Sigrid Bischof

Was bei einer familienbewussten Führung zu beachten ist und woran man eine familienbewusste Führung erkennt, verrät Sigrid Bischof, Auditiorin des Audits berufundfamilie. 

Frau Bischof, Sie unterscheiden zwischen „familienfreundlich“ und „familienbewusst“. Was genau ist der Unterschied?

Es ist ein kleiner, aber sehr entscheidender Unterschied. Wer familienbewusst ist, ist sich des Nutzens klar. Für familienbewusste Führung bedeutet dies, dass sich die Führungskraft im Klaren darüber ist, dass ihr Führungsstil sowohl einen Nutzen für den Arbeitnehmer/die Arbeitnehmerin als auch für das Unternehmen hat. Wer familienfreundlich führt, hat oftmals den Nutzen für den Arbeitgeber noch nicht erkannt und erwartet Dankbarkeit. Die gibt es bekanntlich aber nur selten. Unmut ist vorprogrammiert.

Was sind die besonderen Herausforderungen an eine familienbewusste Führung?

Bisher bedeutete „führen“: Chef/in führt Mitarbeiter/in. Seit man Führung unter einem systemischen Blickwinkel sieht, weiß man dass alle Beteiligten immer von allen Entscheidungen betroffen und die Reaktionen kaum vorhersehbar sind. Die Herausforderung ist es daher, das Team als Ganzes im Rahmen seines Kontextes zu führen. Für die familienbewusste Führung bedeutet dies: Lösungen, die für eine Person gefunden wurden, müssen vom gesamten Team mitgetragen und im Unternehmen akzeptiert werden. Darüber hinaus müssen die Führungskräfte lernen, zu abstrahieren – also das eigene Lebensmodell nicht auf die Mitarbeiter zu übertragen, sondern alle Lebensentwürfe zu akzeptieren.

Eine weitere Herausforderung für einige Führungskräfte ist, dass sie sich ihren Mitarbeitern gegenüber öffnen müssen. Nur wenn die eigenen Mitarbeiter ihre Führungskraft als Menschen erkennen, werden sie offen mit den eigenen familiären Herausforderungen umgehen.

Und last but not least: Die Führungskraft sollte offen dafür sein, neue Lösungen zu finden.

Welche Grenzen sind ihr gesetzt?

Es gibt wirtschaftliche und arbeitsorganisatorische Grenzen. Jeder Job benötigt eine gewisse Rüstzeit. Es gibt Aufgaben, die einfach ihre Zeit brauchen, da der tägliche Wissensaufbau oder Austausch schon ein bis zwei Stunden pro Tag ausmacht. Ein paar Stunden benötigt der Mitarbeitende außerdem, um die Qualifikation zu erhalten. Auf Dauer müssen Sie jedoch auf eine Mindeststundenzahl kommen; diese liegt häufig auch unter einem Vollzeit-Engagement.

Manche Abteilungen können zudem nur eine begrenzte Zahl an Teilzeitkräften verkraften, wenn sie wirtschaftlich bleiben wollen.

An arbeitsorganisatorische Grenzen kommt man, wenn der persönliche Kontakt zum Kunden so wichtig ist, dass nicht – beziehungsweise nur begrenzt – im Homeoffice gearbeitet werden kann. Manchmal sind aber auch einfach nicht ausreichend Schreibtische für alle Teilzeitkräfte vorhanden, und der Aufwand, das zu organisieren und z.B. weitere Räume anzumieten, steht oftmals nicht im Verhältnis zum Nutzen.

Wie können Führungskräfte für die familienbewusste Führung befähigt werden?

Ganz wichtig: Die oberste Führungsebene muss hinter dem Familienbewusstsein stehen. Sie muss ihren Führungskräften signalisieren, dass sie familienbewusst führen sollen. Wichtig ist aber auch der Austausch der Führungskräfte untereinander. Sie müssen die Chance erhalten, ihre Widerstände auf den Tisch zu bringen und untereinander das pro und contra des familienbewussten Führens auszutauschen.

Das Audit berufundfamilie bietet dazu eine ganze Reihe von Workshops, wie z.B. „Familienbewusst Führen zwischen Anspruch und Realität“ oder „Führen im flexiblen Umfeld“ (siehe: berufundfamilie Akademie). Selbstverständlich gibt es nicht immer die eine Lösung, die allen Seiten optimale Bedingungen bietet.

Welchen Einfluss hat die Unternehmensstruktur auf familienbewusste Führung?

In einer projektgesteuerten Matrixorganisation müssen sich die Führungskräfte untereinander einig darüber sein, wie die Arbeit des jeweiligen Arbeitnehmenden gestaltet wird. Die Aufgabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist es, verbindliche Regeln zu schaffen. Sie müssen klar kommunizieren, wann sie erreichbar sind und eine hohe Verlässlichkeit bieten.

 

Daran erkennen Sie eine familienfreundliche Führungskraft

  • Familienfreundlichkeit wird offen kommuniziert/ist ein Thema.
  • Die Führungskraft kennt die familienbewussten Maßnahmen im Unternehmen.
  • Die Führungskraft interessiert sich auch für die persönlichen Belange der Arbeitnehmenden. Sie ist als privater Mensch erkennbar.
  • Die Arbeitnehmenden werden auch unter besonderen Arbeitsbedingungen als Leistungsträger geschätzt; sie sind nicht Bittsteller, sondern die Führungskraft erkennt den Nutzen familienbewussten Führens auch für sich und die Abteilung.
  • Nicht die einzelnen Personen werden geführt, sondern das Team wird als Einheit im Kontext des Unternehmens erkannt.
  • Entscheidungen werden befristet und nach einer angemessenen Zeit mit dem Team besprochen und bei Bedarf revidiert oder angeglichen.
  • Es werden verbindliche Regeln vereinbart.
  • Entscheidungen werden transparent kommuniziert.
  • Die Führungskraft geht auf die Mitarbeiter mit familiärer Verantwortung zu. Zum Beispiel bespricht sie schon zu Beginn der Schwangerschaft Themen wie Mutterschutz, Elternzeit, Kontakthalten und möglicher Wiedereintritt.
    Auch die Pflege von Angehörigen wird thematisiert.