Immer mehr Frauen studieren Medizin, und es gibt immer mehr ausgebildete Ärztinnen. Kaum verändert haben sich allerdings die Arbeitsbedingungen im Arzt- und auch im Pflegeberuf. 60-Stunden-Wochen, Nachtschichten und Wochenenddienste gehören zum Alltag. Vor allem der Klinikbetrieb macht es für Mütter und Väter und auch für Arbeitgeber schwer, gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Das Klinikum Esslingen ließ sich davon nicht abhalten.

Es macht vor, wie ein Non-Stopp-Betrieb im Gesundheitswesen trotz aller Schwierigkeiten familienfreundlich sein kann. 2009 ließ es sich zudem das erste Mal vom Audit berufundfamilie der gemeinnützigen Hertie-Stiftung zertifizieren. Am 11. Juni 2012 folgte die erste Rezertifizierung. „Wir müssen an 365 Tagen im Jahr jeweils 24 Stunden lang eine gleichmäßig hohe Versorgungsqualität leisten“, beschreibt Anja Dietze, Familienbeauftragte des Klinikums Esslingen, die besondere Herausforderung. Die Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und sieben Jahren weiß selbst, wie es ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Diese persönliche Erfahrung war jedoch nicht der Grund, dass sie sich vor fünf Jahren, als sie neu ans Klinikum kam, für einen familienfreundlichen Kurs stark machte. Für sie ist Familienfreundlichkeit ganz klar eine personalpolitische Notwendigkeit. Ihrer Meinung nach müssen sich alle Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen familienfreundlich aufstellen, um sich ausreichend mit gutem und qualifiziertem Fachpersonal eindecken zu können. Davon konnte sie auch den Geschäftsführer des Klinikums überzeugen. Heute ist für Bernd Sieber „die Vereinbarkeit von Beruf und Familie […] ein wesentlicher Aspekt, wenn sich Mitarbeiter für ein Unternehmen entscheiden.“

Arbeitszeitmodelle

Ein wichtiger Baustein für das familienfreundliche Arbeitsumfeld im Klinikum Esslingen sind die flexiblen Arbeitszeiten. „Aktuell versuchen wir am stärksten in der Pflege, alle möglichen Modelle wahrzumachen und auf die Wünsche der Mitarbeiter einzugehen“, so Anja Dietze. Denn gerade in der Pflege ist der Bedarf nach Flexibilität im Moment besonders hoch. Etwa 90 Prozent der rund 630 Pflegefachkräfte des Klinikums sind Frauen, ein Großteil davon hat Kinder. Pflegedirektorin Doris Rohrhirsch steht ganz auf der Seite ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Familienaufgaben. „Wir haben fast so viele Arbeitszeitmodelle wie Mitarbeiter“, erklärt sie die Lage. Der Wunsch nach Teilzeit ist groß. Die Wochenarbeitszeit variiert zwischen 15 und 100 Prozent. Manche Mitarbeiter arbeiten ausschließlich an den Wochenenden, andere nachts. Vor allem Mütter mit kleinen Kindern wählen gern diese Varianten. So können sie sich die Kinderbetreuung gut mit ihrem berufstätigen Partner teilen. Sie bleiben am Ball und verlieren auch fachlich den Anschluss nicht. Auf den Stationen sind diese „Teilzeiter“ sowieso gern gesehen. Sie kommen als Aushilfe oder arbeiten als Springer für Krankheits- und Urlaubsvertretungen. Das gibt den in Vollzeit arbeitenden Kollegen mehr Flexibilität.

IT-Dienstprogramm

Eine einfache Aufgabe haben die Fachbereiche mit so viel Flexibilität nicht. Schließlich müssen die vielen Arbeitszeitmodelle noch mit den Dienstplänen der Stationen koordiniert werden. Dabei hilft ein elektronisch gestütztes Dienstplanungsprogramm. Es berechnet den Bedarf an Pflegekräften an jedem Kalender- und Wochentag, zu jeder Uhrzeit. Die Belegung der Dienstpläne wird direkt auf den Stationen gemacht. Schließlich kennt die Stationsleitung die individuelle Lebenssituation der Mitarbeiter am besten. Sie kann, falls nötig, mit den Mitarbeitern die Einsätze direkt besprechen. Damit jeder seine persönlichen Termine so gut wie möglich auf die Dienstpläne abstimmen kann, werden diese etwa zwei Monate im Voraus gemacht.

