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Familienfreundliche Stadtverwaltung

In der Brüder-Grimm Stadt Hanau kein Märchen

Die Stadtverwaltung Hanau war 2002 die erste Kommune bundesweit, die sich durch das audit berufundfamilie auf ihre Familienfreundlichkeit hin überprüfen ließ. Das ist jetzt zehn Jahre her und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die knapp 1.600 Beschäftigten der Stadtverwaltung Hanau sowie deren Eigenbetriebe können auf eine Vielzahl von familienfreundlichen Maßnahmen zurückgreifen. Auf allen Ebenen werden flexible Arbeitszeiten sowie die Möglichkeit zur Teilzeit angeboten. Ein Come-Back Programm für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger wurde aufgelegt. Durch alternierende Telearbeit können Eltern auch von zu Hause aus arbeiten. Kindertagesstätten- und Ferienspielplätze sorgen dafür, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle Beteiligten optimal gegeben ist.

Gleichberechtigungsgesetz machte den Anfang

Die ersten Initiativen der Stadtverwaltung Hanau in Richtung Vereinbarkeit Beruf und Familie gehen auf das Inkrafttreten des Hessischen Gleichberechtigungsgesetzes (HGIG) aus dem Jahr 1993 zurück. „Die Verwaltungsbehörde sah sich - auch in ihrer Funktion als Vorbild für die Unternehmen der Region - dazu veranlasst, sich konkret mit dem Thema Frauenförderung auseinander zu setzen“, so die kommunale Frauenbeauftragte Imke Meyer.  Die Förderung der Chancengleichheit sei eng verbunden mit der Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als erste Kommune bundesweit führte die Stadtverwaltung Hanau bereits 1998 das „Come-Back“-Programm ein. Unter anderem ermöglicht es Müttern und Vätern während der Elternzeit stundenweise zu arbeiten, um so den Anschluss nicht zu verpassen. Positiv für die Stadtverwaltung: Das Know-How dieser Beschäftigten geht nicht verloren.

Der Durchbruch für die Vereinbarkeit und somit auch für die Chancengleichheit kam mit der Auditierung mit der der Oberbürgermeister die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Unternehmensziel erklärte. „Das Audit wird nur dann durchgeführt, wenn sich die Geschäftsführung dazu bekennt“, erklärt Imke Meyer. „Hinzu kommt, dass der Magistrat die Ziele beschließt und der Audit-Rat die Ergebnisse kontolliert.“ Es sei die klare Weisung durch Oberbürgermeister und Magistrat sowie der „Druck“ von außen gewesen, der in der Verwaltung viel bewirkt habe.

Der ökonomische Faktor

Ein weiterer Faktor, der wesentlich zur Einführung familienfreundlicher Maßnahmen beigetragen hat, ist der ökonomische. Eine Umfrage unter den Beschäftigten der Stadt Hanau hatte ergeben, dass für 85 Prozent die Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Motivation darstellt. Untersuchungen des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik bestätigen dies. Eine familienfreundliche Personalpolitik steigert nicht nur die Produktivität der Beschäftigten, beeinflusst die Motivation und Mitarbeiterzufriedenheit positiv und erleichtert die Werbung von Fachkräften. Auch die Fluktuation, die Wiedereingliederungskosten und die Fehlzeiten verringern sich. Alles Faktoren, die insbesondere in Zeiten leerer Kassen, ausschlaggebend sein können.

Arbeits(zeit)organisation

Über 50 Prozent aller Beschäftigten der Stadtverwaltung und der Eigenbetriebe der Stadt Hanau arbeiten auf Grund betrieblicher Anforderungen mit Dienstplänen und im Schichtdienst. Um diesen, aber auch allen anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eine familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung zu ermöglichen, bietet die Stadt Hanau aktuell drei Grundmodelle: Gleitzeit, feste Arbeitszeiten oder Schichtarbeit. Zusätzlich können die Beschäftigen aber auch auf zahlreiche Arbeitszeitmodelle zurückgreifen. Bis zum Ende der 90er Jahre waren mit dem Teilzeitwunsch von Beschäftigten nach der Geburt von Kindern erhebliche Nachteile verbunden. Es wurde für weniger Arbeitszeit in der Regel auch nur eine weniger qualifizierte Tätigkeit in Teilzeit angeboten. Erst mit dem Come-Back-Programm und dem Audit, das heißt mit der definierten Zielsetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wurde diese scheinbare Zwangsläufigkeit umgekehrt. „Die Qualität der Tätigkeit, das heißt auch ihre Bezahlung, bleibt dabei grundsätzlich erhalten“, weiß Heidi Eppert, Leiterin Personal- und Organisationsamt. Heute arbeiten insgesamt 17 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit,  fast die Hälfte sind Frauen. Die Palette der Teilzeit-Möglichkeiten ist groß. Es gibt Beschäftigte, die nur vier Wochenstunden arbeiten, aber auch Beamtinnen und Beamte mit 42 Stunden pro Woche. Manche sind jeden Tag anwesend, andere wiederum nur einen Tag pro Woche. Und dazwischen ist auch alles möglich, sowohl was die Wochenstunden als auch die Anwesenheitstage angeht. „Selbstverständlich ist nicht jedes Modell für jede Tätigkeit möglich, aber im Gespräch werden in der Regel gute Lösungen gefunden, mit der sowohl unsere Beschäftigen als auch deren Vorgesetzte leben können“, so die Interne Frauenbeauftragte. Brigitte Keese.

