Familie und Arbeit

Eine Frage, die insbesondere workaholics "gerne" an den Kopf geworfen wird. "Arbeitest Du, um zu leben oder lebst Du, um zu arbeiten?“

Ich bin immer wieder fasziniert von der Tatsache, wie stark das eigene Selbstwertgefühl mit dem Broterwerb in Zusammenhang gebracht wird.

Nun ist es nicht meine Aufgabe, zu bewerten, ob der Zusammenhang von Selbstwertgefühl und Arbeitsstelle ein gesunder ist. Nach meiner ganz persönlichen Meinung und Erfahrung jedoch können wir die Verantwortung für unsere eigene Zufriedenheit, für die Wertschätzung unserer selbst, für unser Glück etc. nicht auf andere abschieben. Dieser Zustand kann nicht von außen kommen, sondern immer nur von innen. Wer mit sich im Reinen ist und das wertschätzt, was er tut; wer dafür sorgt, das es ihm gut geht, der wird auch von anderen geschätzt.

Der Broterwerb spielt in unserem Leben, ganz gleich ob wir damit zufrieden sind oder nicht, eine zentrale Rolle. Bis auf die Wenigen (Glücklichen??), die „es“ nicht nötig haben, müssen wir alle irgendwie für den Nachschub an finanziellen Mitteln sorgen.

Wohnung, Essen, Kleidung, Urlaub etc. müssen bezahlt werden.

Erwerbsbiographien werden andererseits immer brüchiger. Eine Lebensstellung bei einem Arbeitgeber gibt es immer seltener. Immer mehr Menschen haben Zeiten der Arbeitslosigkeit oder der Selbständigkeit, die mit Zeiten der Anstellung als Arbeitnehmer abwechseln, in ihrem Lebensläufen. Es gibt heute keine Garantie mehr, dass man seinen gut bezahlten Job auch behält.

Nicht nur Krankheit oder Mobbing können dazu führen, dass ein Arbeitsverhältnis im ungünstigsten Zeitpunkt (z.B.: nach dem 45. Geburtstag) endet. Auch die Schließung eines ganzen Werkes oder die Insolvenz nach Betriebsübergang kann plötzlich zum Jobverlust führen. Warum sich die Erwerbswelt derart geändert hat, kann ich nicht sagen. Wichtig ist, zu erkennen, dass es so ist. Das heißt aber auch, dass die klassische "Hausfrauenehe" ausgedient hat.

Dabei stellt sich nicht die Frage nach der Selbstverwirklichung, die sich insbesondere berufstätige Mütter sehr gern mit vorwurfsvollem Unterton stellen lassen. Es stellt sich auch nicht die Frage, ob die einen moralisch richtiger handeln als die andere. Ich fälle also keinesfalls ein Werturteil über Lebensentwürfe.

Aber: Abgesehen davon, dass ich der Meinung bin, dass ein/e jeder/jede das Recht hat, sich ein Stück weit (Vorsicht: Kein Selbstzweck!) selbst zu verwirklichen, ist es auch notwendig, dass beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachgehen (s.o.).

Die Frage, „Klassisches Modell“ oder nicht, wird leider fast ausschließlich emotional und ideologisch diskutiert.

Da ist von Rabeneltern die Rede, von „Abschieben“ der Kinder, von „da brauch ich ja kein Kind, wenn ich arbeiten gehe.“ usw.

Sachliche Argumente finden in solchen Diskussionen kaum Platz. Zu tief sitzt die Sozialisation; zu stark sind die gesellschaftlichen Konventionen, in denen viele Frauen gefangen sind.

Aber: Wenn beide Eltern arbeiten, muss das nicht heißen, dass beide ein Leben auf der Überholspur führen und die Kinder ausschließlich von Fremden betreut und erzogen werden. Die finanzielle Verantwortung, der Leistungsdruck, das Risiko sollte in einer Familie einfach auf vier Schultern verteilt werden, anstatt auf zwei. Wenn einer ausfällt (Krankheit, Arbeitslosigkeit und im schlimmsten Fall: durch Tod), kann der andere „den Laden“ noch am Leben halten und der wirtschaftliche Fall der Familie ist nicht ganz so tief. Der positive Nebeneffekt: mehr Lebensqualität als Familie!

Mehr Lebensqualität kann in meinen Augen dadurch entstehen, dass nicht mehr einer alle finanziellen Mittel schaffen muss und aufgrund von zu viel Arbeit daheim nie gesehen wird. Er/sie könnte sich etwas zurücknehmen, weil er/sie ja auch noch da ist und einen Teil zum Familieneinkommen beiträgt. Die Familie hätte mehr Zeit miteinander. Dadurch, dass sich der Leistungsdruck und das Risiko besser verteilen, können auch die Gelassenheit und Zufriedenheit wachsen. Das klappt aber nur, wenn insbesondere Sie, liebe berufstätige Mütter, endlich aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben! Ein schlechtes Gewissen verhindert Zufriedenheit – bei Ihnen und bei Ihrer Umwelt. Nicht die Tatsache, dass Sie arbeiten gehen ist schlimm, Ihr schlechtes Gewissen ist es!

Bildnachweis: fotolia - Kim Schneider

Vita
Da arbeitsrechtliche Probleme Arbeitnehmer meist auch emotional belasten, geht Fachanwältin für Arbeitsrecht Sandra Flämig berufliche Konflikte interdisziplinär an. Ziel in solchen Rechtsfällen ist es, Probleme auf rechtlicher und persönlicher Ebene zu lösen.
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