Down Syndrom

Warum 9 von 10 Paaren abtreiben und es für mich nicht in Frage gekommen ist. Ein Erfahrungsbericht von Katharina Pommer.

Als ich mit meiner ersten Tochter schwanger wurde, war ich gerade mal 18 Jahre alt. Ich hatte bis dahin weder etwas von Fehlgeburt, noch Missbildungen oder Komplikationen gehört. In meinem damaligen, womöglich auch naiven Verständnis, kam ein Baby gesund zur Welt. Selbst ein Kind mit Down Syndrom galt für mich als gesund, zumal unser vergnügtes und glückliches Nachbarskind Trisomie 21 hatte. Damals erlebte ich die vorgeschriebenen drei Ultraschalluntersuchungen entspannt und machte mir nie Gedanken über eine Behinderung – auch mein Arzt sprach mit mir nicht darüber. Doch diesmal kam alles anders.

Der Mythos der perfekten Schwangerschaft und Babys

Die Schwangerschaft erleben viele Frauen und auch Paare, als unbeschreiblich schöne und kraftvolle Zeit. Man sieht auf Buchtiteln und in Zeitschriften strahlende Frauen, die ihren wohl geformten Bauch vorfreudig berühren und vor Gesundheit und Wonne strotzen. Doch kaum jemand wagt es, während dieser kostbaren Zeit, über die Kehrseiten nachzudenken oder zu sprechen. Vor allem die Kehrseiten für Frauen ab 35 Jahren, die mit einem höheren Risiko (1:250) ein Down Syndrom Kind zu gebären, eingestuft und betreut werden.

Innerhalb meiner 5. Schwangerschaft wurde ich, dank Pränataldiagnostik, mit drei Hiobsbotschaften konfrontiert: Als ich beim ersten Ultraschall in der 9. Schwangerschaftswoche voller Vorfreude auf das kleine Wunder in meinem Bauch blickte, sagte der Arzt mit nüchterner Stimme: “Oje, da stimmt aber etwas nicht. Ich hatte heute schon drei Fehlgeburten, das scheint die vierte zu sein.” Keine vier Minuten später – die endlos erschienen – entschuldigte er sich bei mir und meinem Lebensgefährten. Erst auf Drängen, sich unser Kind bitte nochmal genauer anzusehen sagte er: “Alles in Ordnung soweit, aber garantieren kann ich für nichts.”

Ich bin 37 und eine sogenannte „Risikoschwangerschaft“

Wird man mit 37 Jahren schwanger, gehört man zur Gruppe der „Risikoschwangerschaft“ und Komplikationen werden quasi erwartet. Es dauerte keine drei Wochen, da wurden wir zur Nackenfaltenmessung eingeladen. Um festzustellen, ob eine Trisomie 21 vorliegt, wird diese spezielle Sonographie routinemäßig vorgeschlagen. Zur Durchführung muss man allerdings zustimmen. Wir wollten diesen Test machen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass wir unser Baby nicht unüberlegt in Gefahr bringen. Denn wir planten erneut eine Hausgeburt, wie bei meinen anderen Kindern auch. Es hieß von den Ärzten weiter: “Im Falle des Falles können sie innerhalb von 72 Stunden entscheiden, ob sie das Kind trotzdem bekommen oder abtreiben wollen.”

Eine Woche nach der Untersuchung erfuhr ich am Telefon von einer sehr unangenehmen und forschen Vorzimmerdame: „Ihr Kind ist aller Voraussicht nach schwer behindert, sie müssen morgen wieder zu uns kommen.“ Ich konnte es nicht fassen, mein Herz schlug deutlich schneller, ich berührte meinen Bauch, schloss die Augen und dachte an mein Baby, meine Intuition sagte mir, dass mit der telefonischen Auskunft irgendetwas nicht stimmte und nicht mit meinem Kind.

Die sehr kühle und wenig empathische Art und Weise, wie uns dies mitgeteilt wurde, empfand ich als unmenschlich. Wäre ich nicht seit 15 Jahren Familien- und Bindungstherapeutin, hätte ich vermutlich einen tief sitzenden Schock bekommen, der weder mir, noch meinem ungeborenen Kind gutgetan hätte. Wie geht es dann wohl anderen Frauen? Und dennoch spürte ich große Unruhe und Aufregung in mir, mit der Frage: “Was, wenn es doch mehr als Trisomie 21 ist?” Das Down Syndrom machte mir keine Angst.

Trisomie 21 –Panikmache statt Elternglück!

