Boreout

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„Was habe ich falsch gemacht?“, fragt sich Sanela Besic. Die Industriefachfrau und ehemalige Assistentin der Geschäftsführung hadert seit dem Wiedereinstieg mit sich und der Welt.

Wenn Langeweile im Job krank macht.

Als sie noch keine Kinder hatte, war sie immer für ihren Job da und hat oft bis spät in die Nacht gearbeitet. Dass das in Teilzeit und als Mutter von zwei Kindern nicht mehr so einfach geht, war ihr bewusst. Aber nur noch Ablage machen?

„Ich hatte mir während meiner Elternzeit viele Gedanken über den Wiedereinstieg gemacht. Eigentlich wollte ich in Teilzeit einsteigen und dann in zwei Jahren auf Vollzeit aufstocken. Auf Drängen meines Arbeitgebers habe ich dann aber doch gleich wieder mit einem acht-Stunden-Tag angefangen“, erzählt Sanela Besic. Einfach war das nicht, denn das bedeutete auch, dass die Kinder (2 und 4 Jahre alt) für mindestens zehn Stunden am Tag betreut werden müssen. „Bizarrerweise bekam ich, obwohl ich die Kinderbetreuung geregelt und das auch so meinem Arbeitgeber mitgeteilt hatte, zwei Wochen vor meinem ersten Arbeitstag einen Aufhebungsvertrag zugeschickt, den ich nicht angenommen habe. Begründung: Mangelnde Kinderbetreuung.“

Am 27. Juni 2014 hat Sanela Besic wieder angefangen zu arbeiten. Ihre Aufgabe: Ablage. Acht Stunden am Tag. Fünf Tage die Woche. „Ich habe immer wieder um Gespräche gebeten. Habe mir eine Stellenbeschreibung geben lassen. Geändert hat sich nichts. Meine Aufgaben sind und bleiben: Ablage und Zuarbeit.“ Mittlerweile hat die zweifache Mutter sich einen Anwalt genommen und sich krank schreiben lassen. „Ich habe nur noch geweint. Ich kann nicht mehr. Es ist einfach zu viel passiert.“

Sanela Besics Krankenverlauf ist typisch für einen Bore-out. Die Symptome sind einem Burn-out sehr ähnlich: Schlafstörungen, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Anfälligkeit für Infekte. In Firmen oder Abteilungen, in denen zum Beispiel wegen des technischen Fortschritts Rationalisierungen stattgefunden haben, sind die Mitarbeiter häufig vom Bore-out betroffen. Untersuchungen zu Müttern, die nach einer längeren Familienpause in Jobs weit unter ihrer Qualifikation zurückkehren, gibt es (noch) nicht. Viele Mütter berichten aber, dass sie nach dem Wiedereinstieg weder auf die alte Position zurückkehren konnten noch einen gleichwertigen Job erhielten. Eine Arbeitsplatzgarantie ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Die WiedereinsteigerInnen haben im Anschluss an die Elternzeit aber das Recht, an den früheren Arbeitsplatz zurückzukehren oder, wenn das nicht möglich ist, entsprechend dem Arbeitsvertrag oder Arbeitsverhältnis einer gleichwertigen oder ähnlichen Arbeit nachzugehen.

Dass viele Arbeitgeber Müttern keine verantwortungsvolle Aufgabe zutrauen, zeigt auch Christinas* Fall. Christina hat BWL studiert. Heute arbeitet die zweifache Mutter als Mediaberaterin. „Ich fühle mich total unterfordert, aber auf alle anderen Bewerbungen habe ich Absagen erhalten. Immer mit der Begründung, dass ich aufgrund der Kinder nicht flexibel sei“, erzählt sie. Dabei zeigt sie immer Engagement und fährt auch gelegentlich während ihres Urlaubs in die Firma, damit aktuelle Projekte nicht ins Stocken geraten. Abends arbeitet sie oft länger. Dennoch: „Wenn es um die Besetzung der Teamleiterstelle geht, wird der Kollege ohne Kinder vorgezogen“, berichtet sie. „Dabei hätte ich gern eine verantwortungsvollere und spannendere Tätigkeit. Manchmal täusche ich sogar vor, beschäftigt zu sein, da es sonst komisch aussehen würde.“

Boreout statt BurnoutDiese von Sanela Besic und Christina beschriebene Unterforderung und Langeweile sind laut Philippe Rothlin und Peter R. Werder ein typisches Symptom des Bore-outs. In ihrem Buch „Unterfordert“ beschreiben die Autoren die drei Elemente des Bore-outs: Unterforderung, Desinteresse und Langeweile.

Jeder ist seines Glückes Schmied – Wege aus dem Bore-out

Philippe Rothlin und Peter R. Werder sind sich sicher: „Es gibt zwar viele Menschen, die an einem Bore-out mitschuldig sind. Es mag auch viele geben, die etwas zu seinem Verschwinden beitragen könnten. Aber es gibt nur eine Person, die das Problem lösen kann. Das sind Sie selber.“ Dessen sind sich auch die meisten betroffenen berufstätigen Mütter bewusst.