Kinderbetreuung

Vor allem für die in Vollzeit oder vollzeitnah beschäftigten Pflegefachkräfte und Ärzte ist es zudem wichtig, eine Kinderbetreuung zu haben, die sich ihren Bedürfnissen anpasst. Das heißt für die Mitarbeiter im Klinikum Esslingen vor allem: lange Öffnungszeiten und kurze Entfernungswege. Nicht selten kollidieren Öffnungs- und Schließzeiten von Kitas und Kindergärten mit den Schichtzeiten am Arbeitsplatz. Daher sind die Eltern froh, dass es nur 100 Meter vom Klinikgelände entfernt die „Hirschlandstraße“ gibt. Die Kita ist im Gebäude der ehemaligen Kinderklinik untergebracht und betreut Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren. Geschaffen wurde die Kinderbetreuung in Kooperation mit der Stadt Esslingen. 2011 wurden im Haus der Städtischen Kita mehrere kleine Wohnungen frei. Es ergab sich die Möglichkeit, die Kita um eine Gruppe zu erweitern. Stadt und Klinikum griffen kurz entschlossen zu und setzten die gemeinsamen Pläne zügig um. Nun gibt es 15 Belegplätze nur für Klinikmitarbeiter. „Ich muss die Stadt hier einfach mal loben“, sagt Anja Dietze. „Die Gemeinde hat alles drangesetzt, sich den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter anzupassen und hat für uns sogar die Öffnungszeiten erweitert.“ Dass die „Hirschlandstraße“ mittlerweile von sechs Uhr morgens bis 18 Uhr abends geöffnet ist, davon profitieren nun auch die Kita-Eltern, die nicht im Klinikum arbeiten. „Die gute Zusammenarbeit mit der Stadt ist ein großes Plus“, so Anja Dietze. Sie organisiert auch die Belegung der Kita-Plätze und weiß, dass 15 Plätze bei insgesamt rund 900 Mitarbeiterkindern von null bis zehn Jahren knapp bemessen sind. Leider bekommen nicht alle interessierten Eltern einen Platz und müssen auf die Warteliste. Bei der Belegung haben die Mitarbeiter mit der höchsten Arbeitsbelastung Vorrang. „Es lässt sich den Kollegen schlecht vermitteln, dass jemand mit einer Halbtagsstelle einen Ganztagsplatz bekommt, wenn viele Vollzeitmitarbeiter auch auf einen Platz warten. Außerdem müssen wir darauf achten, dass wir die Kitaplätze optimal auslasten. Wir können die Plätze leider nicht doppelt belegen.“ Mitarbeiter, die kürzere Betreuungszeiten brauchen, berät sie bei der Wahl einer Tagesmutter. Im Intranet gibt es einen Babysitter-Pool, der von den Schülerinnen der Pflegeschule geführt wird. Kommune und Klinikum sind außerdem im Gespräch, die Kapazitäten in Kooperation mit dem Tagespflegeverein aufzustocken und auf diesem Weg auch eine Notfallbetreuung zu organisieren.

