Stress

Die Uhr tickt, der Chef blockiert den Bericht, zu Hause wartet das kranke Kind. Michaele Kundemann weiß, wie berufstätige Eltern lernen können, sich selbst zu beruhigen.

Wer seinen emotionalen Stress versehentlich immer wieder ankurbelt, leidet – kurzfristig und langfristig. Emotionaler Dauerstress und ein schlechtes Gewissen machen krank, zerstören Beziehungen und Lebensträume. Doch nicht nur das: Verfügt eine Führungskraft oder ein Elternteil über mangelhafte emotionale Stresskompetenz, macht sich das im ganzen Team bzw. in der gesamten Familie bemerkbar.

Moderner Stress – veraltete Lösungen

Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Stress ist nicht gleich Stress. Bedroht uns beispielsweise ein heranfahrender Laster, springen wir reflexartig zur Seite. Es fließen die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Dieser urzeitliche Stress-Modus ist höchst clever und lebensrettend. Heutzutage ist es jedoch eher emotionaler Stress, der uns das Leben schwermacht. Ruft die Schule im Büro an oder hängt die Internetleitung, ist das zwar unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich.

Die üblichen Stressantworten – Kampf, Flucht oder Erstarrung – funktionieren bei solchen emotionalen Bedrohungen jedoch nicht. Sie führen kaum in eine Lösung, sondern versetzen den Körper vielmehr in den bekannten Daueralarmzustand. Natürlich sind im Kinderzimmer oder Büro weder Angriff noch Flucht realistische Optionen. Die Situation bleibt also ungelöst und der Körper feuert immer wieder nach – mehr Adrenalin, mehr Kortisol. Dass der Körper unter diesem Dauerfeuer leidet, äußert er in vielen Variationen: Müdigkeit, Black-out, Krankheit, Erschöpfung, Burn-out …

Wir aktivieren emotionalen Stress selbst

Die bittere Wahrheit: Wir selbst sind es, die diesen Daueralarm aktivieren. Indem wir falsche Signale an den Körper schicken. Oft sind es unbewusste Gedanken und Entscheidungen, die die Stressgeister in heiklen Situation auf den Plan rufen. Müssen Eltern spontan auf eine Geschäftsreise, schwänzt der Teenie die Schule oder verschimmelt das Brot in der Brotbox, ist die erste Reaktion vielleicht Ablehnung, Ärger, Wut! Genau dieser Widerstand ist das eigentlich problematische Verhalten, das emotionalen Stress auslöst. Das Abgelehnte mutiert zu eben jener Bedrohung, die die Stressfeuerwehr alarmiert. Der erste Schritt zur Selbstberuhigung ist daher die Erkenntnis, dass Menschen sich in jeder emotional bedrohlichen Situation zwischen Flow und Stress entscheiden können. Denn wenn wir unsere Gedanken bewusst in eine positive Richtung lenken, folgen die Emotionen nach. Wenn wir in jeder auch noch so unangenehmen Situation zuerst einmal beteuern: „Das ist gut (auch wenn ich noch nicht weiß wozu)“, dann entsteht keine Bedrohung. Die Stress-Feuerwehr kann gelassen bleiben und rückt nicht aus. Das kann man trainieren. Dabei bleibt das Gehirn klar und wir können uns konstruktiv und kreativ um die Lösung einer Situation kümmern.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wer Kinder beobachtet, merkt schnell: Sie lachen etwa 400 Mal am Tag. Erwachsene nur 15 Mal. Dabei kichern die Sprösslinge auch in Situationen, die den Großen völlig normal erscheinen. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Humor entsteht, wenn man die Perspektive wechselt und die Wahrnehmung verändert. Humor schaut aus dem Blickwinkel, aus dem das Ereignis kleiner, lächerlich groß oder skurril wird. Das schafft Distanz zum Problem. Humor ist der kürzeste Weg zur Stresslösung.

Emotionen anerkennen – „Ihre Nachricht wurde gelesen“

Elternabend und Business-Trip kollidieren. Der Partner kann den Sohn wieder nicht zum Sport fahren. Auf dem Auto prangt ein Kratzer und der Chef setzt das dritte Meeting auf die Agenda. Meist schlucken wir den Unmut knurrend runter und schieben die Emotion beiseite. Das klappt vielleicht für den Moment, ist aber auf Dauer keine gute Lösung.

Wer negative Gefühle unterdrückt, dem platzt an unpassender Stelle der Kragen. Oder er wird krank. Gesünder und bereinigender für Seele und Körper ist es, negative Gefühle wie Wut, Angst oder Unzufriedenheit in diesem Moment für sich anzuerkennen: „Ich nehme dich wahr, Wut, und nehme dich an. Du hast einen legitimen Grund. Danke, dass du mir deine Botschaft sendest – auch wenn sie mein Verstand bisher noch nicht in Erkenntnisse umwandeln kann.“ Wenn das jeweilige Gefühl wahrgenommen wurde und seine Botschaft abgeliefert hat, beruhigt es sich zunächst wieder. Anschließend kann dann eine dauerhafte emotionale Lösungsarbeit erfolgen.

Schuld auflösen – „Ich gebe alles, was ich zu geben habe“

Nicht selten handeln Eltern aus unbewussten Schuldgefühlen. Besonders Mütter sind davon betroffen. Sie plagt das schlechte Gewissen, weil sie glauben, ihren Kindern nicht genug oder nicht das Richtige zu geben. Wegen dieser Gefühle setzen sie dem Kind nicht immer die notwendigen Grenzen, lassen zu viel durchgehen. Das ist für beide ungesund. Hinzu kommt, dass sich Schuldgefühle und Liebe einander ausschließen. Es ist besser, sich für die Liebe zu entscheiden.