Weg 1: Weiterbildung

Um die geistige Unterforderung zu kompensieren, macht Christina neben Beruf und Kindern ein Fernstudium und hofft, dass „der Masterabschluss die Kinder ausbügelt“. Auch Marita* plant, sich weiterzubilden. Die zweifache Mutter hat an der Berufsakademie BWL studiert und war drei Jahre beruflich im Ausland. Aber bislang hat ihr niemand eine andere Tätigkeit als Sekretariatsarbeit zugetraut. „Natürlich nennt niemand die Kinder explizit als Grund. Unterschwellig habe ich aber schon den Eindruck, dass sie der ausschlaggebende Grund sind“, meint Marita. Ihre Kinder sind vier und sechs Jahre alt. Gern würde sie sich weiterbilden. Aber eine Weiterbildung kostet Geld, und von ihrem Arbeitgeber erhält sie keinerlei finanzielle Unterstützung. Auch Marita hat beschlossen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Allerdings will sie noch zwei Jahre auf dieser Position durchhalten und sich erst dann, wenn auch der Jüngste in der Schule ist, entweder weiterbilden oder studieren oder sich wieder neu bewerben.

Weg 2: Jobwechsel

Eigentlich wollte Evelyn* nach der Elternzeit zu ihrem alten Arbeitgeber zurückkehren. Sie hatte dort als Azubi Verwaltungsangestellte und Bürokauffrau gelernt, doch dann wurde ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert. Nach längerer Suche bekam sie eine Anstellung als Redaktionsassistentin. „Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, aber nach kürzester Zeit hatte ich alle Arbeitsabläufe so optimiert, dass ich mindestens einen halben Tag Däumchen gedreht habe“, erzählt die alleinerziehende Mutter einer Tochter. „Immer wieder habe ich darum gebeten, mir zusätzliche Arbeiten zu geben. Aber nichts passierte.“ Auch Evelyn wurde krank vor Langeweile. Der Rücken machte nicht mehr mit. Als das Unternehmen dann aus Kostengründen Evelyns Stelle strich und ihren unbefristeten Arbeitsvertrag in einen befristeten umändern wollte, ist sie zum Anwalt gegangen und hat geklagt. Das Ergebnis: Das Unternehmen wurde dazu verpflichtet, Evelyn eine gleichwertige Position zu geben. Lange Zeit war sie sich nicht sicher, ob sie im Unternehmen bleiben sollte, denn viele Kollegen wussten von ihrer Arbeitsklage. Rückblickend ist sie aber glücklich, sich für das Unternehmen entschieden zu haben. „Ich bin in meinem neuen Job sehr zufrieden. Endlich darf ich eigenverantwortlich arbeiten. Meine neue Chefin ist zudem sehr familienfreundlich – solange der Arbeitsablauf nicht gestört wird.“

Um dem Bore-out bei einem Jobwechsel früh vorzubeugen, raten Rothlin und Werder bei der Stellenbeschreibung und insbesondere beim Vorstellungsgespräch zur Eigeninitiative. Stellen Sie konkrete Fragen, bohren Sie nach, damit die Erwartungshaltung nachher nicht zu hoch ist.

Es muss aber nicht immer gleich die Kündigung sein. Laut Rothlin und Werder sind die drei zentralen Elemente für Zufriedenheit am Arbeitsplatz: Sinn, Zeit und Geld. Nicht immer werden alle drei Elemente gleich stark bedient. Viele Tätigkeiten scheinen auf den ersten Blick nur wenig Sinn zu machen. Die Autoren empfehlen daher, durch aktive Kommunikation den Sinn der eigenen Tätigkeit zu entdecken. Wenn Sie ihn nicht selbst entdecken, fragen Sie nach. Sehen Sie in anderen Tätigkeiten mehr Sinn, sprechen Sie es offen an. Die Autoren empfehlen aber auch, an der eigenen Einstellung zu arbeiten und verweisen auf Stephen Lundin, Harry Paul und John Christensen, die in ihren Motivationsbüchern „Fish!“, „Noch mehr Fish!“ und „Für immer Fish!“ unter anderem empfehlen: „Mach’ anderen eine Freude“ und „Spiel“. Einen Versuch ist es wert. Überlegen Sie, wie Sie gute Stimmung an den Arbeitsplatz bringen. Wie wäre es zur Weihnachtszeit mit selbstgebackenen Plätzchen für alle? Oder bringen Sie Ihrer Kollegin einen Kaffee vorbei, wenn sie gerade besonders im Stress ist. Wie Sie Spiel und Spaß ins Unternehmen bringen können, beschreibt auch Silvia Meitsch anschaulich im Blog der BUW-Unternehmensgruppe. Hier erzählt sie von Krankenhäusern, die regelmäßig „Beach-Party-Tage“ veranstalten. An diesem Tag tragen die Mitarbeiter Blumenkränze, es werden Sonnenschirme aufgestellt, Badetiere aufgeblasen und Frisbee-Scheiben aus Schaumstoff geworfen. Die Patienten bekommen ihren Tee mit einem bunten Schirmchen serviert, und alle Beteiligten freuen sich über die kleine Abwechslung im Alltag. Andere Firmen wiederum haben Tage, an denen alle rot tragen. Selbstverständlich werden solche Spiele nichts an der eigentlichen Aufgabe ändern, aber möglicherweise können sie Ihnen den Alltag erleichtern.

 

Bore-out kostet die deutsche Wirtschaft jährlich 250 Millarden Euro.

 

Quelle: Gallup Engagement

Index: Studie zur Messung der emotionalen Bindung von MitarbeiterInnen, Untersuchungen 2004 -2006

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