Sebastian Kühn Digitale Nomaden

Was es bedeutet ganz ohne die Zwänge geregelter Arbeitszeiten und -orte zu leben, weiß Sebastian – digitaler Nomade mit Homebase in Shanghai.

Arbeiten außerhalb des klassischen Büros.

Wenn ich über den Rand meines Laptops aufschaue, sehe ich 30 weitere Menschen, die konzentriert arbeiten. Jeder für sich, aber irgendwie doch gemeinsam. Die meisten von ihnen, die in diesem Coworking Space sitzen, bezeichnen sich selbst als digitale Nomaden.

Als mich Nicole fragte, ob ich in einem Beitrag etwas über meinen Arbeitsalltag erzählen kann, habe ich mich diese Möglichkeit sehr gerne angenommen. Denn auch in einem Magazin für berufstätige Männer und Frauen sind alternative Arbeitsformen ganz sicher interessant.

Digitale Nomaden. Was ist das eigentlich?

Digitale Nomaden sind eine Gruppe von Selbständigen, die ihre Arbeit zu größten Teilen über das Internet verrichten. Einige reisen mit ihrem mobilem Büro, das im Grunde aus Laptop und Software-Komponenten besteht, ununterbrochen durch die Welt und arbeiten von unterwegs. Andere verbringen ihre Zeit eher im heimischen Home-Office. Ich selbst würde mich irgendwo dazwischen einordnen.

Die großen Vorteile dieser Art zu Arbeiten liegen auf der Hand: es braucht kein klassisches Büro, es gibt keine festen Arbeitszeiten und der Arbeitsort kann jederzeit flexibel bestimmt werden, solange es dort Internet gibt. Kommuniziert wird mit Kunden und virtuellen Mitarbeitern über Skype, Slack oder E-Mail.

Die großen Nachteile sind der fehlende Austausch mit Kollegen und die feste Struktur, die ein Bürojob hergibt. Es braucht also ein hohes Maß an Selbstdisziplin und es muss aktiv nach Gleichgesinnten gesucht werden. Genau dafür versuchen Coworking Spaces, Meetups vor Ort und Online Communities Abhilfe zu schaffen.

Wie sieht es mit dem Geld verdienen aus?

Die Art und Weise, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen, ist vielschichtig. Die Palette reicht von klassischen Freiberuflern (Übersetzer, Programmierer, Coaches, …) bis hin zu Unternehmern, die physische Waren oder digitale Produkte wie eBooks oder Softwarelösungen verkaufen.

Das große Ziel all dieser Geschäftsmodelle ist es, sich möglichst unabhängig von Ort und Zeit zu machen. Die direkte Leistungserbringung soll von der eigenen Person getrennt werden, das Einkommen also passiver Natur sein. Das gelingt, wenn die Auslieferung von Produkten sowie die Zahlungsabwicklung automatisiert wird.

Mit dem nomadischen Leben kommt in der Regel auch ein minimalistischer Lifestyle. Viele von uns reisen ausschließlich mit Handgepäck, haben wenig Besitztümer und verzichten auf langfristige Verträge oder andere finanzielle Verpflichtungen. Den meisten digitalen Nomaden geht es darum, Erfahrungen zu sammeln, anstatt Besitz, Geld und Verbindlichkeiten anzuhäufen.

Dank Geo-Arbitrage - Geld in einer starken Währung verdienen und in einem Land mit niedrigen Lebenshaltungskosten ausgeben - reicht in Südostasien oder Lateinamerika ein relativ niedriges Einkommen. Das ist besonders beim Einstieg in die digitale Selbständigkeit hilfreich, da die Ersparnisse an diesen Orten deutlich länger reichen und uns damit Zeit verschaffen.

Ein typischer Tag in meinem Leben

Einen typischen Tagesablauf gibt es eigentlich nicht. Genau das schätze ich derzeit so an meinem Leben - Abwechslung statt Monotonie. Es gibt Zeiten, in denen ich gemeinsam meiner Partnerin viel reise. Zu anderen Zeiten leben wir ein eher beschauliches Leben in Shanghai oder Berlin.

