Petra Knoll

„Ich würde es immer wieder so machen!“, sagtPetra Knoll (46), Ausbilderin und Mutter. Zwei Jahre lang war sie nicht nur berufstätige Mutter, sondern auch noch pflegende Tocher.

Morgens den Jüngsten für die Schule und den Ältesten für die Ausbildung auf den Weg bringen, arbeiten gehen, ab 14:00 bis 18:00 Uhr die Mutter pflegen und danach Kinder, Ehemann und eigener Haushalt. Das war von August bis Dezember 2011 Petra Knolls Alltag. Um ihre Mutter pflegen zu können, war die Ausbilderin sogar näher zu ihren Eltern gezogen. Eine Entscheidung, die sie keinen Tag bereut hat. „Meine Eltern sind immer für mich da gewesen. Für meine Mutter war es immer selbstverständlich, dass sie mich unterstützte. Für mich war es daher auch selbstverständlich, dass ich sie unterstützen und in diesem Fall pflegen würde,“ erzählt Petra.

„Meine Mutter hat sich, als ich allein erziehende Mutter war, jederzeit um meine Jungs gekümmert. Samstags, wenn ich nach Mannheim musste, um meine Zusatzausbildung zu machen, aber auch während der Woche, wenn einer der Jungs krank wurde und ich aber arbeiten musste.“ Und das, obwohl auch Petras Mutter berufstätig war. Gemeinsam mit ihrem Mann betrieb sie eine Gärtnerei. „Sie hat sich, im wahrsten Sinne des Wortes, immer von ihrer Arbeit freigeschaufelt, um mich zu unterstützen,“ so die Tochter.

2006 wurde dann plötzlich alles anders. Bei Petras Mutter wurde Altersleukämie festgestellt. Ab dem ersten Tag ist die damals noch allein erziehende Tochter jeden Tag bei der Mutter. Aber obwohl sie nur fünf Kilometer vom Elternhaus entfernt wohnt, wird es ihr bald zu viel und sie beschließt, ein Haus in der Nähe zu suchen. „Ich wußte nicht, wie lange ich meine Mutter würde pflegen müssen. In ihrer Nähe zu wohnen, hat alles sehr viel einfacher gemacht. Für mich, aber auch für meine Kinder. Ich habe abends vorgekocht und die gesamte Familie hat sich dann mittags im Haus meiner Eltern zum Essen getroffen. Kristoffer hat nach dem Essen bei den Großeltern seine Hausaufgaben gemacht und ich konnte mich währenddessen um meine Mutter kümmern,“ erzählt die zweifache Mutter.

Da die Mutter in den letzten Monaten rund um die Uhr gepflegt werden musste, hatten Petra und ihr Vater einen streng durchgetackteten Pflegestundenplan ausgearbeitet, ohne den alle Beteiligten diese schwere Zeit nicht durchgehalten hätten. Morgens kamen der Pflegedienst und Freundinnen, mittags übernahm Petra und abends und nachts der Vater.

„Wir haben in den Monaten der intensiven Pflege sehr darauf geachtet, dass zwar immer jemand bei meiner Mutter war, aber auch, dass wir, die Pflegenden, immer Auszeiten hatten. Sonst hätten wir das nicht so gut durchgehalten,“ erzählt Petra, die aber auch zugibt, dass weder sie noch die anderen Pflegenden diesen Zustand dauerhaft hätten aufrecht erhalten können. „Hätte meine Mutter länger gepflegt werden müssen, hätten wir uns Hilfe geholt.“ Aber auch in Petras eigenem Haushalt wäre nicht alles so glatt gelaufen, hätte nicht die ganze Familie mit angepackt. „Das Hotel Mama gibt es bei uns nicht. Auch jetzt, nach dem Tod meiner Mutter nicht,“ erklärt Petra mit einem Lächeln auf den Lippen. „Bei uns müssen alle mit anpacken. Es ist alles ein Geben und Nehmen und wenn meine Jungs etwas nehmen wollen, müssen sie auch etwas geben. Zum Beispiel im Haushalt mit anpacken.“

„Pflege ist aber nicht nur zeitaufwendig, auch die mentale Belastung darf nicht unterschätzt werden,“ so Petra. Dass sie sich trotz Kinder, Beruf und eigenem Haushalt so intensiv um die eigene Mutter kümmern konnte, lag auch an ihrem sehr verständnisvollen Ehemann und ihrer ebensolchen Kollegin. „Mein Mann hat selbst seine Oma gepflegt und weiß daher, was es bedeutet, zu pflegen. Er hat mir immer auch mental den Rücken gestärkt. Nie habe ich von ihm einen Vorwurf gehört. Selbst wenn mal wieder mitten in der Nacht das Telefon läutete und ich meiner Mutter überstürzt in Krankenhaus gefolgt bin, weil mein Vater das nicht konnte. Thomas war immer derjenige, der gesagt hat ,Geh nur!‘ Und wenn ich dann morgens nach einer durchwachten Nacht am Krankenbett in die Arbeit kam, war meine Kollegin für mich da.“ Nicht zu arbeiten wäre der Ausbilderin nie in den Sinn gekommen. „Meine Eltern wollten nie, dass ich meinen Beruf aufgebe, um sie zu pflegen und auch ich wollte das nicht. Ich liebe meine Arbeit und während der Pflege brauchte ich den Ausgleich.“

Rückblickend stellt Petra für sich fest, dass nicht die Zeit der intensiven Pflege, sondern die Zeit davor die anstrengendere war. „Die letzten Monate waren planbar. Ich wußte: ab 14:00 Uhr bin ich vier bis fünf Stunden bei meiner Mutter. In den Monaten davon, die Zeit der Chemotherapie, war die Ungewissheit unser ständiger Begleiter. Nie wussten wir, was als nächstes passieren würde. Wir waren in ständiger Alarmbereitschaft. Mal ins Kino gehen war undenkbar, weil dann hätten wir das Handy ausschalten müssen.“ Auch während dieser Zeit war es sehr hilfreich, ein verständnisvolles Umfeld zu haben.

Auch heute, elf Monate nach dem Tod der Mutter, sind Petra und ihre Söhne noch jeden Tag im Haus der Großeltern. Noch immer kocht Petra jeden Abend vor - der Opa lernt es gerade - und noch immer kommen Kristoffer und Lars nach der Schule beziehungsweise Arbeit zu Opa. Petra arbeitet mittlerweile in Festanstellung bei Ihrem Arbeitgeber, aber ist sich ganz sicher: „Ich würde es immer wieder so machen. Ich möchte diese intensive Zeit mit meiner Mutter nicht missen.“