Kommentar

Ein Kommentar von Sandra Flämig darüber, wie Frauen in der Wahlwerbung zum Objekt gemacht werden.

Ich sehe jeden Tag, wenn ich mich auf den Weg zur Kita mache, ein riesiges AfD-Wahlplakat, auf dem geschrieben steht: "Mehr Sicherheit für unsere Frauen und Töchter!“ Es fröstelt mich bei dem Gedanken, dass diese Partei uns Frauen dazu benutzt, um Ihre Parolen des Fremdenhasses und rechten Gedankenguts schönzumalen.

Zu sehen ist auf dem Wahlplakat ein weinendes Mädchen im Teenager-Alter. Darüber steht "Hamburg, Köln, Stuttgart". Im Hintergrund eine Menschenmenge. Unscharf. Auf den ersten Blick ist das in dem Slogan verkörperte Ziel ja durchaus ehrenwert.

  • Sicherheit: toll!
  • Für Frauen und Töchter: auch toll!

Vielleicht denkt der /die Leser/in: „Sicherheit wünsche ich mir für meine Tochter doch auch!“ und dann kommt vielleicht noch „So unrecht haben die ja gar nicht.“

So soll das Plakat wahrscheinlich auch verstanden werden. Doch was steckt in diesem Slogan verknüpft mit dem Bild vom weinenden deutschen Mädel drin?

"Unsere" Frauen und Töchter: Hier werden Frauen zum Objekt, zum Besitz gemacht. Wer von den Herrschaften bei der AfD maßt sich bitte an, von „unsere“ Frauen zu sprechen? Ich gehöre ganz bestimmt nicht den Herrschaften von der AfD! Gar nichts gehört Ihnen an Frauen und Töchtern; kapiert?

"Unsere" ist ein besitzanzeigendes Fürwort.

Doch was wird einem mit diesem Possessivpronomen noch untergejubelt? Sollen Frauen, die nicht zu "unsere" gehören, nicht in Sicherheit leben? Wer sind "unsere" Frauen und wieso nur Frauen und nicht alle Menschen? Bedeutet diese Aussage, dass die AfD Männern keine Sicherheit zugesteht? Soll „unsere“ bedeuten, dass damit nur Deutsche gemeint sind? Deutsche Frauen und Mädel? Mich fröstelt. Hier werden Frauen dazu benutzt, um Fremdenfeindlichkeit salonfähig zu machen, denn wer will schon etwas dagegen sagen, wenn man sich für Frauen Sicherheit wünscht?

Klar möchte ich nicht angegrapscht werden und ich wünsche mir für meine Kinder, dass ihnen kein Leid widerfährt. Sicherlich müssen wir alle Regeln einhalten, wenn wir in diesem wunderbaren Land zusammenleben wollen. Und es ist richtig, dass meine Freiheit nur so weit reichen kann, bis sie die Freiheit meines Nächsten berührt. Es ist sicherlich auch richtig, dass es noch nicht so ganz rund läuft in der deutschen/europäischen Flüchtlingspolitik. Und es ist richtig, dass wir alle, jeder/jede Einzelne etwas dafür tun können, dass ein Zusammenleben aller Kulturen in unserem Land möglich ist. Ich bin so froh, in Baden-Württemberg leben zu dürfen. Ich ging aus Sachsen weg, weil es dort vor 18 Jahren für mich keine Arbeit gab. Ich habe mir hier eine erfolgreiche und glückliche Existenz zusammen mit meinem Mann aufgebaut. Hier leben Menschen aus mehr als 100 verschiedenen Nationen friedlich miteinander. Es ist eine so große Bereicherung! Es gibt auch Probleme. Stimmt. Und das ist doch normal, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander stoßen. Ich finde, ich darf tolerant sein und ich darf Toleranz von meinem Gegenüber erwarten. Ich darf einfordern, dass die Regeln, die wir hier in Deutschland vereinbart haben, eingehalten werden. Und, machen wir uns nichts vor, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ja in Deutschland auch noch nicht auf allen Ebenen erreicht. Am 19. März ist zum Beispiel der diesjährige equal pay day. Das heißt, dass Frauen 21 % weniger verdienen (bei gleicher Qualifikation und Aufgaben), als Männer. Das heißt, verglichen mit einem Mann, arbeiten Frauen vom 1. Januar bis zum 19. März für umme.

Als ich vor 18 Jahren nach Baden-Württemberg zog, war das Wort „Kita“ fast noch ein Schimpfwort. So schmuddelig, denn Mutti ist doch zu Hause und geht ihrer gottgewollten Bestimmung nach. Als mein Sohn vor 12 Jahren geboren wurde, fand ich einen von sechs Krippenplätzen in meiner 100.000-Einwohner-Stadt und war ein weißer Rabe unter den Müttern. Eine echte Rabenmutter eben. Heute schießen Kitas wie Pilze aus dem Boden. Die Gleichberechtigung steht noch auf dünnem Eis und ich bin sehr dafür, diese weiter voran zu treiben und für alle Menschen, die hier in Deutschland leben und neu dazu kommen ein Klima zu schaffen, in dem diese Gleichberechtigung, Toleranz, Kritikfähigkeit, konstruktive Auseinandersetzung, Horizonterweiterung gedeihen können.

Mit Fremdenhass geht´s nicht.

Bildnachweis: fotolia - wellphoto

Vita
Da arbeitsrechtliche Probleme Arbeitnehmer meist auch emotional belasten, geht Fachanwältin für Arbeitsrecht Sandra Flämig berufliche Konflikte interdisziplinär an. Ziel in solchen Rechtsfällen ist es, Probleme auf rechtlicher und persönlicher Ebene zu lösen.
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