Female Talents Explore Leadership

Talentierte Berufseinsteigerinnen gibt es genügend. Ganz oben kommen jedoch nur wenige an. Das Technologieunternehmen Hewlett Packard (HP) will dies ändern.

Das “Female Talents Explore Leadership”-Programm bei Hewlett Packard

Für seine Bemühungen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, wurde Hewlett Packard nun zum zweiten Mal mit dem ersten Platz im Frauen-Karriere-Index des Bundesfamilienministeriums ausgezeichnet. Mit dem „Female Talents Explore Leadership“-Programm will das Unternehmen talentierte weibliche Nachwuchskräfte mental auf ihrem Weg zur Management-Karriere stärken.

„Die größte Herausforderung ist es, eine Veränderung in den Köpfen zu bewirken“, weiß Eva Faenger, Diversity Managerin bei HP. Dies gelte für alle Diversity-Prozesse, auch für die Gender-Diversity, die am Standort Deutschland eine gewichtige Rolle spielt. Im Jahr 2010 hat das Technologieunternehmen mit der Gründung eines Diversity Councils weltweit das strategische Fundament für Diversity gelegt. Seitdem ist Diversity ein fester Teil der Business-Themen. Nach dieser strategischen Grundsatzentscheidung folgte in Deutschland 2012 die freiwillige Selbstverpflichtung, bis zum Jahr 2017 einen Frauenanteil in Führungspositionen von 25 Prozent zu erreichen. Ende des Fiskaljahres 2014 lag der Anteil bei 17 Prozent – drei Prozentpunkte höher als zum Start der Selbstverpflichtung. Grund für diese Entwicklung sind unter anderem erfolgreiche Frauenförderprogramme. „Female Talents Explore Leadership“ ist eines davon. Nach einem ersten Piloten im Sommer 2013 startet das unternehmensinterne Kurrikulum demnächst in die dritte Runde.

Führungswillen entwickeln

Herausfinden, ob sie eine Management-Karriere wirklich wollen, worauf es bei Führung ankommt, welche persönlichen Entscheidungen sie treffen müssen, wo sie aktiv gefordert sind und wie sie ihre Ambitionen innerhalb des Unternehmens umsetzen können – diese Fragen können die Teilnehmerinnen während des Kurrikulums für sich klären. „Immer wenn Führungspositionen in den unteren Bereichen ausgeschrieben werden, gibt es nur wenige Bewerbungen von Frauen. Frauen äußern zunächst einmal Bedenken. Selbst wenn die Qualifikation stimmt, steht das Wollen in Frage. Daher haben wir uns als erstes Ziel gesetzt, Entscheidungsklarheit zu schaffen. Wir möchten Frauen die Gelegenheit geben, sich in einem geschützten Raum mit dem Thema Führung auseinanderzusetzen, Eigeninitiative zu entwickeln und Verantwortung für die eigene Karriere zu übernehmen“, erzählt Eva Faenger von den Überlegungen, die bei der Ausgestaltung des Programms tragend waren.

Entschieden hat sich HP für ein modulares Kurrikulum mit zwei Workshop-Modulen und einer Abschlussveranstaltung, das sich über sechs Monate erstreckt. Gleich das erste Modul des Kurrikulums dient der persönlichen Entscheidungsfindung. In Übungen und Rollenspielen, die von einem erfahrenen Coach begleitet werden, reflektieren sie ihre Führungsmotivation und Führungsstärken sowie ihre inneren Bilder, Widersprüche und Ambivalenzen zu Führung. So können sie in einem geschützten Raum herausfinden, wie sie in Bezug auf Führung „verortet“ sind. „Ich weiß nicht, ob ich gut genug bin. Oder: Warum soll ich mir das antun? Bin ich dann rund um die Uhr nur noch für HP da? Leidet die Vereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen unter einer Führungskarriere? – Das sind typische Hürden, die sich in den Köpfen aufbauen“, berichtet die Diversity Managerin. „Unser Workshop sorgt für ein Aha-Erlebnis.“ Beim ersten Durchlauf des Kurrikulums sprachen sich nur fünf von zwanzig Teilnehmerinnen von Anfang an für eine Führungskarriere aus. Am Ende des Kurrikulums waren es neunzehn. Nur eine Teilnehmerin wollte erst einmal eine Fachkarriere ansteuern.

„Personal Branding“ – das Führungskonzept

In den Workshops erhalten die Teilnehmerinnen die Gelegenheit, sich von inneren Bedenken und theoretischen Vorstellungen bezüglich Führung zu lösen und ein eigenes Selbstbild und Selbstverständnis als Führungskraft zu entwickeln. Hier erfahren sie, dass Führung nicht gleich Führung ist. Jede Führungskraft hat ihren eigenen Stil. Daher braucht, wer führen will, ein klares Führungsprofil. Gleichzeitig kann dieses klare Führungsprofil dabei helfen, Bedenken gegenüber Führung aus dem Weg zu räumen. Aus diesem Grund erarbeiten die Teilnehmerinnen Fragen wie: Wie werden Sie führen wollen? Was sind Ihre Stärken? Welche Bedeutung hat für Sie das Team? Daraus wird ein persönliches Führungskonzept entwickelt.


