Der Verantwortungsindex belegt: Nachwuchs wirkt sich positiv auf die Verantwortungsqualität der Eltern aus. Auch im Job.

Wer Kinder hat, fehlt dauernd im Job und ist im Büro nicht richtig bei der Sache – Klischees über berufstätige Eltern sterben nicht aus. Dabei sieht die Realität oft ganz anders aus. Was aufmerksame Arbeitgeber schon lange wissen, ist jetzt auch wissenschaftlich belegt: Kinder wirken positiv auf die Verantwortungsqualität der Eltern.

„Ich habe keine Kinder, bin daher zeitlich flexibel und scheue keine Überstunden.“ Wer mit dieser Aussage im Bewerbungsgespräch punkten will, tappt in eine Falle. Dass Vollzeitkarrieristen im Job bessere Ergebnisse liefern als berufstätige Eltern, ist ein beliebter Mythos. Und dass Familienmenschen Unternehmen eher bremsen als voranbringen, sind populäre Ausreden. Ich möchte neue Theorien in den Raum stellen:

  • Menschen mit Kindern sind verantwortungsbewusster.
  • Berufstätige mit Nachwuchs sind die besseren Arbeitskräfte.
  • Kinder erziehen ihre Eltern.

Diese Thesen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sondern basieren auf jüngster Forschung. Seit 20 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Verantwortung und wie Menschen diese leben und bewerten. Verantwortung ist der Kern menschlicher Entwicklung. Leider verbinden viele diesen Begriff mit Schwere, Last und Pflichtgefühl statt mit Freude, Stolz und Sinn. Um das zu ändern und Lust auf Verantwortung zu machen, müssen wir das Thema verstehen. Aus diesem Grund haben wir den Verantwortungsindex ins Leben gerufen, der in regelmäßigen Abständen den aktuellen gesellschaftlichen Stand zum Thema abbildet. Die repräsentative Studie misst die Qualität von Verantwortung in drei Dimensionen: menschlich (Wer ist in der Verantwortung?), faktisch (Was ist in der Verantwortlichkeit?) und prinzipiell (Wofür ist die Verantwortung?), bei sich und bei anderen.

Repräsentative Zahlen

Bereits die Ergebnisse der Befragung 2018 ergaben ein klares Bild zum Thema Nachwuchs: Menschen mit Kindern sind verantwortungsvoller. Sowohl die Fähigkeit zur als auch der Fokus auf Verantwortung steigen, sobald Kinder im Spiel sind. Während 42 Prozent der Befragten mit Kindern eine hohe Verantwortungsqualität aufweisen, ist es bei der Gruppe ohne Kinder nicht mal jeder Dritte. (Grafik 1, 2018)

 

Was die Studie 2018 erstmals belegbar zutage brachte, bestätigt die aktuelle Befragung 2019 noch einmal: Mit Kindern steigt die Freude an Verantwortung. Genauer: Menschen mit Nachwuchs stehen Verantwortung positiver gegenüber. Menschen ohne Kinder dagegen erkennen Verantwortung bei anderen positiver und legen entsprechend mehr Wert auf Verantwortung bei anderen (Grafik 2, 2019). Während 74 Prozent der Befragten mit Kindern eine hohe Verantwortungsqualität aufweisen, sind es bei den Kinderlosen lediglich 68 Prozent. 2018 waren es nur 42 Prozent in der Gruppe mit Kindern, in der Gruppe ohne Kinder nicht mal jeder Dritte.

 

Die Ergebnisse zeigen eine Verschiebung zwischen Interessenbereich (etwas interessiert mich, ich kann es aber nicht beeinflussen) und Einflussbereich (etwas, das ich beeinflussen kann). Während sich Menschen ohne Kinder oftmals stark gedanklich mit Dingen beschäftigen, die sie nicht ändern, beziehungsweise beeinflussen können, sind Menschen mit Kindern fokussierter. Ihre Präsenz liegt im Einflussbereich. Das äußert sich beispielsweise in lösungsorientiertem Denken und Handeln. Bricht im Unternehmen die Welt zusammen, kippt ein Kunde den Auftrag, erkrankt der Projektleiter oder streikt die Technik – in jeder Situation haben Menschen die Wahl: Schimpfe ich über die widrigen Umstände, „die Chefs da oben“ und „IT-Pfeifen da unten“ oder aber springe ich für den kranken Kollegen ein, suche Alternativen für den Serverausfall und offenbare sogar mutig mein eigenes Versagen. Es geht um Wegducken oder Hand heben. Um reden oder machen. Um Fehler vertuschen oder zugeben. Und Gesicht wahren oder Mut haben.

Identifikation als Schlüssel

Menschen mit Kindern haben besser gelernt, dass die scheinbar leichte Variante keine gute Option ist. Und nicht zu besseren Ergebnissen führt. Außerdem haben sie aufgrund der Doppelbelastung gelernt, ihre Zeit effektiv zu nutzen. Beim cleveren Zeitmanagement geht es nämlich genau darum: den Unterschied zwischen Zeitqualität und -quantität. Wer erfolgreich sein will, muss lernen, die Intensität und damit seine Wirkung zu erhöhen. Hauptursache für die verbesserte allgemeine Verantwortungsqualität der Eltern ist allerdings die Identifikation mit dem Kind. Das bedeutet weitergedacht: Je höher die Identifikation mit jemandem oder etwas ist, desto höher ist auch die Bereitschaft, Verantwortung für das Identifizierte zu übernehmen.

