Elternisch

Eltern sprechen mit ihren Kindern eine ganz eigenen Sprache. Angela Römelt hat einen Sprachführer geschrieben. Ein Muss für Eltern. Hier ein Auszug.

Wenn die Kinder das sogenannte Teenageralter erreicht haben, beginnt eine neue Phase für Elternisch-Sprecher. Hier muss kurz eine Definition eingeschoben werden. Genaugenommen bezeichnet »Teenager« einen Menschen, dessen Alter auf Englisch mit einer Zahl angegeben wird, die auf -teen endet, beginnt also mit 13 (thirteen) und endet mit 19 (nineteen). In der Praxis kann aber schon eine Elfjährige ein Teenager sein, während es ein 25-jähriger immer noch ist. Teenager ist weniger eine Altersangabe als ein Bewusstseinszustand. Früher waren praxisnähere Bezeichnungen üblich wie »Halbwüchsiger« – halb erwachsen, sozusagen – oder »Backfisch«, womit hauptsächlich Mädchen bezeichnet wurden, und der Begriff ist selbstverständlich sexistisch und abzulehnen, ohne dass näher erforscht werden müsste warum. Analogien zwischen Menschen und Nahrungsmitteln sind im Neu-Elternisch nur noch über das Adjektiv »süß« zugelassen.

Während das Alt-Elternisch diese Lebensphase hauptsächlich so beschrieb, dass die Nicht-mehr-so-ganz-Kinder eben auch noch-nicht-ganz-erwachsen waren und man ihnen deshalb am besten Hausarrest verpasste, bis sie sich entschieden hatten, was sie sein wollten, nahmen sich die Pioniere des Neu-Elternisch um 1968 vor, jeden Lebensabschnitt als dem Erwachsensein überlegen anzusehen. Auf die reine und unschuldige Weisheit des Kindes folgte bruchlos die präzise und inspirierte Gesellschaftskritik des Jugendlichen (bzw. die entstehenden Brüche wurden als Offenheit und Ehrlichkeit getarnt).

Elternisch mit dem Teenager

Eltern und Kinder begegnen sich im Neu-Elternisch nahezu auf einer sprachlichen Ebene, höchstens noch dadurch unterschieden, dass die Anrede »Alter« – auch in der Form »Ey, Alter« vorkommend – deutlich seltener von Eltern für Kinder verwendet wird als umgekehrt. Dabei spielt das tatsächliche Alter der Gesprächsteilnehmer kaum eine Rolle. In fast allen Fällen sind die Eltern deutlich älter als die Kinder (als Ausnahme wäre eine Heirat des Vaters mit einer Kindergartenfreundin seiner Tochter vorstellbar, die dann zwar die Mutterrolle innehätte, aber nicht so aussähe), sodass aus biologischer Perspektive nichts gegen die Anrede einzuwenden ist.

Trotzdem zucken Mütter und Väter, die jahrelang zärtlich mit »Mama« und »Papa« oder »Mom« und »Daddy« angeredet worden sind, doch meist etwas zusammen, wenn ihnen zum ersten Mal bewusst wird, wie alt sie im Vergleich zu ihren heranwachsenden Söhnen und Töchtern tatsächlich sind. Häufig folgen einige Monate hektischer Verdrängung wie bei jeder Trauerarbeit. Väter wollen auf einmal mit ihren Söhnen einen trinken gehen, Mütter melden sich in der Tanzschule der Töchter an. Beide Geschlechter legen sich einen Facebook-Account zu und sind beleidigt, wenn die Kinder ihre Freundschaftsanfragen nicht bestätigen. Die Welten driften auseinander.

Plötzlich rechnet man als Mutter oder Vater nach und stellt fest, dass die Kinder pro Tag sehr viel mehr Zeit mit anderen Menschen verbringen als mit den eigenen Eltern.

Man hat das so gewollt, oder? Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und in die Ganztagsschule rein. Mama kann endlich wieder arbeiten gehen (was hat sie eigentlich all die Jahre zu Hause gemacht?), und Papa hat endlich seine Ruhe, wenn er abends müde von der Arbeit nach Hause kommt (Mama ist auch müde, aber die Spülmaschine darf sie trotzdem ausräumen). Die Kinder? Die sind tanzen oder reiten oder im Kino oder übernachten bei Freunden. Mit wem soll man eigentlich noch Elternisch reden?

Viele Ehepaare fangen an, miteinander Elternisch zu reden. Im Alt-Elternisch war es noch üblich, dass sich Ehepaare nach etlichen Jahren der Elternschaft gegenseitig mit »Mutter« und »Vater« ansprachen. Es soll Fälle gegeben haben, in denen Ehemänner mehrere Minuten grübelnd dastanden, wenn sie nach dem Vornamen ihrer Ehefrau gefragt wurden. Mutti, oder?