Vorbilder machen Führung konkret

Den Abschluss des ersten Moduls bilden Gespräche mit erfahrenen Führungskräften von HP, in denen diese ihre eigene Biografie preisgeben. In einer offenen Runde können die Nachwuchsführungskräfte alle fachlichen und persönlichen Fragen stellen, die ihnen zum Thema Führung auf der Seele liegen – auch solche, die den persönlichen Lebensweg betreffen. Bedenken werden offen diskutiert. Einen geschützten Raum zu haben, der einen offenen Umgang und ehrlichen Austausch mit dem Thema ermöglicht, in einer kleinen Gruppe zu arbeiten und fernab vom Tagesgeschäft die Zeit für die eigene Entscheidung zu haben, das waren mit den Berichten gestandener HP-Manager auch für Julia Christofor die wertvollsten Erfahrungen. Als eine der rund 20 Teilnehmerinnen des zweiten Durchlaufs konnte sie ihre Erfahrungen mittlerweile konkret in ihre Karriereplanung einfließen lassen. Einige Wochen nach Abschluss des Programms hat sich die Programm Managerin von HP auf eine interne Stelle mit Führungsverantwortung beworben. „Mein Selbstbewusstsein war gestiegen. Ohne das „Female Talents Explore Leadership“-Programm hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut.“ Die Stelle hatte ein großes Profil, das Julia Christofor nicht vollständig erfüllte. Nach einem Gespräch mit ihrer Vorgesetzten ermunterte diese sie dazu, sich dennoch zu bewerben. „Männer heben da eher mal die Hand und bewerben sich ohne Selbstzweifel. Für mich war es gut, die Zweifel vorher aus dem Weg geräumt zu haben“, erläutert Julia Christofor.


Sich in Stellung bringen

Im zweiten Modul des „Female Talent Explore Leadership“-Programms lernen die Teilnehmerinnen, sich als potentielle Führungskraft im Unternehmen in Stellung zu bringen. Neben dem Führungskonzept braucht es dazu ein gut funktionierendes Netzwerk. Um Kontakte zu knüpfen und so das eigene Netzwerk im Unternehmen aufzubauen, planen und organisieren die Teilnehmerinnen gemeinsam einen „Marktplatz“. Er bietet außerdem die Gelegenheit, Einblicke in andere Fachbereiche zu erhalten, Karrierechancen zu diskutieren und sich selbst als Kandidatin für Führungspositionen zu empfehlen. Um überzeugend aufzutreten, üben die Teilnehmerinnen zunächst, sich als Führungskraft zu präsentieren. Die Selbstpräsentationen werden im Kreis der Teilnehmerinnen und Coaches offen diskutiert. „Nun konnte ich mich mit allem präsentieren, was ich im ersten Modul erarbeitet habe, meine Stärken und Kompetenzen. Es ist wertvoll, zu sehen, wie man auf andere wirkt. Das Feedback der Runde auf meine Präsentation war offen und ehrlich. Das hilft, das Fremdbild und das Eigenbild zu hinterfragen“, berichtet Julia Christofor von ihren Erfahrungen. Die Vorbereitungen zum Marktplatz münden letztlich in einer internen halbtätigen Veranstaltung, dem „Female Talent Marketplace“, das dritte und gleichzeitig letzte Modul des Kurrikulums. Zu der Veranstaltung werden Führungskräfte und HR-Vertreter aus allen Geschäftsbereichen eingeladen. Die Auswahl stellen die Teilnehmerinnen zusammen. Die Einladungen sind bei den Führungskräften offensichtlich begehrt, was sich an der regen Beteiligung zeigt. Das mag daran liegen, dass die Führungskräfte beim Marktplatz Gelegenheit haben, potentielle Mitarbeiterinnen für ihren eigenen Fachbereich kennenzulernen.

Aktiv werden

„Frauen müssen sich bewegen. Sie müssen den Finger heben und sagen: Ich bin hier und traue mir das zu“, so Eva Faenger. Wer am „Female Talent Explore Leadership“-Programm teilnimmt, wird danach nicht automatisch auf vakante Führungspositionen versetzt. Das Programm stattet die Teilnehmerinnen aber mit dem notwendigen Rüstzeug und den Netzwerken aus, um eine Führungskarriere erfolgreich anzusteuern. „Den Teilnehmerinnen wird nicht unbedingt sofort eine Stelle angeboten. Man wird nicht automatisch nach oben geordert, man ist aber „auf dem Schirm“ der Entscheider. Das Programm ist ein gutes Sprungbrett, aber die Frauen müssen selbst Biss entwickeln und am Ball bleiben. Wir können sie auf diesem Weg begleiten.“

Das „Female Talents Explore Leadership“-Programm findet bei HP viel Beachtung, auch über Deutschland hinaus. Mappen mit den Profilen der Teilnehmerinnen sorgen für eine große interne Sichtbarkeit. Auch extern machte das Programm bereits von sich reden. Im Sommer 2014 gewann HP den ersten Platz beim Unternehmenswettbewerb „Frauen in MINT-Berufen“ des Landes Baden-Württemberg in der Kategorie „Personalentwicklung und -bindung“. Das Programm war ausschlaggebend für diese Auszeichung.

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