Mutter im Stress

Der Managementcoach Jens Tomas kennt die Überlebenstaktiken, wenn jeden Tag Stress, Überstunden, Zeitdruck im Job und zu Hause das nächste Chaos wartet.

Familie und Beruf zu vereinen, ist kein Zuckerschlecken. Auch Jobs, die wir lieben, können uns aufzehren. Kommt privater Druck dazu, fühlt sich alles doppelt so schlimm an. Ob durch unzufriedene Kunden oder Kinder, die die Schule schwänzen: Stress belastet immer das gleiche Konto – die Gesundheit. 

Stefan hat Stress. Stefan ist das Musterbeispiel eines jungen Familienvaters unserer Zeit. Er betreut als Ingenieur drei wichtige Kundenprojekte gleichzeitig. Dabei hat er Mühe, seine direkten Mitarbeiter ebenfalls zu motivieren. Sein Chef hat hohe Erwartungen an ihn. So etwas Großes hat Stefan noch nie gemacht. Trotzdem muss das Ergebnis überzeugen. Gleichzeitig ist sein Vater krank. Und seine Schwester lebt in Scheidung. Der Familienvater muss daher noch Ersatzpapi für die Nichten spielen. Dazu kommen noch Dienstreisen – ein Drahtseilakt mit Burn-out-Gefahr.

Warum eigentlich immer ich?

Nicht nur für Stefan gilt: Private Anforderungen nehmen jeden Tag Zeit in Anspruch. Gleichzeitig haben wir auch im Büro die kranken Kinder, Einkäufe oder die Stromrechnung im Hinterkopf. Klar ist: Die Doppelbelastung von Beruf und Familie ist anstrengend. In Stressphasen werden wir reizbar und sind schneller überfordert. Wir kommen emotional an unsere Grenzen.

Die Krux an der Sache ist: Müssen Dinge zuverlässig erledigt werden, wenden sich Menschen privat wie im Job immer an die kompetenteste Person. Die Fleißigsten bekommen die meisten Aufgaben. Die mit dem größten Verantwortungsgefühl die größte Entscheidungsgewalt. Es sind Menschen wie Stefan, die bei Problemen gefragt werden und scheinbar alles meistern. Von ihnen erwartet man, dass sie immer Ja sagen, immer Zeit finden und die beste Lösung kennen. Sie gelten als Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Gehören Sie zu diesen Menschen, müssen Sie lernen, sich zu managen und die mentale Stopp-Taste zu drücken. Sonst gehen Sie unter. Folgende sieben Überlebensstrategien helfen Ihnen, wenn Sie sich von Arbeit und Familie erdrückt fühlen.

1.) Denken Sie klein und kurzfristig

Wenn Sie sich vor Augen halten, was in den kommenden Monaten alles ansteht, will man manchmal einfach nur wieder zurück ins Bett. Zu Recht, dieser Berg kann erdrücken. Daher: Lassen Sie es einfach! Denken Sie nicht an „Alles auf einmal“. Dann schaltet das Gehirn auf Überforderung, auf Feind von allen Seiten: „Das ist zu viel! Das ist nicht schaffbar!“

Ändern Sie Ihr Gedankenkarussell. Planen Sie stattdessen kurzfristig. Das kann das Gehirn besser verarbeiten und vermindert die Ausschüttung von Stresshormonen. Planen Sie diese Woche. Oder nur heute. Schreiben Sie Fälligkeitsdaten auf. Oder notieren Sie Blockarbeitszeiten für künftigen Bedarf. Dann hören Sie auf zu planen. Und lassen es für den Moment gut sein. Um entspannt zu bleiben, hilft Ihnen nicht, über all die persönlichen Angelegenheiten in der Zukunft nachzudenken. Ich garantiere: Wenn Sie Ihre Aufgaben auf das herunterbrechen, was Sie kurzfristig angehen müssen, haben Sie keinen Berg, sondern nur noch einen kleinen Hügel vor Augen.

