Das Gehirn in der Pubertät

Matthias Jung ist "Deutschlands lustigster Jugend-Experte". Für LOB erklärt er anschaulich, wie sich das Gehirn eines Jugendlichen entwickelt.

Wie jedes andere Organ ist auch das Gehirn im Wachstum begriffen und kommt als Bausatz auf die Welt, nicht als Fertigmodell. Im Mutterleib werden die grundlegenden Strukturen und Verknüpfungen angelegt, die dann später, im Laufe des Lebens, mit Inhalten und Querverbindungen gefüllt werden. Was heißt: Auch Sie waren mal ein leerer Schwamm, der sich erst über die Jahre mit Wissen, Empfindungen, Erinnerungen und allem möglichen anderen Quatsch vollgesogen hat, der einem immer in den unpassendsten Momenten einfällt, aber nie dann, wenn man ihn wirklich braucht.

Früher dachte man, dass das Gehirn nach zwölf Jahren fertig sei. Die Wissenschaft nennt diese (irrige) Annahme das Berliner Flughafen-Symptom. Heute wissen wir, dass die Annahme, das Gehirn wäre irgendwann einmal fertig, vollkommen falsch ist. Vor allem nach zwölf Jahren nicht – denn da fangen die Arbeiten erst so richtig an. Eben genau wie beim Berliner Flughafen.

Doch was passiert nun also bei diesen Umbauarbeiten? Alte Nervenverbindungen werden gekappt, einige andere, die wichtig sind, bleiben bestehen. Das ist wirklich so, auch wenn es manchmal wirkt, als würden Kinder, die in die Pubertät kommen, erst einmal allesverlernen. Immerhin: Es kommen auch neue Nervenverbindungen dazu. Wenn das keine Hoffnung macht …

Zwei zentrale Orte im Gehirn sind beim Umbau von Bedeutung: In der Mitte findet sich das sogenannte Limbische System, das für die Verarbeitung von Emotionen und das Triebverhalten verantwortlich und der älteste Teil im Gehirn ist. Außerdem wird vermutet, dass sich im Limbischen System der Intellekt versteckt. Was irgendwie erklärt, warum die meisten Jugendlichen in der Pubertät zu hirnlosen Zombies werden. Zumindest in den Augen einiger Eltern.

Dass das Limbische System während der Pubertät renoviert wird, merkt man zum Beispiel an den zum Teil sehr heftigen emotionalen Überreaktionen von Teenies. Vor Kurzem war ich mit Benedikt, unserem Nachbarsjungen, im Kino. Er hatte die 3-D-Brille auf und rief: „Diese Farben! Diese Effekte! Ist ja der Hammer. Voll krass, Mann!“ Und ich sagte zu ihm: „Benedikt. Wir sind noch im Parkhaus.“

Der andere große Ort, an dem Umbaumaßnahmen stattfinden, ist das Frontalhirn, das im präfrontalen Cortex beheimatet ist. Das Frontalhirn (auch der Frontallappen genannt, obwohl man noch niemanden dabei beobachtet hat, wie er mit ihm putzt) ist für die Ratio, also die Vernunft und das logische Denken zuständig und befindet sich, wie der Name schon sagt, frontal, also hinter der Stirn. Das Problem bei den Bauarbeiten, die in der Pubertät vonstattengehen, ist, dass sie von hinten nach vorn passieren. Alles, was im Frontallappen stattfindet, kommt also leider ganz am Schluss. Das ist der Grund, warum Teenies nicht geplant handeln, sondern die meiste Zeit des Tages verplant sind. Verpeilt, vergesslich, schusselig …

Vor Kurzem kam eine Zuschauerin nach der Show auf mich zu und erzählte mir von ihrem Sohn. Der sei auch so furchtbar verplant. „Neulich kam er an einem Sonntagmorgen die Treppe runter und hatte Angst, er käme zu spät zur Schule. Aber es war ja Sonntag.“ Ich fragte sie: „Und, was haben Sie Ihrem Sohn gesagt?“ Sie lächelte. „Das einzig Richtige. ‚Lauf, der Bus kommt!‘“

Eine andere Mutter berichtete mir von einer alten Einladung zu einem Elternabend, die sie im Rucksack ihres Sohnes entdeckt habe. Ich fragte sie: „Und, konnten Sie noch dran teilnehmen?“ Und sie antwortete: „Nein, mein Sohn hat letztes Jahr Abi gemacht.“

Geschichten wie diese hört man immer wieder, wenn man sich mit Eltern von Teenies unterhält. Jugendliche sind sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Sie denken nicht weiter, als sie spucken können, planen nicht, sondern leben nur im Moment. Deswegen werden Pizzen gern im Ofen vergessen, müffelnde Sportsachen im Turnbeutel, und dass es in der letzten Mathearbeit eine Fünf gab, na ja, wer kann schon an sowas denken?

Natürlich ist es nicht so, dass Jugendliche allesvergessen. Wenn ihnen etwas wichtig ist, sind sie durchaus in der Lage, sich richtig dafür reinzuhängen. Benedikt meinte mal: „Kevin hat ein iPad. Ich will auch eines.“ Daraufhin sagte ich den Satz, den ich schon bei meinen Eltern ganz schlimm fand: „Aber wenn Kevin von der Brücke springt, machst du das doch auch nicht.“ Und Benedikt sagte: „Nee, dann bekomm ich ja sein iPad.“

Wenn man umgekehrt vom Teenie etwas möchte, hat man meistens das Nachsehen. Sagt ein Teenie „Ich komme gleich!“, heißt das, er kommt nie. Sagt er „Ich komme sofort!“, darf man frühestens in zwei Stunden mit ihm rechnen. Nur wenn man ruft „Nina/Stefan, dein Freund/deine Freundin ist da, und dein Vater stellt ihm/ihr peinliche Fragen!“, kommen die Jugendlichen pfeilschnell aus dem Obergeschoss oder der Kellerwohnung geschossen. Es ist ein perfekter Code, den Sie sich unbedingt merken sollten.

Halten wir fest: Alle Entscheidungen, die in der Pubertät getroffen werden, sind sogenannte Bauchentscheidungen und finden unter dem Einfluss der Gefühle statt. Kopfentscheidungen, logische Überlegungen und Vernunft können das Handeln noch gar nicht beeinflussen, weil der Frontallappen noch nicht fertiggestellt ist. Ein bisschen ist das wie der Tower beim Berliner Flughafen. Wenn der nicht besetzt ist, können in Terminal 1 und 2 so viele Fluggäste sitzen, wie sie wollen – es läuft trotzdem nichts!

Matthias JungÜber den Autor

Matthias Jung Generation Teenitus

Matthias Jung ist "Deutschlands lustigster Jugend-Experte". Als diplomierter Pädagoge coacht er Jugendliche an Schulen und schreibt momentan an seinem ersten Ratgeber, als Comedian tourt er mit seinem Programm "Generation Teenietus" (auch als CD erschienen) durch die Theater des Landes. Ob im Spaß oder Ernst, immer dreht es sich um sein Herzensthema: Teenager und die berüchtigte Pubertät! Mehr Informationen und Tourdaten unter www.jungmatthias.de

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