Schlechtes Gewissen

Das schlechte Gewissen schlägt meist blitzartig zu. Meist so, dass wir es sogar körperlich spüren. Xenia Rieger weiß, wie man es ganz schnell wieder los wird. 

Meist bekommen wir dieses schlechte Gewissen in Zusammenhang mit unseren Kids – mal wieder sind wir beim Abholen spät dran. Oder wir schaffen es mal wieder nicht am Wochenende Oma und Opa zu besuchen. Und haben wir der Familie gegenüber kein schlechtes Gewissen, dann gegenüber dem Job, den Kolleginnen und Kollegen, dem Chef. Weil eigentlich hätten wir noch so viel zu tun.

Den meisten Männern fällt ein lockere Umgang mit dem inneren Richter leichter. Weil sie sich mehr Aggressivität gegen andere erlauben, suchen viele die Schuld erst einmal nicht bei sich. Bei uns Frauen orientiert sich das Gewissen eher an Fürsorge. Und damit an der Frage: "Was hätte ich tun können?" Sie richten ihre Vorwürfe gegen sich selbst, auch weil sie häufig nicht gelernt haben, Wut und Ärger gegen andere auszuleben. Ein Mann kommt freudestrahlend eine halbe Stunde später zu einer Verabredung. Er flucht über den Verkehr, und damit ist die Sache erledigt. Ganz anders die Frau, die auf ihn gewartet hat. Sie schafft es sogar, sich selbst die Schuld für seine Unpünktlichkeit zu geben. Weil sie ihm Druck gemacht hat, weil sie sich anstellt, ja vielleicht sogar, weil sie plötzlich denkt, dass sie ihm nicht deutlich genug gesagt hat, dass er rechtzeitig da sein soll.

Bei uns Frauen gibt es sogar ganze Lebensabschnitte, die vom schlechten Gewissen geprägt sein können. Zum Beispiel wenn Mütter gerne wieder arbeiten möchten, haben viele ein schlechtes Gewissen wegen der Familie. Schon bevor sie überhaupt angefangen zu haben, glauben sie, ihrer Familie nicht mehr so gerecht werden können wie vorher. Oder die Geburt eines zweiten Kindes steht an und es regt sich das schlechte Gewissen gegenüber dem erstgeborenen Kind.

Wir alle wollen gute Mütter sein. Wir wollen unseren Kindern das mitgeben, was wir als das Beste für sie erachten: Liebe, Geborgenheit, Wissen, Können, Selbstbewusstsein, Empathie etc. Wir wollen ihnen gerne so manches ersparen und sie durch anderes begleiten, und wir wollen das gut machen, dieses Ersparen und dieses Begleiten und alles andere auch, und wir wollen, wir wollen, und wir wollen. Doch hier kommt dann oft das schlechten Gewissen ins Spiel. Wenn wir unseren Ansprüchen, unseren Selbstbildern nicht genügen. Wenn wir andere Mütter mit ihren Kindern sehen – oder vielleicht auf eine bestimmte Art zu sehen meinen – und dann feststellen: Das wollte ich doch auch so gemacht haben. Wenn unsere Kinder uns in einem emotionalen Moment um die Ohren hauen: „Das hast du aber versprochen! Du bist doof! Ich will eine andere Mama! ...“

Wenn es euch genau so ergeht, dann habe ich hier mal fünf Tipps zusammengestellt, wie man sich vom schlechten Gewissen befreien kann:

1. Perspektivenwechsel: Was habe ich tatsächlich gemacht?

Fokus auf done-­‐Liste legen (ich nutze gerne Post-­‐ist, die ich nach Erledigung zerknülle), nicht auf die Punkte, die alle noch offen und zu tun sind.

2. Ich bin nicht allein

Wer vor der Arbeit schon diese eine Lieblingsstrumpfhose gefunden, die Kinder in Schneeanzüge gezwängt und allen die Zähne geputzt hat, der kann um neun Uhr wieder müde sein. Umso wichtiger ist ein soziales Netzwerk, das einen nicht nur in Notfällen auffängt. Etwa: Großeltern, die Kuchen für das Schulfest backen. Freunde, die Vokabeln mit den Kindern pauken oder die Putzfee. Mütter, die Aufgaben abgeben, neigen weniger zu schlechtem -­‐Gewissen und Gereiztheit und sind zufriedener.

Achtsam sein:

3. Jetzt ist unsere Zeit

Einfach mal alles um einen herum vergessen – die unbeantworteten E-­‐Mails, die unaufgeräumte Küche, die fehlenden Einkäufe – und mit dem Kind in dessen Tempo sein. Also im Moment sein anstatt zu machen. Z.B. mit den Kids Steine sammeln, Wolkentiere raten oder die Kinder in drei Gesellschaftsspielen hintereinander schlagen – oder gewinnen lassen. Sechs Bücher hintereinander vorlesen oder einfach mal mit dem Kind zusammen gar nichts tun. Auf dem Sofa rumgammeln und Geschichten erzählen oder einfach nur kuscheln.

4. Und jetzt ist meine Zeit - Ich Zeit

Natürlich sollte man andersrum mal alles vergessen – auch das Kind (also für den Moment). Die Zeitung zu Ende lesen. Abends länger aufbleiben, um sich mit einer Freundin zu treffen oder um eine Folge der Lieblingsserie zu schauen. Mit umso mehr Energie und Freude und Geduld startet man am nächsten Morgen in den Tag. Und wer so viel leistet, wie wir berufstätigen Mütter, sollte nicht zu kurz kommen. Sorge dafür, dass Dinge, die dich entspannen, unterhalten oder dir ein gutes Gefühl geben, tatsächlich auch passieren. Das kann ein Kinobesuch pro Monat sein, das ein oder andere neue Kleidungsstück im Kleiderschrank oder auch mal ein Gläschen Sekt.

5. Die Anderen sind mir egal

Es wird immer andere Eltern, Erzieher, Lehrer geben, die ihre eigenen Vorstellungen haben, wie ein Kind leben oder wie es erzogen werden muss . Wir neigen dazu, uns diese fremden Ideale überstülpen zu lassen. Solange du und dein Kind im Reinen damit sind, wie ihr lebt, kann dir völlig egal sein, was die anderen sagen.

Ich habe noch ein Geheimnis für euch: Es gibt keine perfekten Eltern

Mütter machen auch Fehler. Das ist etwas, das auch Kinder lernen müssen. Die Fähigkeit, diese dem Kind gegenüber einzugestehen, ist weitaus wichtiger als die Frage, ob man alles richtiggemacht hat. Denn das ist sowieso unmöglich.