Vater in Elternzeit

Wir betreiben Feldforschung: Elternzeit für Väter. Unser Forschungsobjekt: Die Heliocentris Energy Solutions AG.

Ein grünes Unternehmen, das Energieeffizienzlösungen und autarke Energieanlagen für Kunden aus Industrie, Wissenschaft und Lehre weltweit entwickelt, liefert und betreibt. Umweltfreundlich durch die Einbindung von regenerativen Energietechnologien. Ein High-Tech- Unternehmen mit Tochtergesellschaft in Vancouver, Niederlassung in Dubai, Büro in Johannesburg sowie Kunden in über 60 Ländern der Welt. 170 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Als Heliocentris 1995 gegründet wurde, hieß die Elternzeit noch Erziehungsurlaub und war meist Frauensache. Und heute? Bei Heliocentris nehmen viele Väter Elternzeit. Meist zwei Monate. Zwei Monate? Was soll sich da ändern? Was will mann da erfahren? Das kann jeder mit halber Backe, einer Hand im Laptop und einem Fuß im Büro absitzen. Zwei Monate Elternzeit riecht sehr nach Erziehungsurlaub. Dachte ich bisher.
Vor uns sitzen in lockerer Runde vier Väter ganz unterschiedlicher Couleur: Florian Koppe, Product Line Manager Home Power Solutions; Gunter Deiseroth, Purchaser; Henry Schröder, Representative Team Leader Warehouse; Christian Leu, Product Line Manager H2 Systems. Personalreferentin Susanne Schade hat gut ausgewählt: unterschiedliches Alter, unterschiedliche Typen, unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Positionen. Alle haben zwei Monate Elternzeit genommen, meist den 13. und 14., nach der Stillzeit.

Zwei Mal ein Monat

HeliocentrisNur Gunter, mit 31 Jahren der Jüngste, hat den 1. und den 12. Monat gewählt. Seine Partnerin und er wollten das Neuland Familie gemeinsam betreten. Sein Sohn ist jetzt 18 Monate und geht von 7:15 bis 16:45 Uhr in den Kindergarten. Gunter bringt ihn hin und holt ihn ab. Seine Frau arbeitet Vollzeit als Lehrerin an einer Ganztagsschule am anderen Ende Berlins. Er ist quasi alleinerziehend. Das haben sie bewusst so entschieden, aus finanziellen Gründen. Sie wollen ein zweites Kind und dann beide weniger arbeiten. Gunter würde beim zweiten Kind am liebsten ein Jahr Elternzeit nehmen. Wenn er stillen könnte.
Henry ist 47. Sein Leben läuft in geregelten Bahnen. Der richtige Zeitpunkt für ein Kind!, sagt er. Sein Sohn ist eineinhalb. Er genießt jede Minute, die er mit ihm verbringen kann. Henry würde sofort weniger arbeiten, wenn das Geld reichen würde. Elternzeit - der eher nüchterne Henry lässt sich zu einem euphorischen „ein überwältigendes Erlebnis“ hinreißen. Seine Augen glänzen. Ein Hauch von diesem Leuchten bleibt im sachlichen Besprechungszimmer hängen.

Zwei Monate Teilelternzeit

Christian ist schon seit 1998 bei Heliocentris. Seine Tochter ist viereinhalb. Als Product Line Manager konnte er sich nicht völlig ausklinken und hatte deshalb zwei Monate Teilelternzeit gewählt. Die Omas sprangen ein, wenn er im Unternehmen war. Seine Frau absolvierte in dieser Zeit ihr Berufspraktikum. Vollzeit. Danach arbeitete sie Teilzeit 20 Stunden. Jetzt ist das zweite Kind ein halbes Jahr alt und seine Partnerin ganztags zu Hause.
Auch Florian, 37, hat zwei Kinder. Bei seiner Tochter, die dreieinhalb Jahre ist, nahm er wie Christian Teilelternzeit. Ein Tag im Unternehmen, den Rest zu Hause. Zwei Monate lang. Bei seinem drei Monate alten Sohn sollen es vier werden. Seine Frau will ab dem elften Monat wieder 80 % arbeiten.

Weg von verstaubten Rollenbildern

Die vier sind sich einig. Emotionale Nähe zu ihren Kindern in einer Intensität, die sie bisher nicht erlebt hatten. Das war das Beste an der Elternzeit. Das ist neu für Männer. Christian erzählt von seinem Vater, dem es schwerfällt, seine Enkeltochter zu trösten. Weil Gefühle zeigen unmännlich ist. So steht es schon im Kultbuch Die gute Ehe, das in den 50ern und 60ern allen Neuvermählten in die Hand gedrückt wurde. Um verstaubte Rollenbilder zu zementieren. Richtige, souveräne Männer, Mittelpunkt der Welt und Entscheider für alle Belange. Richtige Frauen, häuslich, hübsch frisiert und verständnis- voll ihren schwer arbeitenden Männern gegenüber. Bonanza lässt grüßen. Wir lachen herzlich.

