Aus Sicht von Wendelin und Henriette hat ihre Mutter einen Traumjob. Die Geschäftsidee läuft so gut, dass das Unternehmen inzwischen 20 Mitarbeiter beschäftigt.

Franziska Kuntze, Mutter von zwei Kindern, produziert Lederpuschen

Hebammen und Kinderärzte mahnen immer wieder mit erhobenem Zeigefinger: Keine festen Schuhsohlen für Kleinkinder, solange diese noch nicht laufen können! Dabei stellen sie junge Mütter oftmals vor ein Problem, wie man die zarten Füßchen eigentlich möglichst ideal verpacken sollte. Während einige Mamas auf Wollstrümpfe oder gummierte Stoppersocken schwören, lassen andere ihren Nachwuchs barfuß auf dem Asphalt herumtapsen. Und wiederum nicht wenige Mütter bevorzugen Lederpuschen, die sich an den winzigen Fuß anschmiegen und vor allem in der kälteren Jahreszeit ideal sind. Was heute viele Kinderfüße kleidet, war noch vor wenigen Jahren längst nicht überall erhältlich. Daran erinnert sich Franziska Kuntze aus Berlin, Mutter von Wendelin und Henriette, noch sehr gut. Sie kennt den Markt wie keine andere, da sie damit ihr Geld verdient.

Als ihr inzwischen dreizehnjähriger Sohn Wendelin noch ein Kleinkind war, habe es einen regelrechten Hype um die Lederpuschen gegeben. „Damals musste man fast bis nach Hamburg dafür fahren, und die Puschen wirkten leicht 'ökig', wenn Sie verstehen, was ich meine“, sagt Franziska Kuntze. Dass solche Schuhe zu dieser Zeit noch eine Marktnische in Deutschland waren – auf diese Idee kam die heute 44-Jährige durch eine Freundin, Verena Carney. Die junge Frau war vom Fach: Sie hatte zuvor als Schuhdesignerin in London gelebt und gearbeitet, wo sie bereits auf Krabbelpuschen für Kleinkinder aufmerksam geworden war. Diese seien allerdings aus weniger schönem Leder und ohne pfiffiges Design gefertigt gewesen, erinnert sich Franziska Kuntze. Die beiden befreundeten Frauen zögerten nicht lange: „Das war eine Marktnische, die Chancen für eine Selbstständigkeit bot. Wir sagten beide: Wir machen das jetzt!“

Von der Marktnische zur Geschäftsidee

Geplant war die Selbstständigkeit nicht unbedingt. Als Sohn Wendelin gerade mal sechs Monate alt war, kehrte Franziska Kuntze halbtags in ihren alten Job bei einem Hightech-Unternehmen zurück. Dort war sie als studierte Betriebswirtin für das Marketing zuständig. Die Festanstellung war allerdings nicht für die Ewigkeit bestimmt, denn ihr Arbeitgeber meldete infolge der großen Krise im September 2001 Insolvenz an – wie viele innovative Start-up-Unternehmen zu jenem Zeitpunkt. „Also musste ein neuer Job her“, sagte sich Franziska Kuntze. Dass die Lederpuschen eine Marktnische waren, habe schließlich den Ausschlag für die Selbstständigkeit gegeben. „Außerdem ist das einfach ein tolles Produkt, bei dem man Design und Ökologie zusammenbringen kann.“

Die Geschäftsidee wurde schließlich im September 2002 geboren, als ihr Sohn anderthalb Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt stand auch schon der Firmenname fest: „Pololo“, was aus dem Chilenischen stammt und so viel wie „mein fester Freund“ bedeutet. Im November habe man Kontakt zu einem Lederlieferanten geknüpft und schon im Dezember die ersten Puschen auf dem Weihnachtsmarkt angeboten. Im darauffolgenden März folgte die erste Messe, im Sommer habe man das Produkt bereits verkauft, erinnert sich Franziska Kuntze.

"Wir freuen uns über jeden kleinen Schritt"

Größere Hürden habe es am Anfang der Selbstständigkeit nicht gegeben: Die beiden Jungunternehmerinnen konnten gleich ein rasches Feedback von großen Versandhäusern und der Umweltvereinigung Greenpeace verzeichnen. „Wir haben uns über jede Rückmeldung gefreut“. Dies sei vermutlich auch der Unterschied zu Männern, räumt Franziska Kuntze ein, dass sich Frauen über jeden kleinen Schritt freuen würden.