2.) Leben Sie im Moment

In der Arbeit mit Alzheimer-Patienten arbeitet man mit dieser Technik: die Frage nach dem Sinn und Mehrwert des aktuellen Tages. Doch nicht nur in der Pflege, auch im klugen Umgang mit einem stressigen Leben hilft es, wenn Sie sich jeden Tag selbst vor die Frage stellen: Wie nutze ich meine Zeit am besten – jetzt direkt?

Manchmal gibt es Situation, in der Menschen sich in einer Art Schockstarre fühlen – wieder mal das Syndrom „Bettdecke über den Kopf“. Einfach weil zu viele Aufgaben auf einen einprasseln. Die berühmte „Flucht, Angriff oder Totstellen“-Methode. Um aus der Starre rauszukommen, fragen Sie sich in solchen Augenblicken, was der beste Nutzen Ihrer Zeit genau in diesem Moment ist. Das verschafft Klarheit und Konzentration. Ist diese Aufgabe erledigt, aktiviert das Gehirn zudem Glückshormone.

3.) Seien Sie kein Held

Sie sind die Person, „zu der man geht“, wenn es im Job oder in der Familie Probleme gibt? Auch wenn Ihnen das schmeichelt: Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, die Welt alleine retten zu müssen. Bevor Sie reflexartig Hilfe anbieten, halten Sie erst einmal inne. Fragen Sie sich: „Was tue ich gerade, was jemand anderes tun könnte? Wobei könnte mir jemand anderes helfen?“ Nach dieser Überlegung kommt der schwere Teil: Fragen Sie nach Hilfe und lassen Sie sie dann zu. Sie können Ihre Verantwortlichkeiten nicht verringern, während Sie gleichzeitig den Helden spielen. Wenn Sie klar spiegeln, wo Ihre Grenze ist, wird Ihnen das nur noch mehr Respekt einbringen.

4.) Teilen Sie Aufgaben ein

Unterscheiden Sie Ihre Problemherde und Baustellen in zwei Bereiche: 1. Der Teil, den Sie kontrollieren und verändern können – und 2. Was Sie eben nicht beeinflussen können. Der Alltag zeigt immer wieder: Wir investieren viel Kraft in Aspekte des Lebens, die wir nicht ändern können. Das ist verpuffte Energie. Erstellen Sie daher eine Liste von Aufgaben und Verpflichtungen, die unter Ihrem Einfluss stehen. Schriftliche Listen helfen immer ungemein, das Gehirn zu beruhigen. Entscheiden Sie dann, wie Sie Ihre Zeit und Energie hier einsetzen und verteilen. Legen Sie den Rest beiseite. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie ändern können.

5.) Optimieren Sie Ihre To-do-Liste

Egal, wie lang Sie ist: Auf Ihrer To-do-Liste sollten Sie selbst immer an erste Stelle stehen. Dass Sie ausreichend gesund essen und trinken. Dass Sie bequem sitzen, dass Sie keine Schmerzen spüren. All diese Aspekte sind sehr individuell und senken den Lebensstress. Vom Yogakurs oder Spazierengehen bis zur Bürokultur oder Ihrem Tagesplan.

Denn in der Regel sind To-do-Listen niemals fertig abgearbeitet. Wenn Sie selbst ganz unten sehen, kommen Sie nie dran. Erkennen Sie Ihr eigenes Ich aber als Priorität an, verändern Sie automatisch Ihren Alltag: Sie delegieren mehr, verhandeln vielleicht Prioritäten mir Ihrem Chef neu aus oder ändern Ihren Zeitplan.

6.) Lassen Sie sich ausfragen

Oft kennen wir im Innern schon die Antworten auf unsere Probleme. Wie haben nur keine Möglichkeit, sie zu erkennen, rauszulassen. Und somit zu verinnerlichen. Mein Rat daher: Reden Sie mit jemandem, der die richtigen Fragen stellen kann. Und ihnen damit eine neue Perspektive ermöglicht. Das kann der Ehepartner sein oder ein Freund. Meist hilft es, wenn die Person mit etwas Abstand auf Sie schauen kann. Wenn nötig, suchen Sie sich einen Coach oder Therapeuten. Kluge Fragen und intensives Zuhören verhelfen zu klaren Einsichten und somit mehr Ruhe und Entspannung.

7.) Prüfen Sie den Zeitrahmen

Es ist Mittwochabend, Sie sind beim Einkaufen, die E-Mails flattern aufs Handy, Ihre Tochter schickt eine Voice-Nachricht, die Freundin hat eine Frage zum Wochenende, Ihr Ehepartner plant den Urlaub und Ihr Sohn soll die Schule wechseln. Was hat Priorität? Eine Variante, viele Themen zu sortieren, ist die Frage: Wann wird das Ergebnis spürbar? Wenn Sie wirklich frustriert sind, hilft innehalten und überdenken, wie weit etwas wirklich wichtig ist.

  • Wird es in drei Tagen von Belang sein?
    Nein? Dann ist es wahrscheinlich nicht wert, mehr Zeit darauf zu verschwenden. Finden Sie eine schnelle Lösung und lassen Sie es los.
  • Wird es in drei Monaten von Belang sein?
    Ja? Dann weist dies auf Wichtigkeit und langfristigen Einfluss hin. Daher ist es eine Zeitinvestition wahrscheinlich wert.
  • Wird es in drei Jahren von Belang sein?
    Wenn ja, ist es in Ihrer Lebenszeit bedeutend und verdient spezielle Aufmerksamkeit. Es sind normalerweise die großen Themen – Beziehungen, Glück und Arbeit –, die hier einen Unterschied machen. Für diese Angelegenheiten müssen Sie sich aktiv Zeit schaffen, weil sie sonst kaum als dringende Positionen auf Ihrer To-do-Liste auftauchen werden.

Seien Sie Ihr eigener Anwalt

Viele ertragen regelmäßige Belastungen einfach jahrelang, brennen aus, kündigen oder schreien ihre Kinder an. Dabei gibt es Belastungen überall. Doch mit diesen sieben Taktiken überleben Sie auch große Stürme oder dauerhaftes Stressgewitter. Denn nur, wenn berufstätige Eltern auf sich achten, bewusst in sich hineinhören, nicht reflexartig Ja und Amen sagen, können sie Ruhe und Entspannung in ihren Alltag integrieren – und an beiden Fronten, Job und Beruf, volle Power geben.

Sie müssen sich einfach nur vor Augen halten: Die Situation können Sie wahrscheinlich nicht ändern, aber Ihre Einstellung und Ihren Umgang damit. Wenn die Arbeit zu erdrückend erscheint, stehen Sie auf und nehmen Sie einen anderen Blickwinkel ein. Ist der Frust vorübergehend? Was können Sie für sich selbst tun? Seien Sie Ihr eigener Anwalt, schon heute. Wenn nicht Sie, wer dann?

 

Über den Autor:

Jens TomasDr. Jens Tomas ist Keynote-Speaker, Autor und Management-Trainer. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Sozialpsychologie und wissenschaftlich fundierten Kommunikationsmodellen. Als einer der europäischen Top-Experten im Bereich Business, Kommunikation und persönliche Entwicklung sind Veränderungsprozesse sein Spezialgebiet. Kein Ziel ist zu groß und keine Blockade zu tief, dass Jens Tomas nicht wüsste, wie man ihnen begegnet. Zu seinen Kunden zählen neben erfolgsorientierten Mittelständlern nahezu alle DAX 30 Konzerne. 2017 gründete er das E-Learning-Modell „SmartSuccess – Erfolg auf ganzer Linie.“ Mehr unter www.jenstomas.de

 

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Titelbild: fotolia – epochtimes