Erschöpfter Mann

Wie ging es Ihnen, als sie dieses Thema gesehen haben? Fühlten Sie sich herausgefordert, überfordert, verärgert?

Ich stelle mir vor, dass Sie, so wie ich zu den Menschen gehören, die gern und viel arbeiten und leben. Unsere Zeit ist eine Schatzkiste der Möglichkeiten, das Beste aus seinem Leben zu machen. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere geht so: „Wer es im Leben zu etwas bringen will, muss sich anstrengen“ Mit dieser Überzeugung sind die meisten von uns aufgewachsen. Und wissen Sie was? Der Satz stimmt sogar! Nicht Anstrengung ist das Problem, sondern Überanstrengung. Nicht Zielstrebigkeit, sondern falsche Ziele. In der besten Absicht, das Maximum aus unserem Leben herauszuholen, landen wir in der Anstrengungsfalle.

Herausforderungen anzunehmen ist wichtig für unsere persönliche Weiterentwicklung und für unseren Lebenserfolg. Doch wer ständig nur höher-schneller-weiter will, ist schnell verbraucht und einsam. Wir fühlen uns wohl, wenn wir auf die richtige Art und Weise gefordert sind. Und wenn wir uns wohl fühlen, leisten wir, was wir wollen und sollen – ganz ohne gestresst zu sein.

Wohlbefinden ist kein Luxus, sondern für ein gelungenes Leben so wichtig wie Anstrengung. Also: Strengen Sie sich bitte an – aber nur für das, wofür es sich lohnt! Setzen Sie Ihre Kräfte richtig ein. Und denken Sie täglich an Ihr Wohlbefinden. So erhalten Sie sich auf Dauer die Freude am Leben.

So verlieren wir Garantiert Wohlbefinden durch Überanstrengung:

Prinzip 1: Erst die Leistung dann das Wohlbefinden

Wir erlauben uns Selbstfürsorge dann, wenn wir einmal Zeit haben – wenn immer mehr erledigt ist. Übersehen wird dabei, dass Leistung, die auf Kosten von Wohlbefinden erbracht wird, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden kostet. Typische Symptome sind:

  • Die Lebensfreude geht im Privat- und Berufsleben verloren
  • Wir haben weniger Kraft und meinen, dies liege am älter werden
  • Es wird häufiger geschimpft als gelacht
  • Wir scheuen das Neue und verharren lieber in alten Gewohnheiten
  • Erholungsinvestitionen wie Sport oder Entspannung werden als zusätzliche Belastung erlebt

Prinzip 2: Das Maß ist voller als voll

Die Müdigkeit, Energielosigkeit und verlorene Lebensfreude, die immer mehr Menschen um die Lebensmitte oder bereits früher spüren, werden durch anhaltende Überforderung, Raubbau an unseren Ressourcen und nicht durch das älter werden an sich verursacht. Bei der Frage nach stressigen neuen Lebensumständen ist es ganz klar das „zu viel“, das uns unter die Haut geht und sich aus Aufgabenmenge und Parallelität der Aufgaben zusammensetzt. Dies ergaben meine eigenen Untersuchungen.

Prinzip 3: Wohlbefinden kommt von außen

Die neue Wohnung, die Gehaltserhöhung, der liebevolle Partner, die süße Katze, die angenehme Rückenmassage: Wofür tun wir das alles? Damit wir uns wohlfühlen. Am Ende geht es immer genau darum. Leider hält das Wohlbefinden, das von außen kommt, nur kurz an. Zum einen, weil wir dann schon wieder das nächste wollen und wieder loshetzen, zum anderen weil wir viel zu erschöpft zum Genießen sind und zum dritten, weil wir nicht bei uns bleiben und selbst gut für uns sorgen

Prinzip 4: Wohlbefinden muß verdient werden

Beim Verdienen gehen wir davon aus, dass wir erst etwas erfüllen müssen, etwas erreicht haben müssen, bevor wir etwas für uns tun dürfen. Beim klugen Investieren ist klar, dass nur, wenn es uns gut geht, wir die gewünschte Leistung bringen können. Verdienen wir uns eine Belohnung, dann ist der Gradmesser dafür meist durch andere und sei es kulturelle Normen bestimmt. Denen unterwerfen wir uns. Investieren wir, sind wir die bewussten Entscheider. In der Konsequenz folgen anderen Herangehensweisen andere Gefühle. Das Verdienen ist aufgrund des oft überhöhten und weniger beeinflussbaren Preises schnell unangenehm, das Investieren fällt eher in den Spaß machen Bereich. Also investieren Sie in Ihr Wohlbefinden und verdienen Sie es sich nicht erst.

Prinzip 5: Stress ist schick

Im Zentrum aller Erklärungsversuche zu negativem Stress steht ein Ungleichgewicht von Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten. Der negative Stress folgt der Bewertung einer Situation zum Beispiel als Überforderung, Einschränkung oder nicht handhabbar. Der Spitzenreiter unter den Antworten auf meine Umfrage „Was stresst bei der Arbeit am meisten“ ist: "Dass wir uns zu viele Gedanken machen!"

