Ildikó von Kürthy

Mutter, Autorin, Ehefrau. Wir wollen mehr über ihre Gedanken zum Thema Beruf und Familie erfahren und treffen sie in einem Eckcafé in Hamburg.

Ildikó von Kürthy ist freie Journalistin und Bestsellerautorin und lebt mit Mann und zwei Söhnen in Hamburg. Im August 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Sachbuch. In „Unter dem Herzen“ erzählt sie freimütig und mit viel Witz und Humor von den Hochs und den Tiefs der Schwangerschaft, der Geburtsvorbereitung und den ersten zwölf Monaten des Mutterseins. 

Basiert „Unter dem Herzen“ auf einem Tagebuch Ihrer ersten Schwangerschaft?

Das Buch ist ein Best und Worst of von beiden. Die erste Schwangerschaft hatte ich schon mit einer Kolumne in der Zeitschrift „Eltern“ begleitet. Bei dem zweiten Kind habe ich Notizen gemacht - schon im Hinblick darauf, dieses einzigartige Abenteuer, das so viele erleben, in einem Buch aufzuschreiben.

Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit – das ist alles sehr persönlich. Wie haben Sie entschieden, was ins Buch kommt und was nicht?

Alles, was im Buch steht, stimmt. Es enthält jedoch nichts, was ich selbst als entblößend oder entwürdigend empfinde. Und einige Geheimnisse, da können Sie unbesorgt sein, habe ich auch für mich behalten. Meine Söhne können dieses Buch später ohne Sorge lesen. Mein Mann hat es natürlich vor dem Erscheinen redigiert. Das ist schon alles wohl überlegt. Es ist einerseits ein sehr intimes Thema, aber andererseits verläufen ja die Schwangerschaft und das erste Jahr mit Kind bei vielen ähnlich.

Man spürt in den ersten Kapiteln das Gewaltige, das Berauschende der Schwangerschaft. Würden Sie sagen, ein Kind zu bekommen, ist, wie den Mount Everest zu besteigen?

Das Buch ist ein Abenteuerroman, ein Expeditionsbericht. Wie ohne Sauerstoff über einen hohen Berg steigen. Man weiß nicht, was kommt, wie das Kind sich entfaltet und sich entwickelt. Es kann ja auch schief gehen. Manchmal schaue ich mir meine schlafenden, dann ja immer engelsgleichen Söhne an und denke an völlig gescheiterte Existenzen, die auch so in ihren Bettchen gelegen haben und von ihren Mamas geliebt wurden. Was wird aus unseren Kindern? Das ist letztlich dann doch unwägbar.

Aber das Schreiben haben Sie nie sein lassen.

Wenn man selbständig ist, kann man sich die Zeit sehr gut einteilen. In der ersten Zeit schlief mein Kind viel. Da habe ich geschrieben. Ein Jahr habe ich mich sehr nach dem Kindesrhythmus gerichtet und dann gingen beide in die Kita. Ich lebe in einer sehr privilegierten Situation, zumal mein Mann ja auch selbstständig ist Wir stimmen uns täglich ab. Er holt die Kinder heute ab, weil ich nachmittags noch einen Termin habe. Dann ist er zwei Tage in Paris zum Handke-Interview. Davor war ich eine Woche alleine in Urlaub mit Freundinnen. Das ist schon super, wenn man sich das Leben mit Kindern wirklich teilt.

Die Väter wollen ja generell mehr teilhaben an ihren Kindern.

Das Wollen ist das eine, aber die Möglichkeit dazu zu bekommen, das steht auf einem anderen Blatt. Leider ist es immer noch so, dass unsere Arbeitsgesellschaft zugeschnitten ist auf einen alleinstehenden Mann. Noch nicht mal auf Väter, sondern auf Menschen, die eigentlich nichts außer Arbeit haben.

Welche Rolle spielt Ihr Beruf in Ihrem Leben?

Ich mache keinen Unterschied zwischen Beruf und Privatem. Das größte Glück im Leben ist, das zu tun, womit man die Zeit vergisst. Das ist für mich mein Beruf. Ich weiß, dass das ein ungeheures Privileg ist. Aber manche Menschen gehen auch falsch heran ans Arbeitsleben. Viele fragen sich: Was bringt Erfolg? Wo wird es in vier Jahren die wenigsten Studienabgänger geben? Mir ist es völlig egal, was meine Söhne später mal werden. Ob die Krankenpfleger werden, Chefarzt oder Biobauer. Hauptsache, sie leben in Einklang mit ihren Leidenschaften.

Wenige Wochen nach der Geburt hatten Sie ein Treffen mit den Chefredakteuren der „Brigitte“. Ihr Sohn hatte Ihnen leider sein Bäuerchen auf den Kragen gemacht und Sie begrüßten Ihre Chefs mit den Worten: „Entschuldigt bitte, ich rieche nach Kotze.“ Wie haben Sie das bei öffentlichen Auftritten gemacht? Gab es da ähnliche Situationen?

Ich war in der Sendung bei Markus Lanz und hatte mein vier Monate altes Kind dabei und eine Freundin, die es betreuen sollte. Die Absprache war: Wenn Kind schreit, Mutter raus. Und zwar sofort. Ich wurde dann tatsächlich aus der laufenden Sendung rausgerufen. Das war ungewöhnlich, denn ich hatte schon ein paar Auftritte in anderen Shows gehabt, die der Kleine immer verschlafen hatte. Als ich vor den Kameras rausrannte, war meine Freundin völlig genervt. Mein Sohn hatte schon ziemlich lange geschrien, aber die Redakteurin der Sendung hatte gesagt, dass sie mich nicht rausholen könne, weil die Sendung gerade so gut laufen würde. Das stimmte nicht einmal, das war eine ganz lahmarschige Sendung. Und zweitens war das nicht der Deal. Da war ich ziemlich angepisst.