Neu-Elternisch sprechende Paare behalten die Vornamen ihrer Partner meist leichter im Gedächtnis, solange es nicht zu viele verschiedene sind. Partner, nicht Vornamen. Elternpaare, die jahrelang fast nur Elternisch gesprochen haben und nur schwer aus dieser Gewohnheit wieder herausfinden, kann man bei Gesprächen wie dem folgenden beobachten.

Vater: Hast du meinen Autoschlüssel gesehen?

Mutter: Der ist immer da, wo du ihn hingelegt hast. Wenn du ihn immer an denselben Platz tust, musst du ihn nicht suchen.

Die adäquate Antwort wäre gewesen: Nein. Der Ehemann und Vater der Kinder muss selber alt und klug genug sein zu wissen, dass im Flur ein Schlüsselbrett hängt, dessen Verwendung das Wiederfinden von Schlüsseln ungeheuer erleichtert, aber der jahrelange Gebrauch des Elternisch ist Mutter in Fleisch und Blut übergegangen. Keine Antwort ohne pädagogischen Input.

Oder:

Mutter: Wie wäre es, wenn wir heute Abend mal zusammen ins Kino gingen?

Vater: Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Ist die Wäsche gewaschen? Kein Kino!

Die verbleibenden Gespräche mit den Kindern widmen sich nun verstärkt präzise abgrenzbaren Themenbereichen.

Themenbereich 1: Heimkehrzeit

Das Thema, wann das Kind ins Bett geht, wird im Laufe der Jahre nahtlos in das Thema übergehen, wann es zu Hause sein soll. Der Übergang geschieht in der Praxis häufig so fließend, dass er von den Eltern kaum wahrgenommen wird. Ehe ein halbes Jahr vergangen ist, wird das Kind, das eben noch vor der Tagesschau im Bett lag, um zehn bei der Freundin abgeholt. Und liegt dann noch lange nicht im Bett.

Je nachdem, wo die Familie wohnt, sind die Eltern mehr oder weniger in die Heimkehrzeiten involviert. In Großstädten lernen sie den Busfahrplan auswendig. Außerhalb der Großstädte legen sie sich das Telefon neben das Bett und fahren um halb eins aus dem ersten Schlummer hoch, wenn der Sohn anruft und fragt: »Kannst du mich und Konstantin und Andreas und Tim-Yannick und Sven und Göran in Raunheim am Bahnhof abholen? Ach, ja, und kannst du die anderen auch nach Hause fahren?«

Es soll angeblich Väter geben, die darauf antworten: »Nehmt euch ein Taxi. Ich zieh dir das Geld vom Taschengeld ab.« Aber solche Väter haben es nicht verdient, in diesem Buch vorzukommen.

Väter, die sich jahrelang um intensive Kommunikation mit ihren Kindern bemüht haben und fließend Elternisch sprechen, stehen auf, ziehen sich irgendeine herumliegende Hose an und fahren nach Raunheim.

Mütter holen die Töchter um Mitternacht am Jugendzentrum ab. Sie unterscheiden sich von Vätern darin, dass sie vorher nicht eine Minute geschlafen haben. Mütter von Teenagern reagieren mit einer Art hämischem Neid, wenn Mütter von Kleinkinder klagen, dass sie nachts nicht schlafen können. Weil er Zähne kriegt, weil sie Fieber hat, weil die Zwillinge so aufgeregt sind wegen der Theateraufführung morgen …

»Wartet, bis sie 18 sind, dann könnt ihr nicht schlafen, weil sie noch nicht zu Hause sind.«

Natürlich kann man versuchen, dem Thema Heimkehrzeit in Gesprächen und Regelungen zuvorzukommen. Auf Neu-Elternisch hört sich das so an:

Tochter: Ich will morgen nach der Tanzstunde noch zur Latino-Nacht bleiben. Geht das?

Vater: Wie lange geht diese Latino-Nacht denn? Tochter: Nicht lange, vielleicht so bis zwei. Oder halb drei.

Vater: Das ist aber ziemlich spät. Hast du morgen keine Schule?

Tochter: Erst zur zweiten Stunde.

Vater: Wer geht denn sonst so zur Latino-Nacht?

Tochter: Die übliche Clique halt. Sylvie und Adrienne, und vielleicht kommt Sophia auch mit.

Vater: Und die Jungens?

Tochter: Ach, das sind die, die auch sonst meistens in der Tanzschule rumhängen. Die kenne ich alle.

Vater: Wie wolltest du denn nach Hause kommen?

Tochter: Mit dem Bus.

Vater: Kommt nicht infrage, dass du nachts um drei am Hauptbahnhof rumstehst.

Tochter: Oh, danke! Du holst mich also um drei am Bahnhof ab, ja? Bis später, Paps. Hab dich lieb.