Kinder fördern den Blick auf uns selbst und die eigene Verantwortung. Eben jene Zahlen lassen die These zu, dass Kinder ihre Eltern (zu mehr Verantwortung) erziehen. Die Erkenntnis, dass Kinder sich positiv auf die Verantwortungsqualität eines Menschen auswirken, ist ein Durchbruch für alle Eltern, die sich in einer Rechtfertigungsspirale gefangen fühlen. Sowohl für die Gesellschaft, für Unternehmen aber auch jeden Einzelnen – ob kinderlos oder nicht – eröffnet dieses Aha-Erlebnis ein neues Bewusstsein. Heißt das nun, dass berufstätige Eltern effektiver arbeiten? Zunächst einmal heißt es, dass sie mehr Verantwortung übernehmen. Genau das verändert eben die individuelle Wirkung: Wer Verantwortung klug übernimmt, verbessert nicht nur seine Ergebnisse, sondern lebt zudem zufriedener – auch das hat der Index wissenschaftlich nachgewiesen.

Hol- und Bringschuld

Wie kann man diese Erkenntnis für die Arbeitswelt nutzen? Zum einen sollten Unternehmen ganz klar mehr Menschen mit Kindern einstellen. Besonders Teilzeitkräfte leisten dank ihrer mentalen Stärke enormen Beitrag. Zum anderen werfen die Ergebnisse einen ganz neuen Blick auf das Thema Identifikation. Wenn sie der Schlüssel zur hohen Verantwortungsqualität ist, sollten Unternehmen dringend folgende Fragen für sich klären: Wie können Führungskräfte dafür sorgen, dass sich Menschen mehr mit Projekten, Produkten und Ideen identifizieren? Was muss passieren, damit sich Arbeitnehmer ihrer Verantwortung am eigenen Arbeitsplatz bewusster werden? Muss ein Unternehmen sich dem Mitarbeiter aufdrängen, damit er die Werte seiner Firma verinnerlicht? Oder ist Identifikation eine Holschuld?

Ob Hol- oder Bringschuld lässt sich mit einem Blick in eine Patchwork-Familie erfassen. Wie lerne ich ein Kind zu lieben (identifizieren), das nicht meine Gene hat (vorgegebenes Ziel)? Indem ich mich mit dem Kind beschäftige. Je mehr ich mich ihm öffne und mich ihm widme, desto eher wächst es mir ans Herz (Identifikation). Aber wenn sich das Kind nicht auf mich einlässt, wird daraus ebenfalls nichts. Der Wille beider ist nötig. Übertragen auf das Geschäftsleben heißt das: Beide Seiten müssen sich bemühen – Chef und Mitarbeiter. Für Unternehmen bedeutet das: Sinn schaffen. Nur wer Sinn in seiner Arbeit erkennt, will mitreden und gestalten. Menschen brauchen zudem Raum und Zeit, um sich mit neuen Ideen und Veränderungen zu beschäftigen. Nur so wächst Identifikation und Verantwortung. Dass sich beides lohnt, ist keine Frage. Wer sich tiefer auf Aufgaben und Ideen einlassen kann, erfährt Erfüllung und reifes Glück – privat und beruflich. 

 

Über Boris Grundl: Seit 20 Jahren forscht und lehrt Boris Grundl als Managementtrainer, Redner, Unternehmer und Autor zur menschlichen Entwicklung. Seit über einem Jahrzehnt gehört er zu Europas Trainerelite. Inzwischen hat sich sein ganzes Denken und Handeln in einem Wort verdichtet: Verantwortung – sein Lebensthema, die zwingende und logische Konsequenz seines Seins. Seit 30 Jahren ist er vom Hals abwärts gelähmt. Heute lebt der glückliche Familienvater ein selbstbestimmtes und finanziell freies Leben. Sein Antrieb: Menschen zur Verantwortung zu befähigen und das durch Ergebnisse sichtbar machen. Boris Grundl hat die Themen Verantwortungsbewusstsein, mentale Haltung und Leadership in der Tiefe erforscht und erlernbar gemacht. Das Grundl Leadership Institut sorgt dafür, dass Menschen und Organisationen sie umsetzen können. In Vorträgen, Live-Seminaren und als Onlineerlebnis. www.grundl-institut.de

Über den Verantwortungsindex: Der Verantwortungsindex misst die Qualität von Verantwortung, sprich wie deutlich die Befragten Verantwortung in den drei Dimensionen menschlich (Wer ist in der Verantwortung?), faktisch (Was ist in der Verantwortlichkeit?) und prinzipiell (Wofür ist die Verantwortung?) bei sich und bei erkennen. Dabei lassen sich die Ergebnisse in zwei Werteräume einteilen: die persönliche Sicht auf die Verantwortung in der Gesellschaft (Außen) und die Wahrnehmung der Selbstverantwortung (Innen). Die eigene Haut dient hier als bildliche Membran. Die Klarheit, mit der Verantwortung gesehen wird, nennt sich Sehschärfe. Mit ihr wird die Fähigkeit beschrieben, sich selbst und sein Umfeld richtig zu bewerten. Der Verantwortungsindex wird in regelmäßigen Abständen den aktuellen gesellschaftlichen Stand zum Thema Verantwortung repräsentativ messen, abbilden und publizieren.

Bildnachweis: Portrait – Nico Pudimat | Grafiken – Grundl Leadership Institut