Und nach dem Stillen ging es ganz normal weiter?

Nach dem Stillen bin ich wieder reingegangen. Dass ich rausgerufen wurde, war das Interessanteste an der ganzen Sendung. Es waren fast nur langweilige Gäste da. Ich war auch sehr langweilig und das Lustigste war tatsächlich, wie ich mit wehenden Rockschößen rauslief, um mein Kind zu retten.

Die Mütter kommen in ihrem Buch nicht durchweg positiv weg. Wie ist das jetzt, wenn Sie auf den Spielplatz kommen oder in die Kita. Gibt es irgendwelche Reaktionen?

Die, die mich kennen, die schätzen mich auch. Ich umgebe mich nicht mit Leuten, die mich nicht mögen. Neulich bekam ich einen Leserbrief einer Vollzeitmutter die mir schrieb, dass ich die Quittung dafür, dass ich meine erzieherische Verantwortung an eine Kita abgebe, in 20 Jahren bekommen würde.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe ihr geschrieben, dass ich eigentlich auf Leserbriefe sehr gewissenhaft antworte, auch auf Kritik, dass ich es in diesem Fall aber nicht machen möchte. Weil ich Ihre Spekulation als übergriffig empfinde und das genau die fiese Art ist, mit der Mütter einander das Leben schwer machen. Damit möchte ich nichts zu tun haben, nicht mal in einem Leserbrief.

Was halten Sie von Müttern generell?

Mütter finde ich nach wie vor seltsam bis schrecklich, sonderbar und wundervoll. Wie andere Menschen auch. Je nachdem, wie sie einem begegnen. Es ist nur so verwunderlich für mich, dass ich ein schlechtes Gewissen gegenüber denen bekomme, die ihr Kind nach zwei bis drei Stunden aus der Kita holen. Weil es zuhause essen und dann den Nachmittag artgerecht von Mama betreut, bespielt und musiziert werden soll.

Das schlechte Gewissen hält sich auch nach sechs Mutterjahren hartnäckig?

Ich weiß nicht, wann und ob das jemals besser wird. Meine Söhne sind nachmittags bereits ganz gut beschäftigt: Fußball, Karate, Musikgarten. Und trotzdem werde ich unruhig, wenn ich höre, dass eine Mutter auf Chor und Tennis schwört. Boing, schon habe ich das schlechte Gewissen. Dann gibt es Experten, die sagen, man solle seine Kinder komplett mit so was in Ruhe lassen. Sehr beunruhigend ist das. Neulich saß ich in einer Talkshow neben Richard David Precht. Der sagte etwas ganz Interessantes. „Kreativität entsteht aus Mangel.“ Dann schaute er in die Runde und meinte: „Aus Euren Kindern, die überfrüh gefördert sind, deren Spielzeugregale überquillen, wird nichts!“ Das ist natürlich auch provokanter Quatsch. Aber ich antwortete darauf, ich könne diese Talkshow nicht weitermachen. Ich müsse sofort nach Hause rennen und das Spielzimmer ausräumen. Ich bin da angreifbar von allen Seiten.

Aber grundsätzlich ist doch einiges in Bewegung. Werden die traditionellen Rollenmuster aufbrechen?

Das alles ist Teil einer generellen und positiven Entwicklung. Dazu gehört in den Anfängen immer Verunsicherung, und letztlich auch Aggression. Das ist wie bei der Emanzipation. Das ging auch langsam. Schritt für Schritt. Zur Erlangung von Freiheit gehören immer Angst und die Sehnsucht nach Vorbildern, die es noch nicht gibt.

Was sollte sich in Deutschland in punkto Vereinbarkeit noch ändern?

Arbeiten in der Familie, Familie in der Arbeit. Die Trennung sollte mehr aufgehoben werden. Arbeitgeber müssten beim Einstellungsgespräch auch bei einem Mann damit rechnen, dass der drei Jahre weg sein kann, um sich um die Kinder zu kümmern. Und das sollte nicht als Bedrohung empfunden werden, sondern als selbstverständlich. Ein langer Weg.

Und die Mütter, sollten noch mehr Frauen frühzeitig den Wiedereinstieg wagen?

Für immer zu Hause zu bleiben, halte ich, ob mit oder ohne Kinder, für ein fragwürdiges Lebenskonzept. Ich finde Unabhängigkeit wichtig. Andererseits, wenn es sich harmonisch fügt und jemand, Mann oder Frau, sagt: Ich möchte nichts anderes, das ist meine Berufung, dann sollte auch diese Entscheidung möglich sein. Es wird ja immer als großes Privileg dargestellt, dass den Männern die Arbeitswelt gehört. Aber eigentlich, wenn man mal ehrlich ist – stellen Sie sich vor, Sie arbeiten acht Stunden am Tag als Müllkipper und fahren an einem Müttercafé vorbei, wo die Mamas schuckelnd sitzen und ihren dritten Milchkaffee trinken. Da wundert es mich manchmal, dass nicht mehr Männern fordern: Das möchte ich auch! Geh Du arbeiten, ich möchte mein Kind aufwachsen sehen! Männer sind Väter. Je mehr die darauf pochen, desto mehr werden sich Arbeitgeber auf Eltern einstellen müssen.

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