihr zu helfen und überall dort einzuspringen, wo es möglich war. Doch man ersetzt einen Unternehmensgründer und Geschäftsführer nicht einfach über Nacht. Es scheint fast, als seien diese Menschen mit ihren Firmen verwachsen. Trotzdem werden wir uns über kurz oder lang etwas überlegen müssen. Isabelles Geschäftspartner hat vielleicht ein gewisses Verständnis für ihren Zustand, doch wenn es ums Business geht, hält sich die Menschlichkeit oft in Grenzen. Auch hier zeigt sich eine weitere große Baustelle, die die Politik gar nicht ändern kann. Solange Frauen über Monate oder sogar Jahre hinweg so unkalkulierbar in ihrer Leistung sind, werden sie es immer schwerer haben, sich in Führungspositionen selbst zu behaupten. Ob sie davor jahrelang immer 110% gegeben haben, ist völlig egal. Es ist ein bisschen so wie bei Fußballtrainern. Egal wie viele Meisterschaften du für den Verein geholt hast – wenn du auf einem Abstiegsplatz stehst, musst du weg.

Isabelle bekommt eine Mail. Ihr Geschäftspartner hat auf unser Angebot geantwortet. Wir wollen das Beste aus der Situation machen und mich als Ersatz für Isabelle ausbilden, damit die Zahlen und Daten keine böhmischen Dörfer mehr für mich sind. Ihr Geschäftspartner scheint nicht abgeneigt, versucht aber, die Konditionen zu drücken. Isabelle hat wenig Spielraum. Sie weiß, sie wird weder in der Schwangerschaft noch in den Monaten danach wieder ihr Pensum schaffen. Die Symphyse wird auch nach der Geburt noch etliche Wochen gelockert bleiben. In mir spüre ich eine gewisse Wut, wie sehr ihre Situation ausgenutzt wird. Doch anders als ich sieht meine geliebte Frau die Sache eher pragmatisch. Besser einen Spatz in der Hand und so. Wir bestätigen das Gegenangebot und sind für den Moment etwas beruhigter.

Über das Buch:

40 Wochen oder so"40 Wochen oder so" - Der Episodenroman über eine Schwangerschaft aus Männerperspektive

Dieses Buch ist kein Schwangerschaftsratgeber, denn davon gibt es schon genug. Es ist auch kein Roman mit einer erdachten Geschichte. Und auch keine echte Biographie. Es ist irgendetwas dazwischen. Dieses Buch beschreibt nicht irgendeine und schon gar nicht jede Schwangerschaft, sondern einzig und allein diese eine besondere, die der Autor miterlebt hat. Folgen wir in „40 Wochen oder so“ einem werdenden Vater, der sich in jeder Woche aufs Neue so seine Gedanken macht, sich freut und ärgert, Angst hat und pures Glück empfindet. Dieses Buch will nicht belehren. Es erzählt nur eine Geschichte. Doch vielleicht sehen wir das Thema Schwangerschaft und Männer danach in einem etwas anderen Licht.

 

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