Was ich überall hin mitnehme, sind meine Morgenroutinen. Sie geben mir Halt und ebnen den Weg für einen produktiven Tag. Dazu gehören vor allem Sport und Lesen, bevor ich den Morgen damit beginne, meine wichtigsten To-Dos des Tages abzuarbeiten.

Nach ein paar produktiven Arbeitsstunden am Vormittag geht es meist in ein Café oder einen Coworking Space, in dem ich mich mit Freunden zum Arbeiten treffe. Ähnlich wie im Büro tauschen wir uns aus, gehen gemeinsam zum Mittagessen und unterstützen und gegenseitig. Nie in meinem Leben habe ich so viel gearbeitet, wie in den letzten 5 Jahren meiner Selbständigkeit, wobei es sich oft nicht nach Arbeit anfühlt. Einen Großteil meines Einkommens verdiene ich mit Dingen, die ich leidenschaftlich gern mache. Dazu gehört das Schreiben, das Vermitteln von Wissen in Workshops und Coachings oder das Betreiben einer Online Community.

Gelernt habe ich dennoch, wie wichtig ist es, auch mal Feierabend zu machen. Eine Gefahr, die die digitale Selbständigkeit mitbringt, ist die ständige Erreichbarkeit. Ein gutes Gleichgewicht zwischen Zeiten vor dem Bildschirm und Offline-Zeiten zu schaffen, ist etwas, an dem ich gerade arbeite.

Klingt alles super? Hier der Realitätscheck!

Über die Schattenseiten dieses Lifestyles wird selten gesprochen, aber natürlich gibt es sie. Das allergrößte Missverständnis ist wohl, dass Nomaden gleichzeitig reisen und arbeiten. Niemand, den ich kenne, schafft es alle 3 Tage den Ort zu wechseln und nebenbei aktiv Projekte voranzubringen. Die meisten von uns suchen sich einen Ort an dem sie mehrere Monate bleiben. Echtes Reisen und Arbeiten, das schaffen bzw. wollen nur die wenigsten.

Optimale Arbeitsbedingungen und -routinen sind bei regelmäßig wechselnden Orten einfach nicht möglich. Dazu kommen Zeitverschiebung, Eingewöhnung in Kultur und Sprache sowie das ständige Ein- und Auspacken. Produktives Arbeiten außerhalb des Wartungsmodus geht also nur, wenn es eine mehrwöchige Homebase gibt.

Essentiell ist natürlich das Internet, ohne das der digitale Nomade ganz schnell zum analogen Nomaden wird. Die unzuverlässigen und teilweise schlechten Verbindungen in Asien und Südamerika können schon ganz schön nerven. Etwas gegensteuern kann man hier über eine lokale SIM Karte mit Datenflat.

Dann gibt es die bürokratischen Hürden, denen man begegnet, sobald man länger im Ausland unterwegs ist. Das reicht von der Visumsbeantragung über die Krankenversicherung im Ausland bis hin zu Steuerfragen und der Abmeldung des Wohnsitzes aus Deutschland.

Also, alles andere als ein Kindergeburtstag. Aber wer die Freiheit liebt, der ist auch gewillt sich mit diesen nervigen Themen herumzuschlagen.

Wenn sich dieser Lifestyle für dich interessant anhört und du deine unternehmerische Seite ausleben möchtest, dann lade ich dich gern dazu ein, einmal auf Wireless Life vorbeizuschauen und eines der vielen lokalen Meetups für digitale Nomaden zu besuchen.

Über Sebastian

Sebastian ist ein 33-jähriger Blogger und Online Unternehmer, der seine Homebase seit 2012 in Shanghai hat. Auf seinem Blog Wireless Life schreibt er über den Aufbau eines Online Business und das Leben als digitaler Nomade. In der Wireless Life Community und während den Wireless Workations bietet er (angehenden) Online Unternehmern und Freiheitsliebenden eine Plattform zum Austausch, Netzwerken und gemeinsamen Lernen.

Bildnachweis: privat