Teilzeitfalle - nicht in Hanau

Teilzeit arbeiten heißt in der Stadtverwaltung und in deren Eigenbetriebe nicht immer Teilzeit. Grundsätzlich haben Angestellte im öffentlichen Dienst ein Recht darauf, ihre Stunden zu reduzieren, wenn die familiäre Situation dies erfordert. Ist die Reduktion nicht mehr erforderlich, haben die Angestellten dann auch wieder ein Recht darauf, die Stunden aufzustocken. „Das kann dann auch mal mit einem Wechsel in eine andere Abteilung verbunden sein, aber dies geschieht in enger Abstimmung und mit dem Einverständnis der Mitarbeiterin beziehungsweise des Mitarbeiters“, erklärt Keese. Das Beispiel von Bianca Bien zeigt, wie es gehen kann. Nach der Geburt ihres Kindes war sie mit fünf Wochenstunden wieder eingestiegen. Je älter und unabhängiger das Kind wurde, desto mehr arbeitete Bien. Erst 10 Stunden, dann halbtags und heute steht sie ihrer Arbeitgeberin 24 Stunden pro Woche zur Verfügung. „In enger Absprache mit meiner Vorgesetzten habe ich meine Arbeitsstunden langsam wieder erhöht“, berichtet die Sachbearbeiterin.

Telearbeit für knapp 50 Prozent der Mitarbeiter

Die Stadt Hanau bietet ausschließlich alternierende und zeitlich befristete Telearbeit an. Ein Anrecht gibt es erst mal nicht, da sich nicht alle Arbeitsplätze für Telearbeit eignen. Der Hauptgrund für Telearbeit ist meist die familiäre Notwendigkeit. Das kann die Notwendigkeit zur Vereinbarung von Beruf und Kindern, aber auch zur Vereinbarung von Beruf und Pflege sein. Zirka 50 Beschäftigte der Stadt Hanau arbeiten an Telearbeitsplätzen. Zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer. Matthias Reuver, Sozialplaner und Vater zweier Kinder, ist einer von ihnen und nutzt die Telearbeit, um Familie und Beruf zu vereinbaren. „Bereits mit einem geringen Stundenkontingent im Rahmen der alternierenden Telearbeit kann ich Beruf und Familie gut in Einklang bringen. Dieses konkrete und familienbewusste Arbeitszeitmodell macht die Stadt Hanau aus meiner Sicht zu einem attraktiven Arbeitgeber“, fasst er die Vorteile, die sich aus diesem Arbeitsmodell ergeben zusammen. Wer sich für Telearbeit interessiert kann sich im Intranet informieren. Hier bietet die Stadtverwaltung ihren Mitarbeitern eine Checkliste, anhand derer sie klären können, ob das Modell auf ihren Arbeitsplatz anwendbar ist.

Neben den Vorteilen für die Beschäftigten bietet das Modell aber auch der Stadt Hanau einen erheblichen Vorteil. „Durch die Möglichkeit eines Telearbeitsplatzes bin ich in der Lage, das Team bei hohem Arbeitsaufkommen und Personalausfall zu unterstützen, ohne die Familie zu vernachlässigen“, erklärt Petra Kegelmann, Sachbearbeiterin und Mutter von zwei Kindern. Kegelmanns Abteilung kann somit jederzeit flexibel auf ihre Arbeitskraft und Erfahrung zurückgreifen. Es entsteht keinerlei Zeitverlust durch die Einarbeitung unerfahrener Arbeitskräfte und die Kollegen vor Ort müssen keine Überstunden machen.

Was in vielen Unternehmen noch undenkbar ist, wird in der Stadtverwaltung Hanau bereits gelebt: Führen ohne ständige Anwesenheit. Bestes Beispiel dafür ist Simone Zapke. Die Juristin leitet die Bauaufsicht und ist Mutter zweier Kinder, von denen das jüngste noch in den Kindergarten geht und das älteste die Grundschule besucht. Drei Tage die Woche arbeitet sie in der Stadtverwaltung, die anderen zwei Tage sitzt sie an ihrem Schreibtisch Zuhause.

„Wir haben noch viel vor!“

„Wir haben mittlerweile eine Kultur entwickelt, in der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Selbstverständlichkeit ist“, so Brigitte Keese. Wichtig ist es aber, das Thema stets „am Kochen“ zu halten.  Immer wieder werden Vorträge angeboten, der Austausch mit anderen Unternehmen gesucht und das gesamte Führungspersonal wird in Schulungen für die Problematik sensibilisiert. In den jährlich stattfindenden Mitarbeitergesprächen ist „Vereinbarkeit“ ein vorgeschriebener, fester Bestandteil.

Der Weg hin zu so viel Familienfreundlichkeit war lang und nicht immer einfach. Aber er hat sich gelohnt. „Und wir haben noch viel vor“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky selbstkritisch. „Noch ist die Zahl der Väter in Eltern- beziehungsweise Teilzeit zu gering. Aus diesem Grund freuen wir uns auch über jeden Familienvater, der seine sozialen Kompetenzen durch mehr Zeit für seine Kinder erweitert.“