Ferienbetreuung für Schulkinder

Im Herbst 2012 gibt es zum ersten Mal eine Ferienbetreuung für die größeren Mitarbeiterkinder. Denn während die Stadt die Mitarbeiter und ihre Familien in den Sommerferien sehr gut mit Betreuungsangeboten versorgt, sieht es in den Herbstferien eher mau aus. Das Besondere: Die Ferienbetreuung wird auf dem Klinikgelände stattfinden. Das Konzept wurde zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erstellt, die auch die Betreuung übernehmen wird. Das Programm ist ganz auf den Klinikalltag zugeschnitten. Die Kinder verbringen einen Tag in der Klinikküche. Sie machen einen Rundgang durch die „Katakomben“, die Technikräume der Klinik. Sie bekommen eine Führung durch alle Fachbereiche und sehen den Arbeitsplatz ihrer Eltern. Ein besonderes Highlight dürfte der Hubschrauberlandeplatz sein. „Wir würden uns freuen, wenn wir den Kindern so vielleicht sogar den Pflege- und den Arztberuf schmackhaft machen können“, erklärt Anja Dietze schmunzelnd. Überhaupt war ihnen bei der Rezertifizierung wichtig, vor allem weitere Angebote für Kinder aller Altersklassen zu schaffen. Nun wird der Bereich Bundesfreiwilligendienst und Freiwilliges Soziales Jahr weiter ausgebaut. Und es gibt Schnuppertage für Mitarbeiterkinder, die ihnen Gelegenheit geben, sich über medizinische Berufe zu informieren. 

Familienfest statt Abendveranstaltung

Auch das alljährliche Mitarbeiterfest wird 2012 zum ersten Mal familienfreundlich gefeiert. Bislang fand es immer abends statt. Mitarbeiter mit kleineren Kindern mussten sich privat um eine Kinderbetreuung kümmern. Dieses Jahr ist die ganze Familie eingeladen. Auch die ehemaligen Mitarbeiter im Ruhestand und Mitarbeiter in Elternzeit sind zum ersten Mal dabei. Das Familienfest findet an einem Samstag im Juli statt. Für die Kleinen gibt es ein vielseitiges Programm mit Waldrallye, Kinderschminken, Hüpfburg, Jonglieren, Clowns und großem Schokobrunnen. Da das Klinikum dieses Jahr zudem 150. Geburtstag feiert, ist eine große Party angesagt.

Kulturveränderung durch Kommunikation

„Auch in der Kommunikation wollen wir in Zukunft deutlich machen: Eure Kinder sind hier willkommen!“ Dies ist ein wichtiger Aspekt von Familienfreundlichkeit, weiß Anja Dietze. Das Thema muss noch mehr in den Köpfen der Leute verankert werden. Werdende Eltern bekommen eine Infobox geschenkt, in der Informationen über die familienfreundlichen Angebote des Klinikums enthalten sind. Seit neuestem gibt es auch eine Rentnerbox für ehemalige Mitarbeiter im Ruhestand. Im Intranet werden im Bereich „Beruf und Familie“ die familienfreundlichen Angebote des Klinikums vorgestellt. Hier finden Mitarbeiter die Ansprechpartner und können die Anmeldungsunterlagen für die Kita herunterladen. Die Mitarbeiterzeitung hat eine eigene Rubrik für Familienthemen. Das Thema „Vereinbarkeit“ steht auf der Tagesordnung bei jeder Betriebsversammlung und bei den Einführungstagen für neue Mitarbeiter. Vor allem aber setzt Anja Dietze auf die persönliche Kommunikation. Anders gesagt: Sie leistet kontinuierlich Überzeugungsarbeit. Sie trägt das Thema in alle wichtigen Gremien. Sie spricht sich eng mit Pflegedirektorin Doris Rohrhirsch ab, mit den Kollegen von der Personalabteilung und mit der Geschäftsführung. So erhält sie viele wichtige Informationen zurück.

Auch den Ärzten und Chefärzten ist aufgefallen, dass sich die Zeiten geändert haben. Ließen Chefärzte vor einigen Jahren anlässlich der Schwangerschaft einer Kollegin noch Bemerkungen fallen wie: „Schade, sie war eigentlich eine gute Ärztin“, geht heute niemand mehr automatisch davon aus, dass die Frauen mit der Geburt ihres Kindes den Dienst niederlegen. Und Berufsbiografien wie die von Annett Werner sind kein Einzelfall im Klinikum Esslingen. Die Fachärztin für Innere Medizin, Psychosomatik und psychotherapeutische Medizin hat einen kleinen Sohn, der in der „Hirschlandstraße“ betreut wird. Sie arbeitet 70 Prozent in Teilzeit und ist Oberärztin in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin.