Ohne schlechtes Gewissen

Ob beruflich oder privat - Als Mutter einfach mal alleine wegfahren. Das geht! Auch ohne schlechtes Gewissen!

Ich sitze gemütlich am Frühstückstisch des Hotels, den Teller voller Leckerbissen, die ich mir am reich gedeckten Buffet holen kann. Ein Buch habe ich dabei, das einfach dem Zweck dient, mich zu unterhalten – leichte Kost. Mein Blick schweift über den herrlichen Garten mit Pool, in dem ich bereits ein Bad genommen habe, hin zum Horizont, wo ein schneebedeckter Gipfel die kanarische Idylle vervollkommnet. Da spüre ich es plötzlich, zunächst ganz leise: Eine wohl bekannte Mischung von schlechtem Gewissen und Zweifeln an der Berechtigung meines Wohlbefindens.

Weg mit dem schlechten Gewissen

Ich habe meine Familie eine ganze Woche „im Stich gelassen“, um an einem Europa-Seminar teilzunehmen. Meine Kinder sitzen schon in der Schule bzw. spielen im Kindergarten, während mein Mann vermutlich gerade tief durchatmet, weil er die erste Schicht hinter sich gebracht hat, bevor er zur Arbeit fährt. Die Kollegin übernimmt meinen Unterricht, sie gönnt mir die Auszeit. Anderen habe ich lieber nichts davon erzählt.

Weshalb bekomme ich dieses leichte Unbehagen nie, wenn ich mich in einer langatmigen Besprechung quäle oder meine Studenten an der Hochschule einfach keinen Elan entwickeln? Solange ich selbst die Arbeit als anstrengend erlebe, komme ich nie auf den Gedanken, dass ich meiner Familie ein Opfer abverlange mit meiner Abwesenheit oder, dass andere Frauen neidisch auf mich sein könnten. Dann fühle ich mich selbst eher bemitleidenswert. Kaum aber macht mir mein Beruf Spaß und ich genieße die Dienstreise, das Seminar im Ausland oder den Austausch mit interessanten Menschen, kommt dieses merkwürdige Gefühl.

Zu meinem Glück weiß ich inzwischen, wie die Geschichte weitergeht. Ich werde meinem schlechten Gewissen das Wort verbieten und die Freude am Augenblick, der ganz mir gehört, in vollen Zügen genießen! Denn von meinem Energiekonto, das sich eben auf diesem Seminar auffüllt, werden alle lange etwas haben: Meine Kinder - eine ausgeglichene Mutter, mein Mann - eine zufriedene Frau und meine Kollegen, die mich vertreten haben, eine Mitarbeiterin, die auch im Beruf gern ihr Bestes gibt. Und ich? Ich ertrage auch wieder die langweiligen Seiten meines Berufes. Denn ich weiß, dass auch die schönen wieder kommen werden.

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Vita
Felicitas Richter ist Coach, Beraterin und Autorin von "Schluss mit dem Spagat". Sie ist der Überzeugung: "Ruhe und Gelassenheit inmitten des Sturms findet man in der Konzentration auf das im Moment Wichtigste. Dies kann man lernen – um langfristig gesund und kraftvoll in Familie und Beruf sein Bestes geben zu können."
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