In diesem Fall lenkt die Tochter das Gespräch geschickt von der Tatsache, dass sie bis spät in die Nacht hinein wegbleiben will, auf die Frage, wer sonst noch bis spät in die Nacht hinein wegbleiben will. Die Frage, ob sie das darf, geht in der Frage, mit wem sie es tut und wie sie nach Hause kommt, unter.

Auf Alt-Elternisch wäre das Gespräch wahrscheinlich sehr viel kürzer gewesen.

Tochter: Darf ich heute Abend zum Tanztee gehen, Papá?

Vater: Wie lange dauert der?

Tochter: Bis zehn.

Vater: Nein.

Dafür braucht man nicht einmal Elternisch.

Irgendwann in den 1970er-Jahren ist der Gedanke entstanden und hat sich wie Feuchtigkeit in die Mauern der Pädagogik geschlichen, dass auch Eltern Gründe haben müssen, wenn sie etwas verbieten wollen. Es genügt nicht mehr, Vater zu sein, man muss Argumente vorbringen können, warum eine Heimkehrzeit einer anderen vorzuziehen sei.

Man weiß ja, was Feuchtigkeit in einem Mauerwerk anrichten kann. Die elterliche Autorität bröckelte, bekam Risse und stürzte schließlich krachend in sich zusammen. Wenn Eltern heute versuchen, diese oder eine ähnliche Situation unter Rückgriff auf Alt-Elternisch zu lösen, finden sie sich schnell als Teil einer verschwindend geringen Minderheit vor.

Tochter: Aber ALLE dürfen zur Latino-Nacht.

Man könnte argumentieren, dass es besser ist für die Töchter, um drei schlafend im Bett zu liegen, als Salsa zu tanzen, zumal wenn am nächsten Morgen Schule ist. Das wäre vernünftig, realistisch und vorausschauend, also ganz und gar nicht teenagergemäß. Eltern, die sich in ihrer Rolle als »Alter/Alte« wohlfühlen, müssten kein Problem damit haben, sich nicht teenagergemäß zu verhalten, aber wir hatten eingangs ja schon erwähnt, dass es solche Eltern kaum noch gibt. Teenager zu sein und sich wie ein Teenager zu verhalten, ist der gar nicht so geheime Ehrgeiz vieler Eltern. Sie ziehen sich an wie Teenager, reden wie Teenager, posten auf Facebook (während die Teenager auf Snapchat sind) und versuchen, die Fahrzeuge der Teenager zu verwenden (okay, das mit dem Skateboard war ’ne blöde Idee, aber ein Segway sieht auch ganz cool aus!). Sie verstehen sich als Freunde und Vertraute ihrer Kinder (auch wenn die sich hartnäckig weigern, die Freundschaftsanfrage auf Facebook zu beantworten) und sollen jetzt auf einmal, wenn es ums Nach-Hause-Kommen geht, in den autoritären Eltern-Modus umschalten? Das kriegen nicht viele hin, ohne aus der Kurve zu fliegen.

Die Leitplanken in der Kurve heißen Kompromisse.

Mutter: Dürfen deine Freundinnen wirklich bis drei Uhr bleiben?

Tochter: Na, Sylvie nicht, deren Vater ist voll streng … (Aha! Ein autoritärer Macho!) … und Sophia soll um eins zu Hause sein, das weiß ich. Aber danach wird es meistens erst richtig gut.

Mutter: Wie wäre es, wenn du beim ersten Mal auch nur bis eins bleibst? Wenn es klappt und du nicht zu müde bist am nächsten Tag, können wir beim nächsten Mal ja sagen, dass du bis halb zwei bleibst und so weiter. (Hoffentlich ist die nächste Latino-Nacht erst in einem halben Jahr.)

Übersetzung: Siehst du, wie kompromissbereit ich bin? Ich bestimme nicht einfach, ich FRAGE dich. Jetzt musst du dich aber auch wie eine kompromissbereite Erwachsene verhalten und »Na gut« sagen.

Tochter: Na gut. Aber wir fahren dann auch Sophia nach Hause, ja?

Mutter: Wo wohnt sie denn?

Tochter: In Bingen.

(20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Die Tochter fährt natürlich mit nach Bingen und verabschiedet Sophia. Um halb drei sind endlich alle im Bett. Kompromisse sind etwas Herrliches.)

Über die Autorin

ElternischAngela Römelt, geb. 1963, Diplom-Theologin, Buchautorin, Lehrerin und vierfache Mutter, steht selbst in dem Ruf, im Alter von drei Jahren mit dem Reden angefangen und seither nicht wieder aufgehört zu haben. Ihre umfangreichen Erfahrungen mit der Sprache »Elternisch« als Tochter, Mutter und Rednerin stellt sie in diesem Buch der Allgemeinheit zur Verfügung.

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