Anfänglich habe es noch viele Fragen gegeben, vor allem rund um das Personal und dessen Einstellung. „Wir dachten jedoch, dass es dafür die Arbeitsagentur gäbe, die uns beraten würde“, sagt Franziska Kuntze. Schließlich hatten die beiden Gründerinnen vor, neue Arbeitsplätze zu schaffen und Leute einzustellen. Ihre Hoffnung sei allerdings enttäuscht worden, da man nur wenige konkrete Tipps erhalten habe, vielmehr nur das Angebot, Stellenanzeigen in eine Plattform einzustellen. Dafür seien sie jedoch von der Industrie- und Handelskammer gut beraten worden, die ihnen auch in Sachen Steuerrecht unter die Arme gegriffen habe. Das sei super gelaufen, so Franziska Kuntze rückblickend.

pololo minniBefreundete Doppelspitze, geteilte Zuständigkeiten

Die beiden befreundeten Frauen teilen sich bis heute die Zuständigkeiten im Unternehmen: Verena Cartney ist als Schuhdesignerin für das Nähen, die Produktion und Fertigung zuständig, Franziska Kuntze kümmert sich hingegen um Marketing, Kommunikation, Vertrieb und Messen. Die doppelte Firmenspitze habe große Vorteile, sagt Franziska Kuntze: „Wenn man getrennte Bereiche hat, hat man auch ein ganz anderes Wachstumspotenzial. Wenn ich mich jetzt auch noch hinter die Nähmaschine klemme und Marketing mache, wird das nichts“, ist sie überzeugt.

Generell sei es wichtig, bereits im Vorfeld der Selbstständigkeit zu schauen, ob es nicht jemanden gibt, mit dem zusammen man sich leichter selbstständig machen und die Aufgaben teilen könne, empfiehlt Franziska Kuntze daher anderen Frauen, die gründen möchten. Der nächste Schritt sei, Stein auf Stein zu bauen, ganz langsam. Und schließlich müsse man mit der Familie ein offenes Gespräch führen, ob diese auch dahinter stehe, so ihre Tipps.

Zu Franziska Kuntzes Aufgabenbereich gehören auch die ökologischen Aspekte des Unternehmens: Verwendet werden ausschließlich pflanzlich statt chromgegerbtes Nappaleder und Lammfell, das höchsten Öko-Standards genügen muss. Dabei legt man Wert auf Nachhaltigkeit: Kurze Transportwege gehören dazu, daher wurde zunächst nur in Bayern produziert, in der Nähe von Herzogenaurach, wo eine ehemalige Fertigungshalle des Sportartikelherstellers Puma bezogen wurde. Dort ist auch Franziska Kuntze regelmäßig. Erst vor kurzem war eine Delegation grüner Politiker zu Besuch, die sie dort persönlich in Empfang genommen hat „Für solche Termine fahre ich schon mal von Berlin nach Bayern“, sagt die Unternehmerin.

Das Geschäft wächst

Die Geschäfte laufen gut. In den vergangenen Monaten habe man massiv zugelegt, da der internationale Markt gewachsen sei. Zu den weichen Krabbelpuschen seien nun auch Kinderschuhe mit fester Laufsohle hinzugekommen. Diese lasse man in Spanien produzieren, allerdings mit dem gleichen zertifizierten Leder. In Deutschland gäbe es dafür kaum entsprechende Zulieferer, Maschinen und Wartungsservice, erklärt Franziska Kuntze.

naeherin pololoMittlerweile beschäftigt Pololo rund 20 Mitarbeiter, die sich um die Lederpuschen kümmern: Da gilt es Marken abzuklären, Leder zu beschaffen, mit Kunden oder Lieferanten zu verhandeln und das Produkt schließlich am Markt zu platzieren. Dabei lege man Wert auf eine familiäre Atmosphäre, so Franziska Kuntze.