Der Unterschied zwischen nützlicher und schädlicher Anstrengung

Wie entsteht Wohlbefinden? An der Cardiff School of Health Science der Cardiff Metropolitan University unter der Leitung von Rachel Dodge wurde an einer neuen Definition von Wohlbefinden gearbeitet. Die Forscher stellen dabei die Herausforderungen und Möglichkeiten einer Person in den Mittelpunkt und verstehen Wohlbefinden als Prozess. Wenn Menschen auf neue Herausforderungen treffen, kommt ihr System von Ressourcen und Anforderungen aus der Balance. Der Mensch muss seine Ressourcen anpassen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Das Ergebnis eines Nutzungsprozesses aller eigenen Ressourcen für neue Anforderungen wird mit Wohlbefinden belohnt.

Fakt ist im Augenblick noch, dass wir uns bei der Arbeit zu viel und auf die falsche Weise anstrengen – und im Privatleben zu wenig auf die richtige. Wenn wir uns etwas über den gegenwärtigen Leistungsgrenzen fordern, erhalten wir alles, was wir uns wünschen: Leistungsfähigkeit, Erfolg, Wachstum, Wohlbefinden, Gesundheit, einen flexiblen Geist. Unser Gehirn ist gemacht für Lernen, Spielen, Herausforderungen, Lösungen. Ich definiere Anstrengung als nützlich oder schädlich: Bringt sie Freude, Wachstum, Lernen, Lösungen? Oder kostet sie Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Wohlbefinden.

Konkrete Beispiele für Ihren Start:

Zur positiven Anstrengung zähle ich: Zu Hause arbeiten und sich dafür schick anziehen. Nicht: Zu Hause arbeiten und mehrere Dinge gleichzeitig erledigen.

Zu Hause arbeiten und abends am Computer sitzen, kann positive Anstrengung sein, wenn tagsüber eine Pause gemacht wird und so ein Ausgleich erfolgt.

Schnell nach Hause zu kommen, um eher bei den Kindern zu sein, ist positive Anstrengung. Regelmäßig morgens zu spät aufzustehen und dann zum Bus hetzen, ist eine negative Anstrengung.

Wenn im Büro ein tolles Projekt zu stemmen ist, sind Überstunden positive Anstrengung. Wenn dies zur Regel wird – negative.

Wenn wir unseren Lieben jeden Sonntag mit Freude das Frühstück bereiten (und dabei bestimmen können, was es gibt) ist es positive. Wenn wir dies tun, um die schlechte Laune der anderen zu verbessern, weil wir es als unsere Pflicht ansehen oder weil es sonst keiner tut, ist dies negativ.

Wenn wir dem Chef bei einer neuen, nach unserer Erfahrung nicht umsetzbaren Idee nicht widersprechen und sie erst einmal testen, ist das positiv. Wenn wir dies aus Angst tun und die Konsequenzen stumm tragen, negativ.

Wenn wir auf einen tollen Urlaub sparen und uns deshalb einschränken, ist das positiv. Wenn wir uns alles verkneifen aus Angst, es reiche nicht für später, ist das negativ.

Wenn wir der Tochter mit Liebeskummer signalisieren, dass wir immer für sie da sind und gleichzeitig für unser Wohlbefinden sorgen, ist das positiv. Wenn wir seit Wochen keine Nacht schlafen, weil wir uns Sorgen über den Liebeskummer der Tochter machen oder jede Nacht mit ihr telefonieren, ist das negativ.

Wenn wir uns trotz Prüfungsangst überwinden, ein Weiterbildungsangebot der Firma für unser Fortkommen zu nutzen, ist das positiv, Wenn wir es machen, weil es alle machen und nicht auffallen wollen, negativ.

Sie können die Beispiele beliebig fortsetzen und haben jetzt ihr eigenes Barometer, woran Sie Ihren Einsatz messen können.

 

Über die Autorin:

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Expertin für Leistung UND Wohlbefinden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, wie der Spagat zwischen Lust auf Leistung und Erhalt der eigenen Ressourcen in der Welt von heute gelingen kann. Nach 15 Jahren in Führungspositionen der freien Wirtschaft ist sie heute erfolgreiche Referentin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin. Sie wurde vom Ministerium für Wirtschaft und Energie als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet. Dr. Ilona Bürgel liebt Schokolade und lebt und arbeitet in Dresden und Århus DK.

Warum immer mehr nicht immer richtig istGerade ist ihr neuestes Buch erschienen: Warum immer mehr nicht immer richtig ist erschienen im Kösel Verlag.
€ 16,99 [D] inkl. MwSt.
€ 17,50 [A] | CHF 22,90* (* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-466-34653-0