Kita-Wut

Die Enttäuschung war groß, als jüngst das neue Kita-Gesetz Niedersachsens beschlossen wurde und an die Öffentlichkeit geriet.

Vor dem Landtag versammelten sich Menschen, die mit Plakaten und Slogans wie ,,Kein Herz für Kitas" gegen die geringe Wertschätzung protestierten, die sie in der Neufassung sehen. Auch weiterhin soll es nicht flächendeckend einen dritten Erzieher bzw. eine dritte Erzieherin pro Gruppe geben. Was seit langer Zeit überfällig ist, wird somit auf unvorhersehbare Zeit hinausgeschoben.

Wo bleibt die Bildungsgerechtigkeit in unserem Land?

Sehen wir uns die Wahlprogramme der Parteien in den letzten Jahren und sogar Jahrzehnten genauer an, so spielt die Bildungsgerechtigkeit stets eine wichtige Rolle. Doch wo ist eben jene Bildungsgerechtigkeit in der Realität, wenn man bedenkt, dass ein solches Gesetz heute verabschiedet werden kann? Es ist heute hinlänglich bekannt, wie wichtig die individuelle Förderung für unsere Kinder ist und dass die Voraussetzungen, mit denen sie in die Kita kommen, sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. Doch wie soll individuelle Förderung gelingen, wenn der Betreuungsschlüssel nicht angehoben wird. Es ist Zeit, dass die Politik sich an die Realität der heterogenen Gesellschaft und der ebenso heterogenen Kinder gewöhnt und entsprechend reagiert. Nicht länger darf es sein, dass das eigene Versagen auf dem Rücken der Kinder und ihrer Eltern ausgetragen wird.

Ist uns die zuletzt so oft genannte Systemrelevanz etwas wert?

Im Zuge der Corona Krise haben wir den Begriff ,,Systemrelevanz" häufig gehört und immer wieder wurde auch öffentlich diskutiert, welche Personengruppen in diese Kategorie gehören. Da wurde geklatscht und immer wieder bekundet, dass es diese Berufsgruppen sind, die unsere Gesellschaft am Laufen halten und dafür sorgen, dass wir alle viele Privilegien genießen können. Zu diesen besonders wichtigen Gruppen unserer Gesellschaft gehören ganz sicher auch die Erzieherinnen und Erzieher. Doch wo bleibt nun die Wertschätzung der Politik, wenn es nicht mehr nur darum geht, Applaus zu spenden und Respekt zu bekunden, sondern ganz praktisch für Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu sorgen. Leider scheint es wieder einmal nicht weit her zu sein mit eben jenen Bekundungen, die man zu Beginn der Krise allenthalben vernehmen konnte. Für Kinder sowie die in der Kita beschäftigen Menschen wäre es ein großer Vorteil, durch einen besseren Betreuungsschlüssel profitieren zu können.

Versagen der Institutionen auf Kosten der Kinder und Erzieherinnen

Schon die Entscheidung an sich, auch weiterhin keine dritte Betreuungskraft in den Gruppen zu beschäftigen, kann für Verstimmung und Empörung bei den betroffenen Eltern und Erzieherinnen und Erziehern sorgen. Besonders absurd wird es jedoch, dass die Begründung lautet, man könne nicht so viele neue Erzieherinnen und Erzieher ausbilden, wie in den nächsten Jahren aus dem Beruf austreten werden. Die Verantwortung, den Beruf so attraktiv wie möglich zu gestalten, für eine angemessene Bezahlung zu sorgen und auch für gute Arbeitsbedingungen einzustehen, liegt auf Seiten der Politik und der Träger. Wird das Versäumnis nun als Grund dafür genommen, dass auch in Zukunft eben jene Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, so führt dies die Diskussion und das Bestreben nach Bildungsgerechtigkeit ad absurdum.

Inklusion in der Kita und ihre Grenzen

Eine große Aufgabe kommt auf alle Kitas zu, die mit dem Thema Inklusive konfrontiert sind. Ein großer Teil der Menschen in unserer Gesellschaft stimmt zu, dass es Kindern mit einem besonderen Förderbedarf möglich sein muss, in einer Kita mit anderen Kindern die großen Entwicklungsschritte zu gehen. Ebenso beinahe unbestritten ist es mittlerweile, dass beide Kindergruppen vom gemeinsamen Spielen und Lernen profitieren können. Die Aufgabe der Politik und der jeweiligen Träger ist es dabei, die Bedingungen zu schaffen, in denen die Förderung und die gelungene Inklusion möglich ist. Genau diese Bedingungen werden mit dem neuen Kita-Gesetz nun aber eben nicht geschaffen. Es ist also erneut so, dass Kitas vor eine Herausforderung gestellt werden, mit der man dann bei der Umsetzung alleingelassen wird.

Nur durch Protest können wir etwas bewegen

In einer Zeit, in der sich viele Menschen immer häufiger von der Politik mit ihren Sorgen und Nöten überhört und übersehen fühlen, ist es ein echter Hoffnungsschimmer, dass sich sofort Protest gegen das neue Gesetz formierte. Es ist der Weg, mit dem Bürgerinnen und Bürger sich gegen Gesetze und Bestimmungen wehren können, die die echte Situation vor Ort nicht angemessen in den Blick nehmen. Um ein solches Gesetz handelt es sich beim neuen Kita-Gesetz aus der Sicht zahlreicher Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher. Es muss ganz klar von den Menschen ein Signal gesandt werden, die unmittelbar von der Situation betroffen sind. Da die Kinder dies noch nicht leisten können und auch die Situation in ihrer Tiefe nicht durchblicken, liegt die Aufgabe bei den Eltern und Erzieherinnen und Erziehern.

Fazit: Gibt es noch Hoffnung für die Kita-Landschaft?

Am Ende kann es nicht nur an finanziellen Mitteln liegen, dass das neue Kita-Gesetz erneut nicht die Wertschätzung gegenüber den Kindern und Beschäftigten aufweist, die eigentlich notwendig und angebracht wäre. Stattdessen beobachten wir eine falsche Setzung von Prioritäten bei vielen Ausgaben der Länder und des Staates. Hoffnung besteht dann, wenn Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher weiterhin lautstark und offen ihren Unmut über die Bedingungen äußern. Weiterhin ist ein Umdenken auf Seiten der Politik gefragt, das sicherlich nur dann erreicht werden kann, wenn man das Thema immer wieder in die Mitte der Gesellschaft und auch in den Landtag bringt.

 

Foto von Yan Krukov von Pexels