Ist eine eindeutige Rollenzuteilung nicht von Vorteil? Klare Zuständigkeiten verhindern Kampfzonen! Aufteilung ja, aber unabhängig vom Geschlecht, fordert Christian. Das Kriterium, wer was macht, ist, wer was gut kann. Die eine kocht, der andere wäscht. Oder umgekehrt. Wenn beide in der gleichen Sache gut oder schlecht sind, erschwert das zwar die Aufteilung – aber zum Glück kommt das nicht so oft vor. Na gut. Putzen ist vielleicht so ein Fall.
Die Rollen nur umzudrehen ist nicht die richtige Lösung, findet auch Florian. Er befürwortet eine 50/50-Regelung wie das bei der ganz frisch lancierten Familienarbeitszeit angedacht ist. Eltern mit Kindern im Alter von ein bis drei Jahren sollen einen finanziellen Ausgleich zu ihrem Nettoeinkommen erhalten, wenn beide Teilzeit arbeiten. Teilzeit meint 80 % Vollzeit. Noch ist das Ganze nur eine Idee, eine trockene Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Da meist finanzielle Gründe entscheiden, wer Teilzeit, im Minijob oder gar nicht erwerbstätig ist, klingt die Idee ausgesprochen sexy.

Fachkräftemangel fordert und fördert schnelle Rückkehr

In Zeiten des Fachkräftemangels hätten auch Unternehmen von der schnellen Rückkehr einen Vorteil. Da erscheint die Herdprämie so verstaubt wie „Die gute Ehe“. Sie unterstützt, dass einer zu Hause bleibt. Was meist eine ist.
Schnelle Rückkehr leuchtet ein, doch profitieren Firmen von der Elternzeit der Väter? Familienarbeit fördert soziale und emotionale Kompetenzen. Soft Skills. Von einigen unverbesserlichen Patriarchen immer noch als minderwertiger, unmännlicher Weiberkram belächelt. Softie Skills. Wie Softdrinks statt Laphroaig. Leider gibt es noch zu viele von ihnen. Die lauten, polternden und die akademisch hämischen. Wie in dem Betrieb, in dem Gunter vorher gearbeitet hat. Alphamännchen erkennen keinen Mangel, wenn Soft Skills fehlen.

Familiäre Herausforderung lässt reifen

Ein Jammer für die Männchen, sagen die vier. Sie verpassen ihre Chance, mit den familiären Herausforderungen zu reifen, an Persönlichkeit zu gewinnen. Die Personalerin Susanne Schade weiß das sehr wohl zu schätzen. Sie erwartet, dass die Männer in Elternzeit gehen. Das macht das Unternehmen sympathisch. Familienfreundlichkeit schafft ein angenehmes, offenes Betriebsklima. Ein wichtiges Kriterium für freies Denken, dem Humus für Innovationen. Und für die Neurekrutierung von Mitarbeiter_innen, von begehrten High Potentials. Wenn diese Investition sich auch nicht sofort in pekuniärem Erfolg messen lässt, wie Susanne Schade zu bedenken gibt.
Privat vor Katastrophe, bringt Gunter die Sache auf den Punkt. Wer glücklich ist, weil er in seinem Privatleben Erfüllung findet, leistet mehr. Gunter, Vertreter der Generation Y, will nicht leben, um zu arbeiten. Sondern arbeiten, um zu leben. Wenn Führungspositionen in Teilzeit nicht möglich sind, hat er kein Interesse daran.
Wir fragen Susanne Schade, ob sie sich bei Heliocentris Führungspositionen in Teilzeit vorstellen kann. Ja, sagt sie, gerade Manager sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Viele Männer halten Teilzeit immer noch für den Karrierekiller per se. Und für viele Frauen ist es der Karrierekiller. Zehn, zwölf Stunden hehres Tagesarbeitspensum als Voraussetzung, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern – das verträgt sich mit keinem Familienleben, weder für Männer noch für Frauen.

Die Teilzeitfalle

Teilzeit als Teufelskreis. Einerseits stoppt sie Karrieren. Andererseits ist sie notwendig, um Vätern und Müttern zu ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Statt Teilzeitjobs zu verteufeln, sollten die Unternehmen Karriere in Teilzeit ermöglichen. Die Familienphase als Schadensfall für das Unternehmen zu sehen, zeugt von extremer Kurzsichtigkeit. Der schräge Blick bei der Einstellung – Wann wird die schwanger? – ist immer noch Brauch. Den schrägen Blick teilt Susanne Schade nicht. Sie stellt bei Heliocentris bei gleicher Qualifikation bevorzugt Frauen ein. Auch darin unterscheidet sich das Unternehmen von anderen.

Alphamännchen versus neue Väter

Zurück zu den Alphamännchen. Sie finden Familienmänner im Job nicht begehrenswert. Wie ist das mit den Frauen – hat sich deren Beuteschema geändert? Nach außen, sagt Christian, stehen sie nach wie vor auf Männer, die zielstrebig sind, Stärke ausstrahlen. In der Familie verwischt sich das allmählich, wovon sowohl Männer als auch Frauen profitieren.

Die neuen Väter – sie stehen dazwischen. Zwischen dem, was sein könnte, und dem, was war. Sie haben in den zwei Monaten Elternzeit erkannt, was sie versäumen, was sich nicht in Geld auszahlen lässt, was ihre Väter sich versagt haben. Noch stehen finanzielle Gründe einer längeren Elternzeit im Weg. Und der Irrglaube, dass Karriere und Teilzeit unvereinbar sind. Das zu ändern kommt auch den Frauen zugute. Teilzeit darf nicht mehr Karrierekiller und dadurch Renten-Minimierer sein. Zuversichtlich verlasse ich unser Forschungsobjekt. Väter, die Elternzeit nehmen, Personalverantwortliche wie Susanne Schade, Unternehmen wie Heliocentris verändern die Welt auf nachhaltige Weise. Ihre eigene, die der Familie und die im Unternehmen.

Bildnachweis: fotolia – Tran-Photography; Heliocentris