Ausbildung in Teilzeit

Teilzeitarbeit ist weit verbreitet. Eine Ausbildung in Teilzeit eher unüblich. Doch sie lohnen sich: für Mütter, Väter, pflegende Angehörige und Unternehmen.

Ausbildung statt Aushilfsjob

Eine Ausbildung beginnen – und drei Kinder versorgen. Für Katharina Boljuch, die sich die meiste Zeit alleine um ihre Kinder kümmern musste, war das ein scheinbar unerfüllbarer Wunsch. Sie hatte jahrelang erst als Verpackerin und dann als Hauswirtschafterin gearbeitet. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau – in Teilzeit. Wie Katharina Boljuch ist auch Lisa Maier* Mutter und hat die Teilzeitausbildung für sich entdeckt. Zunächst hielt die Alleinerziehende sich und ihren kleinen Sohn mit sporadischen Aushilfsjobs in Bars über Wasser. Jetzt macht sie eine Teilzeitausbildung zur Fachinformatikerin für Systemintegration bei der Deutschen Telekom AG in Frankfurt. Ihre Bilanz im zweiten Ausbildungsjahr: „Es ist nicht leicht, aber ich bin motiviert und dankbar, dass ich das machen kann“, so die 23-Jährige. Insbesondere die Betreuung ihres Sohnes, bei der sie voll und ganz auf die Kita setzen muss, macht es ihr nicht immer leicht. Vor der Arbeit oder Berufsschule bringt sie ihn in die Kita, danach holt sie ihn dort wieder ab. Gut, dass sie feste Arbeitszeiten hat, die aber auch Raum für Flexibilität lassen. „Die Schule geht höchstens bis 15 Uhr. Wenn ich arbeiten muss, dann meist von 8 bis 15 Uhr. Ich arbeite 25 Stunden die Woche. Wann genau ich diese Stunden abarbeite, ist flexibel. Ich kann auch mal vorarbeiten und dann einen Tag zu Hause bleiben, wenn zum Beispiel die Kita geschlossen ist“, berichtet Lisa Maier.

„Mama, du musst zur Schule, ich mach dir Brot“

Trotz der verminderten Arbeitszeit würden sie sehr gut von den Azubikollegen, die in Vollzeit arbeiten, akzeptiert, finden sowohl Lisa Maier und als auch Katharina Boljuch. „Sie sehen, dass ich es nicht einfach habe. Dass ich, wenn ich zu Hause bin, nicht direkt mit dem Lernen anfangen oder mich erstmal ausruhen kann. Dass ich kein freies Wochenende habe, sie sich aber entspannen und Party machen können“, weiß Katharina Boljuch. Immerhin wird sie von den Großeltern der Kinder unterstützt. „Sie können immer einspringen. Opa wohnt sogar im selben Haus“, freut sich die 32-Jährige. Vor allem ihre elfjährige Tochter sei häufig bei Oma, ihr neunjähriger Sohn hat einen Hortplatz, der Jüngste einen Kindergartenplatz. Dass sie eine Ausbildung macht, finden ihre Kinder gut, besonders die Große. „‘Mama, ich freu mich, dass du auch mal Hausaufgaben machen musst‘, sagt meine Tochter dann schon mal. Und auch morgens gibt es mit ihr und den anderen Kindern keine Probleme beim Aufstehen. Sie ist immer sofort wach. Wenn ich dann zur Arbeit oder in die Berufsschule gehe, kommt schon mal: ‚Mama, du musst zur Schule, ich mach dir ein Brot.‘“, erzählt Katharina Boljuch schmunzelnd.

Staatliche Unterstützung beim Gehalt

Die Vereinbarkeit von Teilzeitausbildung mit Kindern oder der Pflege von Angehörigen ist nicht einfach. Viele Auszubildende stehen alleine da, ohne familiäre Unterstützung und finanzielle Absicherung. Hinzu kommt, dass eine Ausbildung in Teilzeit oftmals auch mit einem Teilzeitgehalt einhergeht. „Leider ist es üblich, das Gehalt entsprechend der verminderten Stundenzahl zu reduzieren. Da gibt es eine Gesetzeslücke, die gerne genutzt wird“, sagt Sibylle Hahn. Doch am Geld muss das Erlangen eines Ausbildungsabschlusses nicht scheitern. So können beispielsweise alle Auszubildenden mit eigenem Haushalt eine Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) erhalten, deren Höhe individuell, je nach Bedarf für Lebensunterhalt, Fahrtkosten und sonstigen Aufwendungen wie Kinderbetreuungskosten, berechnet wird und maximal 1.207 Euro betragen kann. Die BAB kann bei der Agentur für Arbeit beantragt werden.

„Was die Arbeitszeit angeht, gibt es sehr unterschiedliche Umsetzungen. Der Standard für eine Ausbildung in Teilzeit ist 75 Prozent der regulären Arbeitszeit eines Azubis. Die meisten reduzieren die tägliche Arbeitszeit, andere reduzieren die wöchentliche Arbeitszeit und arbeiten zum Beispiel nur vier Tage die Woche, aber diese voll. Die Berufsschule wird in vollem Umfang besucht“, erklärt Sibylle Hahn vom Netzwerk Teilzeitausbildung Baden-Württemberg. Auch die Ausbildungsdauer ist in aller Regel gleich lang wie bei Vollzeitazubis.