Ihre Kinder bindet die zweifache Mutter mit ein. „Ja, sicher“, sagt sie. „Die Kinder dürfen mitbestimmen. Sie dürfen die Schuhe Probe tragen und meine Tochter ist ziemlich akribisch dabei.“ Vor kurzem sei Henriette erstmals auf eine Messe mitgegangen und habe es toll gefunden. Die Kinder ihrer Geschäftspartnerin Verena Cartney seien unterdessen schon ein wenig älter und würden in den Ferien öfter mal aushelfen. „Auch die Partner unterstützen uns. Sie hätten keine Freude mit uns, wenn wir zuhause wären, da wir schon immer gearbeitet haben“, sagt Franziska Kuntze.

"Zur Erziehung gehört ein kleines afrikanisches Dorf"

Entsprechend verfügt die Unternehmerin über ein gutes Betreuungsnetz. „Mein Mann und ich sind selten gleichzeitig unterwegs. Falls das jedoch mal vorkommen sollte, haben wir Eltern und Schwiegereltern“, so Franziska Kuntze. Die Kinder seien schon früh in die Betreuung gekommen und von den Großeltern oder ihrem Ehemann von der Kita abgeholt worden. „Ich sage immer, dass ein kleines afrikanisches Dorf zur Erziehung gehört“, so die Unternehmerin.

Mama steht allerdings nicht immer zur Verfügung: „Wenn die Messen bereits gebucht sind, ist es schwer, abzusagen.“ Dabei verweist sie auf die Unterschiede bei der Vermarktung eines Produkts. „Der Betrieb läuft, auch wenn ich mal nicht da bin. Ob Sie nun ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen – das sind zwei Paar Schuhe“, so Franziska Kuntze. „Die Dienstleistung steht und fällt mit der entsprechenden Person, wie es bei vielen Freiberuflern der Fall ist.“ Sie selbst könne sich in der Firma allerdings gut vertreten lassen, da es um das Produkt gehe.

Zuhause gehört Franziska Kuntze allerdings ganz ihren Kindern. Falls doch noch mal eine kurze Aufgabe dazwischen komme, mache sie klare Ansagen und erkläre ihren Kindern, dass sie noch eine Stunde brauche. „Dann muss man aber auch voll da sein, das bin ich dann auch.“ Schrittweise hätten es die Kinder verstanden. „In so einem Fall darf man keine Versprechen geben, die man nicht halten kann“, sagt Franziska Kuntze aus Erfahrung. Schnell zu beantwortende E-Mails oder Anfragen bearbeite sie allerdings schon mal zwischendurch mit dem iPhone.

"Es sind immer zwei Elternteile"

Wie sieht der typische Tagesablauf der Gründerin eigentlich aus? Die Kinder stehen gegen sieben Uhr auf. Der Sohn geht gegen acht Uhr, die Tochter gegen halb neun in die Schule – manchmal auch alleine. Franziska Kuntze fährt danach in der Regel ins Büro, wo sie bis drei oder vier Uhr arbeitet. „Die Kinder kommen auch erst gegen halb drei von der Schule“, sagt Franziska Kuntze. Nach den Hausaufgaben sei sie ganz für ihre Kinder da. Früher, im Kindergarten, sei es noch einfacher gewesen: Da habe man Kinder abgeholt, die bereits gegessen und geschlafen hätten. Jetzt gäbe es zwar die Schulkantine, die allerdings nicht so gut sei.

Gegen den häufig erwähnten „Spagat“ zwischen Job und Familie widerspricht Franziska Kuntze. „Nicht nur Mütter sind es – auch mein Mann ist sehr aktiv! Er macht viel mit den Kindern und kocht auch, dennoch bekommt er kein positives Feedback wie eine Frau.“ In Deutschland müsse sich die Einstellung zur Familie ändern. „Es sind immer zwei Elternteile! In Dänemark ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Vorstand seine Kinder um 16 Uhr aus dem Kindergarten abholt“, sagt Franziska Kuntze. Sie selbst arbeite im Unternehmen fast nur mit Müttern zusammen, da diese ganz anders an eine Aufgabe herangehen würden. „Du bist als Frau supereffektiv, wenn Du weißt, dass Dein Sohn um drei vor der Kita steht und abgeholt werden will“, sagt sie.

