Utha und Familie

Zehn Jahren hat Utha Buchholz ihre Arbeit um die Kinder herum gebaut. Jetzt müssen sich die Kinder einfügen. Schaden tut ihnen das nicht – im Gegenteil.

Seit Utha Buchholz ihr Atelier im Kultur- und Kreativwirtschaftszentrum in Heidelberg bezogen hat, hat sich einiges in ihrer Familie geändert. Seither haben die Kinder eine enorme Selbstständigkeit entwickelt und überraschen selbst ihre Mutter immer wieder mit liebevollen Ideen.

Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, ist für Utha Buchholz Hochsaison. Sie ist fast jeden Tag – auch Samstag und Sonntag – von morgens um acht bis abends um acht in ihrem Atelier, filzt und näht anspruchsvolle Modeaccessoires, die sie auf den Weihnachtsmärkten in der Umgebung und an Kunden direkt verkauft. Die Kinder kommen sie oft besuchen. Das Atelier liegt genau in der Mitte zwischen der Walldorfschule in Heidelberg-Wieblingen und ihrem Wohnort Dossenheim im Norden von Heidelberg. Die günstige Lage war ein Grund für Utha Buchholz, das Atelier zu mieten. Die Kinder können mit dem Bus von der Schule direkt zum Atelier fahren und von dort aus mit der Straßenbahn nach Hause. Um die Mittagszeit ist vor allem die Jüngere, Nora, jeden Tag da. Bis zwölf oder ein Uhr hat sie Schule. Zum Mittagessen kommt sie zu Utha und danach geht sie zu einer Freundin oder nach Hause, wo gegen 17 Uhr ihr Papa von der Arbeit nach Hause kommt. Die Große, Annik, geht schon mal öfters von der Schule direkt nach Hause und versorgt sich selbst. „Das sind dann die Fertigpizza-Tage“, schmunzelt Utha Buchholz. „Ernährungstechnisch nicht optimal, aber das gleichen wir an den anderen Tagen aus.“

Für eine private Kinderbetreuung reichte das Geld nicht

Wie ihr Mann, so ist auch Utha Buchholz gelernte Schreinerin. Als Jugendliche gingen sie auf dieselbe Schule. Richtig kennengelernt haben sie sich jedoch während der Ausbildung, die sie im selben Betrieb in der Bodensee-Region absolviert haben. David, der ein Jahr älter ist, war vor Utha mit der Ausbildung fertig. Damals sind die beiden ein Paar geworden, aber für David war schon klar, dass er nach Heidelberg umsiedeln wollte. Ein neuer, interessanter Job zog ihn dorthin, und schließlich kam Utha nach Beendigung ihrer Ausbildung nach. Bis zur Geburt der ältesten Tochter arbeiteten sie beide im selben Beruf, Utha vor allem als Restauratorin. Zudem hatte sie sich in eine Ateliergemeinschaft eingemietet, um zu malen und plastisch zu arbeiten. Eigentlich wollte sie noch Produktdesign studieren, aber als sie mit der ältesten Tochter schwanger wurde, gab sie dieses Ziel auf. Sie blieb erst einmal zu Hause. „Vielleicht würde ich das heute anders machen. Aber damals war das das einzige Modell, das ich mir vorstellen konnte“, erzählt sie. Da sie keine Angehörigen in Heidelberg haben und auch das Schreinereinkommen kein Budget für eine Kinderfrau oder ein Au pair übrig lässt, musste sie immer da sein, wenn die Kinder krank waren. Überlegt hatten sich die beiden auch, jeweils halbtags zu arbeiten, und sich das Geldverdienen und die Kindererziehung zu teilen. Aber da hätte die Kinderbetreuung mehr gekostet als Utha verdient hätte. Außerdem sind Halbtagsstellen im Schreinergewerbe kaum zu finden. „Ich habe dann ein paar Jahre lang gejobbt und meine künstlerische Arbeit weiterverfolgt. Dabei war mir immer wichtig, dass ich das Atelier und die Materialien alleine finanziere.“ So lief das auch, als drei Jahre später Nora geboren wurde. Die Kinder nahm sie damals schon mit ins Atelier. Oft auch die Kinder ihrer Freunde. „Es sprangen immer Kinder um mich herum“, erinnert sich Utha Buchholz.

Kreativer Job

Das Filzen begeisterte sie, weil es viel mit farblicher Gestaltung zu tun hat, ins dreidimensionale geht und sie damit Produkte herstellen kann, die eine Funktion erfüllen. Außerdem unterrichtet sie, hauptsächlich Erwachsene, die für sich selbst Gebrauchsgegenstände und Modeaccessoires herstellen wollen. Aber immer mehr auch Pflegekräfte und Freizeitpädagogen, die bei ihr das Filzen lernen, um die Technik bei ihrer Arbeit mit älteren Menschen, Behinderten oder Demenzkranken einzusetzen. Hat sie ihre Arbeit früher mehr danach ausgerichtet, sich künstlerisch weiterzuentwickeln, die Kosten selbst zu finanzieren und für die Kinder da zu sein, muss sie sich nun mehr und mehr professionalisieren. Damit die Sache sich trägt und schließlich auch ein Einkommen abwirft. Nach einer harten Anfangsphase kann sie nun langsam die Früchte ihrer Investitionen ernten. Immer mehr Leute, die über ihren Facebook-Account oder über Mund-zu-Mund-Propaganda auf sie aufmerksam geworden sind, wollen Kurse bei ihr besuchen oder bestellen Filzarbeiten.

Kreative Familienorganisation

Für die Familienorganisation bedeutet dies, dass die Buchholzens sich ebenfalls „professionalisieren“ müssen. Auch hier sind Utha und ihr Mann kreativ und einfallsreich. Zum Beispiel gibt es bei ihnen seit einiger Zeit das „rumble dumble“. Auf einer runden Scheibe sind vier Kreissegmente mit den vier Namen. Jedes Familienmitglied hat ein Segment und eine Farbe für sich. Dazu gibt es Wäscheklammern auf denen die Aufgaben stehen, die im Haushalt zu verrichten sind: „Wäsche waschen“ zum Beispiel, „Bad putzen“ oder „Spülmaschine ausräumen“. Wer seine Aufgabe gemacht hat, der schiebt die Wäscheklammer einfach zum nächsten weiter. „Das funktioniert nicht immer. Derzeit staut sich alles bei Nora. Sie muss das jetzt alles abarbeiten“, gesteht Utha Buchholz. „Völlig interessant ist jedoch, dass es keine Frage mehr ist, wer was machen muss. Man sieht es ja.“ Außerdem fallen die leidlichen Diskussionen weg, dass die Kinder überhaupt mithelfen müssen und warum wer welche Aufgabe gerade jetzt zu erledigen hat. „Ich habe das in einer Berliner WG gesehen und dachte, das ist auch etwas für uns. Wir sind ja auch eine WG.“

 

Utha Buchholz, Künstlerin (40 Jahre) verheiratet mit David, Schreiner (41 Jahre) Mutter von Annik (13 Jahre) und Nora (11 Jahre)