"Keiner wird sie mehr haben wollen“, las ich erst kürzlich sehr betroffen in einem Artikel.  Wenn man die Nachricht Trisomie 21 erhält, stehen die meisten Eltern so unter Schock, dass sie kaum noch dazu in der Lage sind, eine klare Entscheidung zu treffen, geschweige denn ihrer Intuition  zu vertrauen. Sie beschreiben das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wenn Menschen sich so fühlen, entscheiden sie oftmals aus Angst. Was zur Folge hat, dass viele Eltern sagen: “Wir trauen uns erst dann eine Bindung zum Kind aufzubauen, wenn wir sicher sein können, dass auch alles in Ordnung ist.” oder sie sagen “Freuen können wir uns erst, wenn es gesund auf der Welt ist, geschieht das nicht, müssen wir uns vorab von unserem Kind verabschieden.” Doch genau diese Einstellung hat, laut neuen Erkenntnissen aus der Bindungstheorie, mehr Einfluss auf das Ungeborene, als wir bisher vermuten haben. Fakt ist, dass Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, dies oftmals unter starkem Druck tun und auch deshalb, weil sie nicht ausreichend beraten oder unterstützt werden. Oftmals sind die Partner so überfordert, dass sie sagen: „Entscheide du!“ oder sich, aus Angst vor der Zukunft, für eine Abtreibung aussprechen und die Frauen dazu drängen. Diese stehen dann oftmals alleine da und sehen den Ausweg nur im Schwangerschaftsabbruch.

Als wir am Abend des Anrufes recherchierten und sich herausstellte, dass sich 9 von 10 Eltern in so einer Situation für einen Abbruch, selbst bei Down Syndrom, entscheiden, stockte uns der Atem. Ich weiß noch, wie wir uns in die Augen blickten, tief durchatmeten und gleichzeitig sagten: „Wir schaffen das. Gemeinsam.“

Was wir in unserer Situation werdenden Eltern raten

“Was könnte man tun, um den Eltern in einer ähnlichen Situation zu helfen?” fragten wir uns. Wir entschieden uns dazu, noch am selben Abend, öffentlich über unsere Situation innerhalb des Podcasts meines Partners zu sprechen. Als wir uns zu unserer Geschichte, unseren Gefühlen und auch der Entscheidung geäußert hatten, erhielten wir unsagbar viele Zuschriften von Familien, die in einer ähnlichen Situation waren und während dieses Gespräches entschied sich eine Familie sogar dazu, ihrem Kind mit Trisomie 21 das Leben zu schenken und gegen eine Abtreibung. Das berührte uns sehr und wir merkten, wie wenig darüber öffentlich gesprochen wird und wie sehr sich Eltern in so einer Situation allein gelassen fühlen, wenn es um diese schwerwiegende Entscheidung geht. Sie hatten, wie so viele, Angst vor der Verantwortung, aber vor allem, vor der Ungewissheit, was auf sie zukommen wird.

Man muss sich, vor allem, wenn man erfährt, dass das Kind eine Behinderung hat oder haben könnte, Zeit nehmen, um tief in sich hineinzuhorchen und den Raum haben, mit dem Baby Kontakt aufzunehmen und zu erfühlen, wie es weitergehen kann. Ich empfehle deshalb dringend, bereits bevor man eine Pränataldiagnostik in Anspruch nimmt, sich diese Zeit der Innenschau und Reflexion zu nehmen und auch ein Gespräch mit einer kompetenten Beratungsstelle zu suchen, um abschätzen zu können, wie man vorgehen würde. Viel zu viele Eltern entscheiden sich für Pränataldiagnostik und 3 D Ultraschall, um ein “schönes Bild” zu bekommen und rechnen meist gar nicht damit, dass eine Hiobsbotschaft folgen könnte. Ich hatte die Freude zahlreiche Eltern kennen zu lernen, die sich für ihr Kind, trotz Trisomie 21 entschieden haben und bin sehr berührt von diesen wunderbaren und lebensfrohen Kindern. Alle dieser Eltern sagen:

“Wir sind unendlich dankbar für unser Kind. Gerade weil es das Down Syndrom hat.”

Es gibt Ärzte, die davon ausgehen, dass es in Zukunft, aufgrund der neuen vereinfachten Möglichkeiten, Behinderungen vor der Geburt festzustellen, keine Kinder mit Down Syndrom mehr geben wird. Was für ein Verlust für die Welt und wo soll das hinführen? Eine Gesellschaft, die nur das Makellose zulässt?

Heute – 6 Monate später

Wir erfuhren, nach langer Wartezeit, dass unser Kind aller Voraussicht nach gesund zur Welt kommen wird. Es dauerte jedoch keine zwei Wochen, da lag ich wieder im Pränatalzentrum, mit der Vermutung, dass die Plazenta sich ablösen könnte. Auch dies stellte sich nach vielen Tagen des Wartens als Irrtum heraus. Wir entschieden uns deshalb, auf weitere Feindiagnostik zu verzichten und die Schwangerschaft zu genießen. Wie damals auch, vor 20 Jahren.

Aktuell krabbelt Anna bereits und ist kerngesund. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch. Was äre, wenn wir uns auf den Rat der Ärzte verlassen hätten? Wir waren uns einig, mit allen Konsequenzen, bei unserem „Ja“ unserem Kind gegenüber zu bleiben und zollen allen Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind unseren tiefsten Respekt und Anerkennung.

Bildnachweis: Ronja Schineis-Brönner

Katharina PommerÜber die Autorin

Katharina ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mutter von vier Kindern, bald fünf Kindern und erfolgreiche Unternehmerin, die Business und Familie vorbildlich kombiniert – was sie zu einer authentischen Expertin im Bereich Work-Life-Balance macht. www.katharina-pommer.de