Eltern können sich klarmachen und zu sich sagen: „Ich bin die beste Mutter / der beste Vater für mein Kind. Ich gebe, was ich zu geben habe – und das ist genau richtig.“ Das beruhigt den Stress der Schuldgefühle. Davon profitieren letztlich auch die Kinder. Eltern können ihren Kindern nicht mehr geben, als sie selbst haben. Wie viel Menschen geben können, hat mit der eigenen Herkunftsfamilie zu tun. Da gibt es manchmal einiges aufzuarbeiten – zum Beispiel über Familienaufstellungen. Aber für den Moment ist es erst einmal, wie es ist.

Positive Schlüsselgedanken – Entspannung im Kopf

Drohen Eltern in „stressaktivierende“ Entscheidungen zu rutschen, helfen positive Schlüsselgedanken und eine gute Vorstellungskraft. Damit das funktioniert, sollten Eltern – und auch alle anderen Stressgeplagten – einmal alle wärmenden, konstruktiven und wertschätzenden Gedanken aufschreiben, die sie sich selbst senden könnten. Die Gedanken, bei denen die emotionale Antwort am meisten applaudiert hat, sollte der Schreiber sich einprägen. In schwierigen Situationen beruhigen solche Gedanken und schaffen einen guten emotionalen Ausgangspunkt.

Gleichzeitig hilft es enorm, sich für einen Moment vorzustellen, dass die aktuellen Aufgaben bereits gelöst sind. Das Kind schläft endlich, das Protokoll steht, das Projekt rollt und der Kühlschrank ist voll. Diese Visualisierung senkt das Bedrohungsgefühl, bremst die Cortisol-Ausschüttung und ordnet das Gehirn.

Das alles ist nur eine Auswahl an Methoden, sich in kritischen Situationen selbst zu beruhigen. Es gibt noch zahlreiche weitere Tipps wie Atem- und Motorikübungen, auf Körpersignale achten, emotionale Botschaften verstehen, Situationen neu einordnen, destruktive Gewohnheiten umparken, Herzintelligenz einsetzen …. Der Kern der Selbstberuhigung liegt jedoch immer im Bewusstmachen, dass uns nicht die Umstände in den Stressmodus leiten. Es ist immer unsere mental-emotionale Antwort auf eine Situation. Lehnen wir sie ab oder nehmen wir sie an? Wie innen, so außen – das Leben spiegelt unsere Antwort nur wider.

Übrigens … ein Licht am Ende des Tunnels

Zum Abschluss noch ein kleiner schmunzelnder Trost: Das Stirnhirn ist der Ort, wo Menschen Situationen analysieren und bewusste Entscheidungen treffen, wo Motivation und soziale Wahrnehmung verankert sind. Eben jenes Stirnhirn wächst sich erst mit circa 21 Jahren aus. Das erklärt, warum pubertierende Heranwachsende oft Dinge tun oder Einstellungen haben, die Erwachsene nicht nachvollziehen können. Dann heißt es für die Eltern: Abwarten und Tee trinken. Ab dem 21. Lebensjahr kehrt langsam die Vernunft ein. 

Über die Autorin:

M. Kundermann

Michaele Kundermann ist Therapeutin, Coach und Expertin für die Psychologie der Emotionen und emotionalen Kompetenzen, Rednerin und freiberufliche Trainerin. Sie begleitet Unternehmen, die emotionalen Kompetenzen/ Stresskompetenzen ihrer Teams zu fördern. Als Ergänzung hat sie 2018 das Projekt „Tag der emotionalen Achtsamkeit“ ins Leben gerufen: www.emotionstag.com. Michaele Kundermann entwickelte eine Methode, mit der die Kunst der Selbstberuhigung in vielen Lebenslagen gelingt. www.michaele‐kundermann.com

Emotionaler Stress

 

 

Das Buch zum Thema:

Michaele Kundermann
Emotionale Stresskompetenz
Die Kunst der Selbstberuhigung
288 Seiten, Hardcover ISBN 978‐3‐99060‐084‐9 ISBN E‐Book 978‐3‐99060‐085‐6
22,00 Euro (Print), 9,99 (E-Book) Goldegg Verlag, Oktober 2018

Leseprobe >> www.emotionale-stresskompetenz.com

„Emotionaler Stress ist umkehrbar und vermeidbar. Er kann mit einfachen Strategien beruhigt und in einen produktiven Zustand transformiert werden. Das kann jeder lernen.“

Stress nimmt uns Lebensfreude! Bevor wir jedoch etwas gegen ihn unternehmen können, müssen wir verstehen, wie er entsteht. Die häufigsten Stressauslöser sind emotionaler Natur und verbergen sich tief in unserem Innersten. Dieses Buch packt das Übel an der Wurzel und bietet neue einfache Lösungen, die leicht in den Alltag übertragbar sind. Die Leser analysieren ihre bisherigen Reaktionen und erhalten praktische Werkzeuge, um Stressursachen zu identifizieren und zu vermeiden. Mit wirksamen Strategien ist es möglich, Stressgefühle in gesunde Energie zu verwandeln und dadurch Leistungsfähigkeit, Konzentration, Kreativität und Lebensfreude zu stärken. Sag adieu zum Stress – mit einem neuen Konzept der Selbstberuhigung!

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