„Pflege ist ein Tabu-Thema. Das muss überwunden werden.“ Nur dann kann die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gelingen, ist sich Aline Moser sicher.

Der Pflegelotse als erste Anlaufstelle in Unternehmen

Um das Schweigen zu brechen, rief die Leiterin des Heidelberger Bündnisses für Familie gemeinsam mit ortsansässigen Unternehmen den Pflegelotsen ins Leben.

„Es muss einfach in Ordnung sein, das Thema anzusprechen. Wir alle müssen lernen, damit umzugehen – Betroffene wie Arbeitgeber“, so Aline Moser weiter. Durch einen Schlaganfall eines Elternteils, einen schweren Autounfall des Partners oder die Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung der Großmutter kann jeder ganz plötzlich in eine Pflegesituation katapultiert werden. In vielen Fällen ist sie aber das Ergebnis einer schleichenden Entwicklung. Pflege fängt häufig damit an, dass Angehörige ihre Angelegenheiten aus Altersgründen nicht mehr alleine regeln können und Unterstützung im Alltag benötigen. Von Seiten des Gesetzgebers ist nur derjenige ein pflegender Angehöriger, der ein Familienmitglied umsorgt, das in eine Pflegestufe eingruppiert ist. Für die Betroffenen beginnt Pflege jedoch oft viel früher. Das kontinuierliche Kümmern, die alltägliche Hilfestellung – sei es beim Einkaufen oder bei Arztbesuchen – ist ein zusätzliches Aufgabenpaket, das neben Job, Familie und Privatleben bewältigt werden muss. Die Betroffenen haben daher nicht selten die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht, wenn die „richtige“ Pflege losgeht.

Die Grenzen der Belastbarkeit

Organisation und Finanzierung von Pflege ist demnach immer nur die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist das Menschliche, das Umgehen mit einer neuen Situation, die physische und psychische Belastung, das emotionale Bewältigen von Krankheit und Tod. Die Mitarbeiter der Heidelberger Bündnis-Unternehmen können sich seit Anfang 2014 für Rat und Informationen an die Pflegelotsen wenden. Rund 20 Bündnisunternehmen haben sich in den eineinhalb Jahren dem Projekt angeschlossen. Rund 30 Pflegelosten wurden bislang ausgebildet. Die Schulungen, die zweimal im Jahr angeboten werden, sind gut besucht. Es wird also bald noch mehr Pflegelotsen in der Region geben.

Bei der Konzeption der Veranstaltungsreihe war es den Bündnispartnern wichtig, ein Angebot zu schaffen, das keine große Hürde darstellt, weder für die Geschäftsleitung noch für die Betroffenen. „Wir haben uns ganz bewusst gegen Inhouse-Schulungen entschieden. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass sich zu wenige Teilnehmer anmelden und die Schulung abgesagt werden muss. Dann ist das Thema erst einmal verbrannt“, erklärt Aline Moser. Die halbtägige Schulung zum Pflegelotsen wird daher als offener Termin angeboten, zu dem sich Mitarbeiter aller Bündnisunternehmen anmelden können.

Die Teilnehmer haben ganz unterschiedliche berufliche Hintergründe. Einige arbeiten in Personalabteilungen, andere sind beim Sanitätsdienst oder werksärztlichen Dienst angestellt. Wieder andere betreuen das Thema betriebliche Wiedereingliederung oder sind im Betriebs- beziehungsweise Personalrat tätig. Vereinzelt sind auch Geschäftsführer dabei, die sich das Angebot erst einmal anschauen oder die Funktion des Pflegelotsen selbst übernehmen wollen. „Es ging uns vor allem darum, das Thema schnell in der Unternehmenswelt zu platzieren“, so Aline Moser. Ein Prozess solle angestoßen, Informationen kanalisiert werden. Dazu brauche man keine fertigen Lösungen. Was nötig sei, sei ganz einfach ein Ansprechpartner.

Ein offenes Ohr, ...

So hat der Pflegelotse vor allem ein offenes Ohr für die Betroffenen. Er hört sich die persönliche Geschichte unvoreingenommen an und hilft dabei, sich zu orientieren und eine Lösung für die Pflegesituation und für die Vereinbarkeit der Pflege mit dem Beruf zu finden. „Das empathische Ohr ist mir ein persönliches Anliegen“, erklärt Mariel Radlwimmer. Sie ist seit Mitte 2014 Pflegelotsin beim Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte hat sie die Pflegelotsen-Funktion im DKFZ zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben übernommen. Das Projekt ist für sie die Mühe allemal wert, betont sie. Achtzehn Mitarbeiter hat sie 2014 beraten, dreizehn Frauen und fünf Männer. Für sie sind das achtzehn Schicksale, die so verschieden sind, wie nur das Leben sein kann. Bei manchen Kollegen sind gleich beide Elternteile pflegebedürftig, zwei Mitarbeiter haben pflegebedürftige Kinder und eine Mitarbeiterin einen pflegebedürftigen Ehepartner. Die einen sind neu mit der Situation konfrontiert und völlig hilflos. Sie wissen noch überhaupt nicht, wie es weitergehen soll und was zu tun ist. Andere pflegen schon seit mehreren Jahren und hoffen auf neue Ideen. Manche erkundigen sich, was sie tun können, damit ihre Kinder nicht in verzwickte Situationen kommen, wenn sie selbst einmal pflegebedürftig werden. Auch ein ganz junger Mitarbeiter, der sich für die Situation der Großeltern einsetzen wollte, suchte ihren Rat und fragte, was er denn tun könne.

... aber Keine rechtlich bindende Beratung

Eine rechtlich bindende Beratung, etwa zum neuen Familienpflegezeitgesetz oder zur Kostenübernahme einer stationären Unterbringung im Pflegeheim können die Pflegelotsen nicht bieten. Dazu sind unter anderem die Pflegestützpunkte da, von denen es deutschlandweit rund 340 gibt. Die Pflegelotsen verstehen sich vielmehr als Drehscheibe, als Multiplikatoren. Sie vermitteln Informationen zu Beratungsstellen, Ratgebern und Wegweisern. Sie geben Tipps, wie man seinen Vorgesetzten am besten ins Boot holt, wie man vor den Kollegen mit dem Thema umgeht, wer von der Personalabteilung zuständig ist, wenn man damit liebäugelt, die Arbeitszeit aufgrund der Pflege zu reduzieren, sich für einige Monate freistellen zulassen oder den Arbeitsplatz ins Home Office zu verlagern.

Ein emotionales Thema

„Als Pflegelotsin höre ich viel Emotionales. Viele müssen erst einmal erzählen. Viele haben die Erwartung an sich, dass man als guter Mensch die Eltern selbst pflegt. Es fällt ihnen schwer, die Eltern nicht selbst zu versorgen. Dabei gibt es für jeden physische und emotionale Grenzen. Die muss man herausfinden.“ In dem einstündigen Gespräch bespricht Mariel Radlwimmer mit den Betroffenen die individuelle Situation, angelehnt an einen standardisierten Fragebogen. Ist die Kontaktaufnahme zur Krankenkasse, Pflegekasse oder dem Pflegestützpunkt bereits erfolgt? Ist ein Antrag bei der Pflegekasse zwecks Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) bzw. den Medic Proof der Privaten Krankenkassen gestellt worden? Weiß man schon, wie die Pflege organisiert werden soll und wie die finanzielle Seite aussieht? Wurde bereits ein Anspruch auf kostenlose Pflegekurse und Pflegeberatungseinsätze vor Ort geltend gemacht? Die Antworten werden anonym notiert, wie auch natürlich die ganze Beratung absolut vertraulich läuft. Das ist wichtig. Denn schließlich wird über ganz private Dinge gesprochen. Mariel Radlwimmer sieht sich in der Situation auch nicht als Kollegin, sondern eher als außenstehende Dritte. „Es ist für viele leichter, einem nicht unmittelbar Betroffenen von der Situation zu erzählen“, berichtet sie. Die Distanz ist auch für sie wichtig. So kann sie unvoreingenommen auf die Situation schauen und die Stellschrauben herausfinden, an denen gedreht werden kann. Wertvoll in diesem Zusammenhang sei auch das Netzwerk der rund 30 Pflegelotsen des Heidelberger Bündnisses. Wer nach einer Lösung sucht, schreibt eine E-Mail an die Kollegen. Meistens weiß jemand eine Antwort.

Vereinbarkeit Pflege und Beruf

Ein zentrales Thema der Gespräche ist die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Mariel Radlwimmer hilft den Betroffenen, geeignete Rahmenbedingungen dafür zu finden und baut die Brücke zu den Ansprechpartnern in der Personalabteilung. „Pflege ist und bleibt anstrengend, egal wieviel Hilfe man hat“, weiß Mariel Radlwimmer auch aus eigener Erfahrung. Es mag daher naheliegend sein, die Belastung durch andere Arbeitszeitmodelle oder Freistellungen zu reduzieren. Wichtig ist es jedoch, langfristig tragende Lösungen zu finden.

Die Möglichkeiten zur Arbeitszeitreduzierung durch das Familienpflegezeitgesetz und diejenige zur Freistellung durch das Pflegezeitgesetz bieten mittlerweile einen großen Spielraum. Für beides gibt es für Beschäftigte seit dem 1. Januar 2015 einen Rechtsanspruch. Des Weiteren kann man seit Jahresbeginn bis zu zehn Arbeitstage pro Pflegebedürftigem im Jahr kurzfristig frei nehmen, um eine neue Pflegesituation zu klären. So kann in Ruhe ein Pflegedienst organisiert, notwendige Hilfsmittel angeschafft oder bauliche Veränderungen in der Wohnung angestoßen werden. Oder es kann ein Platz in einem Pflegeheim besorgt werden. Während dieser kurzfristigen Freistellung gibt es eine Lohnersatzleistung von der Pflegekasse, das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld. Bei einer Arbeitsreduzierung durch das Familienpflegezeitgesetz oder einer längerfristigen Freistellung durch das Pflegezeitgesetz gibt es einen solchen Lohnausgleich jedoch nicht. Der Betroffene muss die reduzierte Arbeitszeit nacharbeiten beziehungsweise ein Darlehen aufnehmen, um die Auszeit zu finanzieren. Mariel Radlwimmer warnt daher davor, vorschnell eine solche Möglichkeit zu wählen. Da ist zum einen das Darlehen, das zurückbezahlt werden muss. Zum anderen hat die Lösung auch Auswirkungen auf die Versicherungsbeiträge und die eigene Rente. Und außerdem, was macht man, wenn man sich für ein Jahr freistellen lässt und der Angehörige diese Zeit überlebt? So makaber das klingen mag – der Anspruch wäre dann aufgebraucht und die Situation bei weitem nicht gelöst. Wie lange eine Pflegesituation dauert, das kann schließlich niemand mit Gewissheit sagen.

Viel besser sei es, eine Lösung zu finden, die beides – Pflege und Beruf – parallel ermöglicht. Schließlich seien pflegende Mitarbeiter auch für den Arbeitgeber attraktiv, findet Radlwimmer. Dies scheint auch die Führungsspitze des DKFZ so zu sehen. Der Vorstand unterstützt die Initiative des Pflegelotsen uneingeschränkt und kommuniziert das Thema regelmäßig in den Personalversammlungen. Die betroffenen Kollegen seien zwar alle k.o., meint Mariel Radlwimmer, aber hoch motiviert. „Pflegende Angehörige, das sind alles Menschen, die aktiv Lösungen suchen. Einen besseren Mitarbeiter kann sich ein Unternehmen nicht wünschen. Gerade diese Mitarbeiter will man halten.“

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