Qualifizierung für den Arbeitsmarkt

„In Deutschland ist es leider immer noch üblich, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes diejenigen sind, die erstmal daheim bleiben und sich um die Erziehung kümmern. Es gibt rund 330.000 Mütter ohne Ausbildung, die weder vor noch nach der Geburt eines Kindes die Chance hatten, das zu ändern“, merkt Sibylle Hahn an. Laut der Bundesagentur für Arbeit sind rund 92 Prozent der Teilzeitauszubildenden Frauen. Für Katharina Boljuch und Lisa Maier rückt eine Qualifizierung für den Arbeitsmarkt in greifbare Nähe. Katharina Boljuch möchte, wenn sie die Ausbildung abgeschlossen hat und der Jüngste in die Schule kommt, voll einsteigen. „Dann würde ich gern in Vollzeit arbeiten“, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Aber ich weiß nicht, ob es so kommt. Ich habe auch ein bisschen Angst, die Kinder zu vernachlässigen“, ergänzt sie. Auch Lisa Maier möchte nach der Ausbildung ihre frisch gewonnene Qualifikation nutzen. „Ich will entweder arbeiten oder sogar studieren, falls sich die Möglichkeit ergibt“, so die alleinerziehende Mutter, der neben ihrem Kind auch ein fester Stand im Berufsleben wichtig ist.

Mittel zur Fachkräftegewinnung

Dass das Modell der Ausbildung in Teilzeit funktioniert, hat sich sowohl bei der Deutschen Telekom, dem Gesamtverband der Arbeitgeber Osthessen und vielen anderen Arbeitgebern gezeigt. Sowohl die Mütter, Väter und pflegenden Angehörigen als auch die Unternehmen profitieren. „Früher hat man die Teilzeitausbildung eher unter dem Aspekt der Chancengleichheit gesehen. Heute sollte man auch den Aspekt der Fachkräftegewinnung beachten. Da ist so viel Potential, das sonst verschüttet bleibt“, meint Oliver Fischer vom Gesamtverband der Arbeitgeber Osthessen (AGV). Was Teilzeitazubis auszeichnet? „Sie sind dadurch, dass sie die Verantwortung für ihre Kinder oder zu pflegenden Angehörige tragen, häufig viel verantwortungsbewusster und reifer als reguläre Azubis“, erläutert Sibylle Hahn. Außerdem haben sie den Erfahrungen von Sibylle Hahn zufolge Organisationstalent und viel Ehrgeiz, die Ausbildung durchzuziehen. Stehen mit beiden Beinen im Leben und können eigenverantwortlich arbeiten. „Davon profitieren die Betriebe. Wer von ihnen einmal Teilzeitausbildungen angeboten hat, macht‘s wieder“, meint Sibylle Hahn weiter.

Unternehmen davon zu überzeugen, das Modell auszuprobieren, scheint aber weniger einfach zu sein. „Viele Unternehmen sind abgeschreckt, weil sie die Produktivität bedroht sehen“, weiß Uwe Walz von der Gesellschaft für medizinisches Fahr- und Transportmanagement, die Teilzeitausbildungen anbietet. Diese Sorge sei jedoch unberechtigt. „Bei Teilzeitazubis ist die Bereitschaft, schnell zu entscheiden und zu handeln besonders hoch“, sagt Walz. Das komme von Erfahrungen, die nur Azubis machen, die Kinder haben. Wenn das Kind in die Kita muss und der Schnürsenkel gerissen ist oder die Windel voll, müsse auch schnell gehandelt werden.

Flexibilität gefragt

Auch die Deutsche Telekom AG zieht eine positive Bilanz. „Es gibt immer mal wieder Schwierigkeiten, aber man bekommt wahnsinnig viel zurück“, sagt Susanne Langstroff vom Frankfurter Ausbildungszentrum der Telekom. Bei der Telekom sind die Teilzeitazubis fester Bestandteil des Unternehmens. „Die Teilzeitazubis werden nicht separiert und bekommen volles Gehalt“, berichtet Langstroffs Kollege Thomas Baschek. Doch nicht bei allen Unternehmen lässt sich die Teilzeitausbildung so erfolgreich integrieren, ist zumindest Oliver Fischer überzeugt. „Nicht jeder Ausbildungsberuf ist für eine Teilzeitausbildung geeignet. Handwerkliche Berufe bringen im Gegensatz zu kaufmännischen Berufen, dem Einzelhandel, IT-Berufen, der Pflege und Erziehung nicht die nötige organisatorische und zeitliche Flexibilität mit“, sagt er. In den Ausbildungsberufen, die genügend Flexibilität mitbringen, wird die Teilzeitausbildung schon vielfach angeboten, besonders seit 2005. Seit diesem Jahr sind Teilzeitausbildungen im deutschen Berufsbildungsgesetz (BBiG) verankert. Bei berechtigtem Interesse, was bei Müttern, Vätern und pflegenden Angehörigen der Fall ist, ist seither ein Antrag auf die Verkürzung der wöchentlichen oder täglichen Arbeitszeit gesetzlich unterstützt. Der Bundesagentur für Arbeit zufolge schließen nun jährlich rund 1000 Mütter, Väter und pflegende Angehörige einen Teilzeit-Ausbildungsvertrag ab. Elke Bischoff vom Verein für berufliche Frauenförderung, einem der zahlreichen Bildungsträger, die bei der Suche und Durchführung einer Teilzeitausbildung unterstützen, ist froh über diese Entwicklung: „Wir wollen eine produktive und gerechte Gesellschaft, wir wollen, dass weiter Kinder geboren werden. Teilzeitausbildungen sind ein guter Schritt dafür.“

* Name von der Redaktion geändert

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