Überhaupt sei es enorm wichtig, dass man mit Spaß und Freude an eine Aufgabe herangehe. Dann schaffe man eine Menge. „Wer denkt, dass er beiden Aufgaben nicht gerecht wird ... das wird dann auch nichts“, sagt Franziska Kuntze im Hinblick auf das Zusammenspiel von Beruf und Familie. Vielmehr müsse man sich über die Dinge freuen, die man bereits geschafft hat und dann nach Hause gehen – statt darüber nachzudenken, was man nicht geschafft hat und besser machen könnte.

Einmal selbstständig, immer selbstständig

Derzeit steht eine neue Messe auf der Agenda, zudem ist die Geschäftsführerin in die Vorbereitungen für eine neue Kollektion involviert. Entsprechend wird auch mal am Abend oder am Wochenende gearbeitet. Früher sei sie auch nachts noch aktiv gewesen. „Ich sage immer, dass man als Selbstständige immer selbst und ständig ist“, sagt Franziska Kuntze lachend. Dann gäbe es allerdings wieder ruhigere Phasen, in denen sie versuche, sich die Wochenenden frei zu halten. „Man muss es eben mögen und darf kein schlechtes Gefühl dabei haben“, sagt sie. Dann empfinde man die Arbeit außerhalb der sonst üblichen Zeiten auch nicht als belastend. „Vor allem macht man es ja für sich!“, fügt sie hinzu.

Ob sich die Unternehmerin vorstellen könne, in ihrem früheren Job zu arbeiten? „Nein“, sagt Franziska Kuntze ganz entschieden. „Die Leute sagen zwar immer, dass ich Arme viel arbeiten müsse, allerdings bin ich da in meinem Element und mache es alleine, für mich.“ Das sei etwas ganz anderes, ob man in einem Büro etwas „aufgedrückt“ bekomme und die Antwort für jemanden anderen formulieren müsse – oder es für sich selbst tue. „Es ist eben das eigene Geschäft!“, sagt Franziska Kuntze voller Begeisterung.

 

meine mama mein chefWie schaffen es selbstständig arbeitende Mütter eigentlich, Familie, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen - ohne sich selbst dabei aufzugeben? Diese Frage ließ Veronika Wengert nicht mehr los. Die freiberufliche Journalistin, die selbst zwei kleine Kinder hat, machte sich auf den Weg, um andere Frauen zu befragen, die Mutter und Unternehmerin zugleich sind. Das Ergebnis bündelte sie im nun erschienenen E-Book „Meine Mama, die Chefin. Zehn Porträts selbstständiger Mütter“. Im Mittelpunkt stehen dabei „Frauen von nebenan“, die morgens Butterbrote für ihre Schulkinder schmieren, mittags vom Schreibtisch in den Hort eilen und abends Berge an Wäsche bügeln - ehe sie erschöpft auf der Couch einschlafen. Die Zeit dazwischen nutzen alle zehn vorgestellten Mütter allerdings, um ihren beruflichen Traum zu leben: Sie arbeiten selbstständig, ohne Chef und Schichtdienst, der ohnehin mit den tatsächlichen Schließzeiten von Kindergärten kollidiert. Die Geschäftskonzepte der Unternehmerinnen sind vielfältig: Eine Mutter produziert mit rund 20 Mitarbeitern Öko-Krabbelschuhe für Kleinkinder. Eine andere organisiert am Wochenende, neben ihrer Festanstellung, Kindergeburtstage. Eine Mutter bietet kreative Schwangerschaftsbegleitung an, eine andere hat Nordic Walking-Kurse mit Baby in ihrem Portfolio. Für eine freiberufliche Projektredakteurin mit Kindern beginnt der Arbeitstag schon morgens um halb fünf, eine andere Gründerin, die sich auf Wohnkosmetik, Hochzeitsreden, Malerei, Kolumnen und das Bücherschreiben spezialisiert hat, sitzt unterdessen auch nachts um halb zwei noch am Schreibtisch. Das E-Book ist kein klassischer Ratgeber, der belehren oder konkrete Lösungswege aufzeigen möchte. Die Porträts dieser starken Frauen sollen vielmehr für sich sprechen und Mut machen, aber auch neue Impulse für berufliche Veränderungen geben. Das Vorwort zum E-Book stammt von Cornelia Spachtholz, Vorstandsvorsitzende des Verbandes für berufstätige Mütter VBM e.V.

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