Hochsensible Menschen

Mal die Seele baumeln lassen ist enorm wichtig, um gesund zu bleiben. Insbesondere für Hochsensible.

Kaum Freiräume, durchgetaktete Tage, wenig Pausen – wer Kinder hat und im Beruf steht, weiß genau, wie sich das anfühlt. Zeit freischaufeln, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen, ist gar nicht so einfach. Was in einer Zeit von Multitasking, Arbeitsverdichtung sowie sozialen und digitalen Medien viel zu kurz kommt, ist dennoch enorm wichtig, um gesund, ausgeglichen und leistungsfähig zu sein. Und für hochsensible Menschen sind Pausen im Alltag sogar doppelt wichtig …

Hochsensibilität: Ein Kurzporträt


Die Hochsensibilitätsforschung ist noch so jung, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse bei vielen Ärzten, Psychologen und Pädagogen noch nicht angekommen sind. Der Begriff Hochsensibilität kommt ursprünglich aus dem Englischen und wurde in den 1990er Jahren von Dr. Elaine N. Aron geprägt: Highly Sensitive Person – kurz HSP. Hochsensible haben keine Krankheit sondern einfach ein besonders sensibles Temperament, das 15-20 Prozent der Menschen betrifft. Es tritt bei Frauen und Männern gleichermaßen auf und ist – wie man heute annimmt – erblich. Aron beschreibt vier Merkmale, die für hochsensible Persönlichkeiten typisch sind:

  • hohe Sensibilität der Sinne
  • intensive Emotionalität und langes Nachhallen von Gefühlen
  • leichte Übererregbarkeit
  • hohe Verarbeitungstiefe und starke Vernetzung im Denken

Hochsensible sind – so könnte man sagen – wahrnehmungsbegabt. Ein Wesenszug, der in unserem Gesellschaftssystem einiges an Herausforderungen mit sich bringt: Wenn andere noch auf Hochtouren laufen, reagieren Hochsensible bereits mit Stress, weil sie viel mehr Reize und Informationen aufnehmen und verarbeiten, als durchschnittlich sensible Menschen. Und während andere Familien am Wochenende einen Eventmarathon starten, sind sensible Familien glücklich, wenn sie sich einfach ausruhen und einen schönen und entspannten Spaziergang im Wald machen können – ein Genuss für große und kleine Naturentdecker.

Hochsensibilität – ein neues Phänomen?


Hochsensibilität hat es vermutlich auch in vergangenen Zeiten bereits gegeben. Doch fehlte damals der Begriff und die Offenheit, sich mit Andersartigkeit positiv auseinanderzusetzen. Die Relevanz des Merkmals mag auch deswegen steigen, weil bei vielen Menschen der Alltag immer reizintensiver und komplexer wird. Zudem ist unsere Gesellschaft heute offener für „andersartige Menschen“. Es gibt eine zunehmende Tendenz dahin, auch Hochsensible wertschätzend zu betrachten, statt sie mit Sätzen wie „Nun stell dich mal nicht so an“, „Sei doch nicht so empfindlich“ und „Nimm Dir nicht immer alles so zu Herzen“ abzustrafen.

Hochsensibler Alltag mit Job und Kindern


Ein typisches Beispiel ist das Großraumbüro: es ist laut, jeder Mensch bringt seinen eigenen Geruch mit und auch für unsere Augen gibt es kaum „Ruhe“. Viele Menschen arbeiten ohne Rückzugsräume auf engstem Raum – eine Situation, die Hochsensible schnell an ihre Grenzen bringt. Auch dann, wenn der Job Spaß macht und die Bezahlung stimmt. Kommen dann Zeitdruck, schlechte Stimmung, mangelnde Wertschätzung oder Probleme in den Beziehungen zu Kollegen und dem Chef sowie die Herausforderungen im Privaten hinzu, ist das für hochsensible Menschen dauerhaft kaum erträglich. Die Kraft für den Tag scheint schon lange verbraucht, bevor die Kinder aus Kindergarten oder Schule abgeholt werden müssen. Dort angekommen ist es dann wieder laut. Und oft ist auch der Nachwuchs überreizt von den vielen Eindrücken und der Geräuschkulisse in Kindergarten oder Schule. Die Stimmung sinkt, das Miteinander ist schwierig, alle sind erschöpft und der Nachmittag könnte eigentlich schon aufhören, bevor er richtig begonnen hat. Und dann kriecht da immer wieder diese Frage in uns hoch: „Warum habe ich jetzt gerade kaum noch Kraft für meine Kinder? Wieso kann ich mich nicht einfach entspannen? Die anderen schaffen das doch schließlich auch …“ Das erhöht den Stress weiter und kratzt auf Dauer massiv an unserem Selbstwert und somit auch an unserer Gesundheit. Hinzu kommt, dass die Kinder hochsensibler Eltern diesen Wesenszug oft auch in sich tragen. Sie spüren intensiv was los ist und spiegeln die elterliche Erschöpfung und Unsicherheit mit ihrem oft selbst überreizten Verhalten. Das Ergebnis ist eine angespannte Situation sowohl bei der Arbeit als auch zu Hause mit den Kindern und dem Partner.

Erkenntnis Hochsensibilität als Chance


Berufstätige Eltern, die hochsensibel sind und ihren sensiblen Wesenszug bisher nicht einordnen konnten, erleben ihre Eigenart oft als Belastung. Vor allem dann, wenn sie auf den „üblichen“ Wegen wandeln und versuchen den Regeln der durchschnittlich sensiblen Kollegen und Eltern gerecht zu werden. Und das obwohl die meisten HSP hochmotiviert sind ihren Job gut zu machen, ihren Kindern und dem Partner liebevoll zu begegnen.

Die Erkenntnis Hochsensibilität ist für die meisten HSP ein Wendepunkt. Zu erkennen, dass wir mit diesem Wesenszug nicht allein dastehen und unser Nervensystem von Natur aus anders arbeitet, ist eine Wohltat. Wer bisher keine Chance hatte, sein andersartiges Temperament positiv zu reflektieren, hat jetzt eine Erklärung. Die Reizspeicher sind schneller gefüllt, der Körper reagiert mit Stress und schüttet Stresshormone, die immer wieder abgebaut werden müssen. Denn sonst drohen langfristig stressbedingte Krankheiten. Also braucht es mehr Freiräume und Pausen. Die Erkenntnis Hochsensibilität hilft dabei, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse anzunehmen und Stellschrauben im Alltag zu entdecken, die nach und nach Entspannung bringen.

Tipps und Tricks für hochsensible Eltern


Grundsätzlich gilt: Schauen Sie sich Ihr Selbstbild und Ihre Glaubenssätze an. Und nehmen Sie die andersartigen Bedürfnisse bei sich selbst und bei Ihren Kindern ernst. Auch wenn Sensibilität in der Gesellschaft oft noch als Schwäche gesehen wird - auf hochsensible Familien wirken solche und ähnliche Glaubenssätze wie schleichendes Gift. Und umgekehrt betrachtet sind hochsensible Menschen sehr leistungsfähig und stark, wenn sie sich auf den Weg machen, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen dem zarten Temperament anzupassen.

Eigenarten und Herausforderungen kennen und annehmen


Was fordert besonders heraus? Geräusche, Gerüche, visuelle Reize, Zugluft, fehlende Rückzugsräume, die Gefühle und Stimmungen der Mitmenschen? Wer sich die eigenen Herausforderungen bewusst macht und aufhört, dagegen zu kämpfen, der macht den Weg frei für positive Veränderungen im Alltag. Klarheit über uns selbst, hilft bei der Selbstfürsorge: Wie reagiere ich auf Stress? Was passiert mit meinem Körper und wie fühle ich mich, bevor die Überreizung eintritt? Wie kündigt sich eine Überforderung an? An dieser Stelle können Atemübungen, ein Tee in der Teeküche, ein Blick aus dem Fenster oder ein kurzer Aufenthalt an der frischen Luft einer Überreizung entgegen wirken. Wenn „Zwischendurch-Pausen“ im Unternehmen ungern gesehen sind, ist der Gang zur Toilette eine Notlösung, um Abstand von der Reizsituation zu bekommen.

Stärken herausarbeiten


Parallel ist es wichtig, sich die eigenen Stärken bewusst zu machen und sich darauf zu fokussieren. Was bringe ich aufgrund meiner hohen Sensibilität und Wahrnehmung mit? Ist es eine hohe Lösungsorientierung, starke Empathie, intensiv kreative Fähigkeiten, eine gute Intuition für richtige Entscheidungen, Qualitätsbewusstsein, vernetztes Denken, eine hohe Sensibilität für Fehler, starkes Wertebewusstsein oder eine differenzierte Wahrnehmung? Was bringe ich bereits in meinem Job und in meiner Familie positiv mit ein? Was kann ich noch ausbauen? Je besser HSP ihr Herausforderungen und Stärken kennen, desto einfacher wird es selbstsicher für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und: HSP sind wertvolle Leistungsträger – wenn man sie lässt und wenn sie gut für sich sorgen.

Starkmacher integrieren

Bei dauerhafter Überreizung ist es zunächst einmal wichtig, an der Basis anzusetzen: Ruhe, ausreichend Schlaf, jeden Tag moderate Bewegung – am besten in der Natur an der frischen Luft -, entspannende Rituale, Musik, Gesang oder ein gutes Buch. Darüber hinaus gibt es viele stärkende Methoden wie Yoga, Gewaltfreie Kommunikation, Achtsamkeitstraining oder Meditation. Wichtig ist, sich nicht auch noch in der Freizeit mit der Entspannung Druck zu machen. Kleine Schritte bewirken oft viel mehr als große Veränderungen.

Weniger ist für sensible Familie mehr


Da gibt es den Vater, der seine Arbeitszeit von 40 auf 37,5 Stunden verringert und seitdem die abendlichen Spaziergänge mit dem Hund genießt und anschließend seinen Kindern entspannter begegnen kann. Oder die Mutter, die sich positiv mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzt und der Führungskraft selbstbewusst erklärt, warum sie in einem Einzelbüro für die Firma ein Gewinn ist. Und Familien, die einfach glücklich sind, wenn sie am Wochenende gemeinsam Zeit haben, um zu lesen, miteinander zu spielen und die Natur zu erleben. Der schönste Nebeneffekt: Die Kinder lernen gleich mit, was ihnen gut tut und was nicht. So kann die hohe Sensibilität zu einer Gabe werden, die sowohl den Beruf als auch das Miteinander in der Familie bereichert.

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Bildnachweis: fotolia - Jeanette Dietl

Kathrin SohstÜber die Autorin: Kathrin Sohst ist Expertin für Hochsensibilität und unterstützt hochsensible Menschen dabei, ihre Potenziale zu entdecken und ein zartstarkes Leben zu führen. Sie bietet Info- und Netzwerk-Veranstaltungen zum Thema an, leitet Seminare und Workshops und hält Vorträge. Parallel dazu setzt sie sich für psychische Gesundheit in der Arbeitswelt ein, textet für Wirtschaft und Magazine und arbeitet als Fotografin. Die Diplom-Dokumentarin und geprüfte PR-Beraterin ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite von Kathrin Sohst unter www.sensibel-und-stark.de